Mercedes findet: Vettel-Strafe nach Frankreich-Foul zu lasch!

Heiko Stritzke

Statt eines eingeplanten zweiten oder dritten Platzes wurde es für Sebastian Vettel beim Großen Preis von Frankreich auf dem Circuit Paul Ricard in Le Castellet nur Rang fünf. Der Ferrari-Pilot leistete sich einen schwerwiegenden Fehler zu Beginn des Rennens, als er Mercedes-Pilot Valtteri Bottas torpedierte. Weil Lewis Hamilton das Rennen überlegen gewann, verlor er die Tabellenführung wieder an seinen Rivalen. Er bekam dafür eine 5-Sekunden-Zeitstrafe aufgebrummt.

Bottas erwischte es noch schlimmer: Vettel traf beschädigte nicht nur den linken Hinterreifen am Mercedes W09, sondern auch den Unterboden. Bottas musste sich im Schneckentempo an die Box zurückschleppen. Zum Glück für beide kam das Safety-Car durch eine weitere Kollision im hinteren Feld auf die Strecke, sodass beide noch aufholen konnten. Das gelang Vettel trotz der Strafe, die er bei seinem zweiten Stopp absaß, besser als dem Finnen, der letztendlich Siebter wurde.

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Dass es so ausging, sorgt für Diskussionen. Lewis Hamilton bezieht Stellung: "Wenn jemand einem das Rennen zerstört und ihm dann nur auf die Finger geklopft wird… Der Unfallverursacher sollte nicht einfach zurückkommen können und das Rennen vor dem anderen beenden."

Auch Niki Lauda empfindet die Strafe von fünf Sekunden als zu lasch: "Warum Vettel nur fünf Sekunden für einen solch enormen Fehler bekommt, kann ich nicht verstehen. Es ist zu wenig. Man könnte ihm mehr Zeit aufbrummen. Fünf Sekunden ist doch gar nichts. Er hat Valtteris Rennen komplett zerstört und seines dazu."

Vettel gibt Fehler zu: Start war zu gut

Sebastian Vettel bemüht sich gar nicht erst, sich rauszureden: "Letztlich war ich derjenige, der schuld war. Mein Start war zu gut. Ja, das hört man selten. Aber ich hatte keine Möglichkeit, irgendwo hinzugehen." Tatsächlich beschleunigte Vettel auf dem Ultrasoft-Reifen besser als beide Mercedes, die mit dem härteren Supersoft gestartet waren. Doch dann wurde er hinter Hamilton und neben Bottas eingekastelt. Der Finne hatte zu seiner Rechten noch Max Verstappen neben sich.

 

Vettel beschreibt die unangenehme Situation: "Ich hing fest und wollte rechts rüber, aber da war Valtteri. Links hat Lewis zugemacht. Da war mir klar, dass ich rausnehmen muss. Aber da war einfach kein Grip und dann war da kein Platz mehr. Es ist schade für ihn, denn er hat nichts falsch gemacht. Und natürlich auch schade für uns, weil wir um ein besseres Resultat gebracht wurden."

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Zu allem Überfluss schickte er in der nächsten Kurve auch noch Romain Grosjean geradeaus, weil er durch den fehlenden Flügel keinen Grip mehr auf der Vorderachse hatte. Der Vorfall blieb ohne Folgen, weil auch dem Haas-Piloten kein Nachteil entstanden war.

Bottas geht nicht auf Vettel los und kommentiert den Unfall mit finnischer Gelassenheit: "Wir fuhren Seite an Seite auf die Bremszone zu und ich ging auf die Außenbahn. Ich habe etwas später gebremst und auf der Innenbahn genug Raum für ihn gelassen. Aber er hat mich dann einfach gerammt. Ich bekam dadurch einen Plattfuß und durch den Plattfuß wurde der Unterboden beschädigt, was sich auf das weitere Rennen ausgewirkt hat."

Valtteri Bottas, Mercedes AMG F1 W09, goes off the track on the first lap of the race Motorsport.com

Valtteri Bottas, Mercedes AMG F1 W09, goes off the track on the first lap of the race

Foto: Glenn Dunbar / LAT Images

Was sich bei Bottas noch wenig spektakulär anhört, rückt Toto Wolff ins rechte Licht: "Da war der ganze Unterboden rund um den Hinterreifen samt Abdeckung komplett zerschossen. Valtteri hat gesagt, das Auto habe sich schockierend angefühlt. Für ihn war das todunglücklich. Es war einfach eine Fehleinschätzung von Sebastian. Die hat Valtteri das Rennen ruiniert - und natürlich auch sein eigenes."

Räikkönen: Wir leben mit den Strafen

Zurück zur Ausgangsfrage: War die Strafe berechtigt? Vettels Teamkollege Kimi Räikönen, der in Le Castellet Dritter wurde, findet: "Die Sportkommissare entscheiden, wie sie es für richtig halten. Wir leben damit. Ist es immer fair? Vielleicht nicht, aber über einen längeren Zeitraum gleicht sich das alles aus."

Alexander Wurz hält fünf Sekunden für angemessen: "Die Strafe hat ihre Berechtigung. Er hat den Unfall verursacht. Es ist immer eine Frage, wie weit man geht und wie weit geht man nicht. Lewis Hamilton hätte gerne zehn, 20, 30 Disqualifikationen, das ist ganz klar. So lange die Stewards konstant bleiben und bei solchen Fällen immer dieselbe Strafe aussprechen, soll es mir Recht sein."

Valtteri Bottas, Mercedes AMG F1 W09, with a puncture Motorsport.com

Valtteri Bottas, Mercedes AMG F1 W09, with a puncture

Foto: Joe Portlock / LAT Images

Hamilton hält dagegen: Ihm gehe es nicht um Vettel, sondern ums Prinzip. "Es ist ein Rennunfall, solche Dinge können passieren. Wir fahren mit hohen Geschwindigkeiten in diese Kurven hinein. Um ehrlich zu sein, hatte ich erst befürchtet, dass er auch noch mich erwischt, als ich das im Rückspiegel gesehen habe. Aber ich finde nicht, dass er mehr Fehler macht als andere. Wir fahren hier um eine Weltmeisterschaft. Das ist halt keine Eisenbahntrasse."

Fotos: Formel 1 in Le Castellet 2018

"Ich bin enttäuscht, weil es für uns ein Doppelerfolg hätte werden können", so der neue Tabellenführer weiter. "Das ist das ultimative Ziel, das dieses Team hat, und Valtteri hat einen soliden Job an diesem Wochenende und das ganze Jahr über gemacht."

Starke Aufholjagd bringt Vettel in 15 Runden zurück

Nach dem Malheur konnte Vettel mit einer starken Aufholjagd noch Schadensbegrenzung betreiben. Binnen 15 Runden ging es von Platz 17 bis auf Rang fünf nach vorne, wo er letztlich - von ein paar zwischenzeitlichen Veränderungen durch Boxenstopps abgesehen - auch bleiben sollte. "Die Rennpace war ziemlich gut und wir hätten mit Mercedes mindestens mithalten können", glaubt der Ferrari-Pilot, rudert aber zurück: "Es ist schwer zu sagen, weil ich erst auf älteren und dann auf frischeren Reifen als alle anderen gefahren bin."

 

Bottas hingegen hatte beim zweiten Boxenstopp noch ein größeres Problem, als der Mercedes vom Wagenheber rutschte. "Ich habe einiges an Zeit verloren, was uns letztendlich wahrscheinlich einen Platz gekostet hat", so der 28-Jährige. Damit meint er die Position gegen Kevin Magnussen, der knapp vor ihm auf Rang sechs durchs Ziel ging. Das Virtuelle Safety-Car ganz am Ende spielte nicht in Bottas' Karten.

Wie er die Mercedes-Pace gegenüber Ferrari einschätzt? "Ich weiß nicht. Ich weiß nicht, was außerhalb meines Rennens heute passiert ist. Gestern waren wir schneller, für heute müssen wir in die Daten schauen."