Mercedes-Strategie: Warum Hamilton wählen durfte und Bottas nicht

Christian Nimmervoll
·Lesedauer: 7 Min.

Die Mercedes-Hasser haben's doch immer schon gewusst: Lewis Hamilton genießt also doch einen Sonderstatus, und wenn's hart auf hart kommt, darf er sich seine Strategien aussuchen, Valtteri Bottas aber nicht. Ein Eindruck, den Kritiker des deutsch-britischen Erfolgsteams nach den vergangenen beiden Formel-1-Rennen in Portimao und Imola gewinnen konnten.

Denn als Bottas vor einer Woche beim Grand Prix von Portugal für seinen letzten Stint eigentlich die Soft-Reifen angefordert hatte, bekam er stattdessen den Hard verpasst. Als Hamilton aber am Sonntag beim Grand Prix der Emilia-Romagna seinen ersten Stint verlängern wollte, durfte er das.

Eine Verschwörung gegen den Finnen?

Mitnichten! Mercedes hat, um beiden Fahrern Chancengleichheit im besten Interesse des Teams zu gewähren, vor einigen Jahren rennfahrerische und rennstrategische Verhaltensrichtlinien entwickelt. Das Papier trägt den Namen 'Racing-Intent' und regelt unter anderem solche Situationen, wie sie in Portimao und Imola vorgekommen sind.

Nicht einmal Bottas selbst hat ein Problem damit, wie der Mercedes-Kommandostand die beiden "völlig unterschiedlichen Szenarien", wie er sagt, gehandhabt hat: "Wir sind die Pläne am Morgen vor dem Rennen noch gemeinsam durchgegangen. Was passiert, wenn einer von uns unter Druck gerät und Red Bull die Chance auf einen Undercut bekommt."

Mercedes: Führender gegen Undercut geschützt

In Imola sei eben er als Führender am meisten gefährdet gewesen. Denn wäre Max Verstappens Undercut aufgegangen, hätte Mercedes unter Umständen nicht nur Hamiltons zweiten Platz, sondern im schlimmsten Fall sogar die Führung verlieren können. Umgekehrt, versichert Bottas, hätte Mercedes das Szenario genauso gehandhabt.

Dass Hamiltons beste Chance dann war, den ersten Stint zu verlängern und mit schnellen Rundenzeiten zu versuchen, in Führung zu gehen, war nicht das erfolgversprechendste Szenario. Aber eins, das wegen Hamiltons Extraklasse und Bottas' Aerodynamik-Handicap (ein Teil von Vettels Ferrari hatte sich an seinem Unterboden verheddert) aufging.

Das war durch den "Racing-Intent" aber gedeckt und keine verschwörerische Bevorzugung des bald siebenmaligen Weltmeisters: "Wäre ich an Lewis' Stelle gewesen, hätte ich es genauso gemacht. Dann wäre ich auch länger draußen geblieben und hätte meine Chance gesucht", stellt Bottas klar. "Für Lewis hat sich das gelohnt. Aber umgekehrt wäre es genauso gewesen."

"In Portimao, stimmt, hatte ich zwar um den Soft gebeten. Aber mit dem Soft hätte ich mein Rundenzeit-Ziel, um bis zum Ende durchfahren zu können, eh nicht geschafft", winkt der Finne ab. "Der 'Racing-Intent' ist gut und funktioniert. Wir halten uns an diese Regeln. Das ist total fair. Das ist genau so eine Sache, die es uns als Team ermöglicht, das zu tun, was wir eben tun."

Hamilton hatte dann natürlich auch noch das Glück des Tüchtigen auf seiner Seite. Als FIA-Rennleiter Michael Masi in der 30. Runde von gelben Flaggen auf virtuelles Safety-Car VSC umschaltete, fuhr er gerade durch Rivazza und hatte sieben zu überrundende Fahrzeuge unmittelbar vor sich. Er wäre vermutlich sowieso an die Box gekommen. Mit dem VSC wurde das zum "No-Brainer".

Wurz sicher: Hamilton hätte auch ohne VSC gewonnen

Hamilton hatte 28,4 Sekunden Vorsprung, als die VSC-Phase begann. 'ORF'-Experte Alexander Wurz ist überzeugt: "Er wäre auch ohne virtuelles Safety-Car eine halbe Sekunde vor Bottas rausgekommen." So half das VSC mit. Just in dem Moment, als Hamilton aus der Box fuhr, gab Masi das Rennen wieder frei. Und Hamilton hatte plötzlich fünf Sekunden Vorsprung.

Die nächste Verschwörung? Hat die Rennleitung die VSC-Phase genau so gerichtet, um Hamilton an Bottas vorbeizuschleusen? Natürlich eine völlig unsinnige Theorie, die aber auf verschiedenen Social-Plattformen hitzig diskutiert wurde. Dabei vergessen die User: Was hätte die FIA davon, ausgerechnet jenen Fahrer zu unterstützen, der die Formel 1 gerade zu Tode gewinnt?

Zumal Esteban Ocons Renault ausgerechnet an der unübersichtlichen Stelle zwischen Acque Minerali und Variante Alta ausgerollt war. In der Redaktion meldete sich ein Ex-Streckenposten, der sogar die VSC-Phase als zu lasch empfand und ein vollwertiges Safety-Car für angemessen eingestuft hätte: "Blinde Kuppe und Kurve. Wenn da was ist, haben die Marshalls keine Chance."

Masi erklärt, warum sich die Rennleitung letztendlich "nur" für ein VSC entschied: "Esteban stellte zum Glück ganz in der Nähe einer Stelle ab, wo eine Öffnung in den Leitplanken war. Wir warteten ab, bis die Marshalls vor Ort waren. Bevor sie auf die Strecke liefen, stellten wir mit Doppel-Gelb sicher, dass die Gefahr ausreichend angezeigt wurde."

"Als dann alles bereit war, das Auto schnell wegzuschieben und die Marshalls auf die Strecke zu schicken, war es Sinn und Zweck des VSC, ihnen zu ermöglichen, zum Auto zu laufen und das Auto so rasch wie möglich durch die Öffnung zu schieben, auf sichere Art und Weise. Als das erledigt war, gab es keinen Grund, die VSC-Phase länger aufrechtzuerhalten."

Wie Bottas für Hamilton das Rennen gewann

Perfektes Timing für Hamilton, Pech für Bottas. Aber der hatte den Sieg zu dem Zeitpunkt ohnehin schon verloren. Wie Hamilton mit gebrauchten Mediums durch die Überrundeten pflügte, während Bottas und Verstappen hinter ihm trotz freier Fahrbahn und neuer Reifen jede Runde die eine oder andere Zehntelsekunde langsamer waren, war beeindruckend.

Da hatte am ehesten Verstappen die Chance, Hamilton herauszufordern. Der Speed des Red Bull war besser als jener des Bottas-Mercedes, unter dem immer noch das Teil von Vettels Ferrari steckte. So konnte Bottas in der entscheidenden Phase nicht die Rundenzeiten fahren, die notwendig gewesen wären. Und der schnellere Verstappen wurde von ihm aufgehalten.

Bottas' Aero-Defizit sei "riesig" gewesen, erklärt Toto Wolff: "Hat 50 Punkte Abtrieb gekostet", so der Mercedes-Teamchef. Ein Pressesprecher schickte ein Foto des Teils, das beim zweiten Boxenstopp entfernt wurde (weil beim ersten, ohne Safety-Car und als Verstappen noch im Rennen war, nicht genug Zeit dafür blieb), an die WhatsApp-Gruppe für Journalisten.

"Sah aus wie ein halber Heckflügel", staunt Wolff. Tatsächlich war es ein Barge-Board. Der leitende Renningenieur Andrew Shovlin weiß: "Das wirkte sich natürlich desaströs auf die aerodynamische Performance des Fahrzeugs aus. Angesichts dessen war Valtteris Pace beeindruckend und er hatte den Stint gut im Griff."

In Runde 19 dann der Boxenstopp; eine Runde nach Verstappen, elf Runden vor Hamilton. "Wir haben mit Valtteris Stopp nur auf Max reagiert. Wir mussten uns gegen den Undercut schützen", erklärt Wolff. "Wir hatten den Gap dafür. Und Lewis machte dann natürlich genau das Gegenteil. Ich glaube, ohne das Wrackteil wäre es ganz eng geworden."

Erster Boxenstopp: Mechaniker bemühen sich vergebens

Der Mercedes-Kommandostand wusste da schon, dass etwas an Bottas' Unterboden klemmte: "Als Max an die Box ging, mussten wir mit Valtteri nachziehen und versuchten, das Teil herauszuziehen", sagt Shovlin. "Aber wir konnten uns keinen längeren Stopp leisten und mussten das Auto wieder herausschicken, obwohl das Teil noch festklemmte."

Dabei hatte das Rennen für Bottas genau nach Plan begonnen. Er gewann den Start, und noch dazu ging Verstappen an Hamilton vorbei. Plötzlich war ein Puffer zwischen den Mercedes-Piloten. Als Bottas ausgangs der Tosa-Kurve (Runde 2) das Vettel-Teil aufsammelte, hatte er schon 1,7 Sekunden Vorsprung. Tendenz steigend.

Am Ende der zweiten Runde, der fehlende Anpressdruck begann sich jetzt auszuwirken, waren es nur noch 1,1 Sekunden. "Ich konnte das Teil sogar sehen, ausgangs Kurve 7", schildert Bottas. "Ich hatte aber nicht mehr genug Zeit, um zu reagieren. Ich sah dieses große Carbonteil auf der Strecke liegen, und meine einzige Chance war ..."

Vom Team wurde er bei der Anfahrt sogar noch gewarnt: "Pass auf Kies in Kurve 7 auf!" Aber letztendlich war er chancenlos: "Ich konnte mir nur noch aussuchen, wie ich es treffe. Also entschied ich mich, mittig drüberzufahren, damit ich mir wenigstens keinen Reifen aufschlitze. Leider blieb es am Unterboden stecken."

"Das hat anscheinend um die 50 Punkte Abtrieb gekostet", ärgert sich der 31-Jährige, "und das macht auf die Rundenzeit bezogen ganz schön was aus." Wie er das gespürt hat? "Vor allem in den schnellen Kurven. Ich konnte spüren, wie das Auto rutscht. Manchmal war es beim Bremsen ziemlich unberechenbar. Manchmal blockierten die Räder ohne jede Vorwarnung."

"Ich hatte einfach nicht genug Abtrieb, das hat mir das Leben wirklich schwer gemacht. Ich war einfach nicht schnell genug, und Max hat von hinten Druck gemacht. Letztendlich ging er an mir vorbei, weil ich über mein Limit gehen musste, um mich überhaupt irgendwie verteidigen zu können. Ich habe mich verbremst, und das war's. Nicht mein Tag."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.