Im sibirischen Kemerowo werden Opfer der Brandkatastrophe zu Grabe getragen

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Hinterbliebene in Kemerowo trauern um Opfer

Tag der Trauer in Russland: Das ganze Land hat am Mittwoch der Opfer der Brandtragödie in einem sibirischen Einkaufszentrum gedacht. Fahnen wehten auf Halbmast, Unterhaltungsveranstaltungen wurden abgesagt. In der Region Kemerowo wurden die ersten Toten beerdigt, unter ihnen eine Lehrerin, die in dem Feuer viele Kinder gerettet hatte. Über die Opfer wurden immer mehr Einzelheiten bekannt. Das jüngste von ihnen war erst zwei Jahre alt.

Amtlichen Angaben zufolge kamen bei dem Feuer am Sonntag 64 Menschen ums Leben, unter ihnen 41 Kinder. Bis zum Mittwoch wurden nach Angaben des regionalen Notfallministers Alexander Mamontow 27 Tote identifiziert. Viele Familien verloren mehrere Angehörige. Laut der von den Behörden veröffentlichten Liste mit den Namen der Opfer waren 19 der Toten unter zehn Jahre alt.

Unter ihnen war der zweijährige Roman - einer von drei Enkelkindern, die Nadeschda Wostrikowa betrauert. Sie verlor zudem ihre Tochter und ihre Schwiegertochter. "Es war Romans erster Kinobesuch", sagte Wostrikowa der Zeitung "Moskowski Komsomolez". "An dem Tag hatte ich das Gefühl, wir sollten lieber zu Hause bleiben. Ich hätte auf meinen Instinkt hören sollen." Ihr Sohn Igow Wostrikow, Vater der drei toten Kinder, war einer der Demonstranten, die am Dienstag in Kemerowo lautstark gegen die Behörden protestiert hatten.

Unter den ersten Beerdigten war laut der Nachrichtenagentur Ria Nowosti die 57-jährige Nadeschda Agarkowa, die zusammen mit ihrem achtjährigen Enkel Konstantin und ihrer zehnjährigen Enkelin Maria im Multiplex-Kino der Shopping Mall starb. Mehrere hundert Menschen kamen zu Agarkowas Beerdigung.

Dutzende Schüler nahmen an der Beerdigung der Lehrerin Tatjana Darsalija teil. Die Englischlehrerin hatte ihre Tochter aus dem brennenden Kino retten können. Die 37-Jährige kehrte dann nochmal in den Kinosaal zurück, um andere Kinder zu retten, wie Schüler berichteten. Dabei starb sie selbst.

Die Klasse 5A aus dem Dorf Treschtschewski verlor in dem Unglück die Hälfte ihrer Schüler. Sechs Mädchen im Alter von elf und zwölf Jahren starben, darunter zwei Schwestern. Die Klasse hatte den Film "Peter Hase" angeschaut.

Ganz Russland stand am Mittwoch im Zeichen der Trauer. Die Zeitungen druckten schwarz-weiße Titelseiten oder Fotos der Opfer. Fernsehsender blendeten schwarze Trauerbänder ein, auf denen "Kemerowo - wir trauern" stand. Im Oberhaus der russischen Duma erschienen die Senatoren schwarzgekleidet und gedachten zu Beginn der Sitzung der Opfer von Kemerowo.

In der Region Kemerowo hatte bereits am Dienstag eine dreitägige Trauerzeit begonnen. Am selben Tag protestierten im Zentrum der Industriestadt hunderte Menschen aus Zorn über Korruption, die Verletzung von Sicherheitsvorschriften, das Nichtfunktionieren der Alarmanlage und die ungenügende Zahl von Feuerwehrleuten.

Zorn richtete sich auch gegen den Regionalgouverneur Aman Tulejew. Dieser verlor zwar selbst seine Nichte in dem Großfeuer, tauchte aber nicht am Ort der Katastrophe auf und vermied auch den Kontakt mit aufgebrachten Bürgern.

Die Demonstranten forderten den Rücktritt des Gouverneurs und den von Präsident Wladimir Putin. Der erst kürzlich für wiedergewählte Staatschef hatte am Dienstag in Kemerowo das Unglück auf "kriminelle Nachlässigkeit und Schlamperei" zurückgeführt. Die offizielle Reaktion aus Moskau empfanden viele Menschen in Kemerowo jedoch als verspätet und ungenügend.

Am Mittwoch forderte Putin Sicherheitsüberprüfungen für ähnliche Einkaufszentren im Land. Staatsanwälte ordneten bereits an, die Sicherheitseinrichtungen in Shoppingcentern mit Freizeiteinrichtungen unter die Lupe zu nehmen.

Die Behörden ermitteln wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung, Missachtung von Brandschutzvorschriften und Anbieten unsicherer Dienstleistungen. Bislang wurden fünf Verdächtige festgenommen. Nach Angaben der Ermittler brach das Feuer vermutlich wegen eines elektrischen Defekts aus.

Ein Gericht entschied am Mittwoch, dass zwei Verdächtige bis zum 25. Mai im Gewahrsam bleiben: der Chef des Unternehmens, das die Shoppingmall verwaltet, und ein Wachmann.