Mercedes: Warum man auf den Paradestrecken schwächelt

Sven Haidinger
Trotz neuer Teile holten die Silberpfeile auf den Paradestrecken in Spielberg und Silverstone nicht die erwarteten Siege: Kommt man im WM-Kampf unter die Räder?

 Bei Mercedes steigt die Anspannung: Bei den drei aufeinanderfolgenden Rennen in Le Castellet, Spielberg und Silverstone, die eigentlich allesamt dem Silberpfeil entgegenkommen, hat man nicht die erwarteten Punkte geholt. Und das, obwohl man ein großes Update-Paket sogar vorgezogen hat. Stattdessen hat Sebastian Vettel mit 50 WM-Punkten voll zugeschlagen, aber selbst Kimi Räikkönen war mit 48 Zählern erfolgreicher als Favorit Lewis Hamilton, der nur auf 43 Punkte kommt. Im WM-Klassement liegt Vettel nun acht Punkte vor Hamilton in Front.

Auffällig ist, dass Ferrari dieses Jahr überhaupt auf Strecken, die im Vorjahr Mercedes-Terrain waren, stark aussieht, was auch mit der deutlich verbesserten Ferrari-Antriebseinheit zusammenhängt. Das zeigte sich auch in Kanada, wo Vettel triumphierte.

"Klar hätte ich es gern gesehen, dass wir in Montreal, Österreich und Silverstone einen Vorsprung herausholen, und dann ein paar Punkte in Ungarn und in Singapur liegenlassen", verweist Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff auf das Vorjahr. "Aber wir müssen uns jetzt alles genau ansehen und so viele Punkte wie möglich holen. Denn diese Saison verläuft nach einem anderen Muster."

Wolff stellt klar: Reifen 2018 der entscheidende Faktor

Sicher spielte auch die Kollision zwischen Hamilton und Räikkönen in Silverstone eine Rolle, aber von der langjährigen Mercedes-Dominanz, die meist nur auf langsamen Kursen oder bei enormen Hitzerennen leicht bröckelte, ist dieses Jahr nichts mehr zu sehen. Stattdessen scheint Ferrari, wo derzeit jedes Update den erhofften Zeitgewinn bringt, überall siegfähig zu sein.

"Es stimmt, dass jeder bei jedem Rennen Updates bringt, und es gibt keine Geheimwaffe, die dir wie im Vorjahr auf einmal drei oder vier Zehntel bringt", erklärt Wolff. "Dieses Jahr ist es ein ständiger Lernprozess, was die Reifen angeht - und das beeinflusst die Leistung am meisten. Einmal kriegt man es hin, dann wieder nicht."

So fordert Ferrari Mercedes auf den Paradestrecke heraus

Ein Aspekt, der den Silberpfeilen auch dieses Jahr Kopfzerbrechen bereitet, während der Ferrari auf fast allen Kursen gut mit den Pneus umgeht. Nur zweimal hatte man leichte Reifenprobleme: in Barcelona, wo man den Kürzeren zog, und in Silverstone. "Wir hatten im Rennen ein paar Schwächen", gibt Vettel zu. "Am Ende des ersten Stints war Valtteri ein bisschen schneller, aber generell waren wir schnell, obwohl es für uns keine einfache Strecke ist."

Auffällig: Auf für den Ferrari schwierigen Strecken setzt die Scuderia dieses Jahr auf eine aggressive Strategie, um Mercedes herauszufordern: Während man in Spanien scheiterte und einen zusätzlichen Stopp einlegen musste, konnte Vettel in Silverstone in der Anfangsphase flüchten und war damit immun gegen einen Mercedes-Undercut.

Was in Silverstone dieses Jahr anders war

Doch wie aussagekräftig ist die Tatsache, dass Ferrari auf einer Strecke wie Silverstone, wo es um aerodynamische Effizienz und um Motorleistung geht, plötzlich die Oberhand hat? "Dieses Wochenende war alles ein bisschen anders als sonst, denn es war warm, was für Silverstone untypisch ist", relativiert Vettel. "Außerdem war der Wind nicht so stark, wir haben einen neuen Asphalt, es haben sich also ein paar Dinge geändert. Dennoch ist es eine knifflige Strecke, auf der man die Balance zwischen Abtrieb und Luftwiderstand hinkriegen muss."

Das Ergebnis zeige, dass man ein "sehr gutes Auto" habe, meint Vettel. "Wir haben ein paar neue Teile gebracht, die funktioniert haben", verweist er auf den neuen Unterboden, die neue Motorabdeckung und weitere Verbesserungen im Heck. "Wir sind daher sehr zufrieden, denn mit einem schnellen Auto kann man es umsetzen."

Auch Wolff glaubt, dass die Umstände etwas dazu beigetragen haben, dass die Silberpfeile in Silverstone nicht den fünften Sieg in Serie einfahren konnten. "Hätte es im Qualifying um zehn Grad weniger gehabt, dann hätten wir vielleicht bessere Runden zusammengebracht - und das gilt auch für das Rennen", verweist er auf Temperaturen im Bereich von 30 Grad. "Dennoch müssen wir daraus lernen, damit wir mit den Reifen bestmöglich umgehen."

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