Menschen klonen: "Das ist nicht unrealistisch"

Zum ersten Mal wurden erfolgreich Affen geklont. Sind Versuche an Menschen der nächste Schritt? (Bild: Getty Images)

22 Jahre nach Klon-Schaf „Dolly“ ist es chinesischen Wissenschaftlern gelungen, Affen zu klonen. In der Forschung gilt das als Meilenstein. Warum ein Versuch an Menschen unverantwortlich und dennoch denkbar wäre, erklärt hier exklusiv die Bioethikerin Dr. Solveig Lena Hansen.

Zhong Zhong und Hua Hua heißen die beiden Javaneraffen, die Forscher der staatlichen Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Shanghai geklont haben. Wie Mitte der Neunzigerjahren beim Schaf „Dolly“ entnahmen sie dafür Eizellen eines weiblichen Tieres, entfernten das Erbgut und ersetzten es durch das eines anderen Spendertieres. Die Eizelle setzten sie einer Leihmutter ein, die daraufhin Zwillinge zur Welt brachte.

Die Nachricht fand weltweit Beachtung und gilt als enormer Fortschritt der Wissenschaft. Das liegt nicht etwa an der Methode, die schon viel früher zum Einsatz kam. Der Knackpunkt ist ein anderer: „Die genetische Nähe zum Menschen macht natürlich einen Unterschied“, erklärt Dr. phil. Solveig Lena Hansen gegenüber Yahoo Nachrichten die Aufregung. „Je höher die Säugetiere entwickelt sind, desto unwahrscheinlicher ist es, dass lebende Organismen zur Welt kommen und tatsächlich auch überleben – davon ist man lange ausgegangen. Daran, dass das Klonen mit Affen klappt, haben viele nicht geglaubt.“

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Der britische Biologe John Gurdon hatte schon 1958 Frösche geklont, erregte damit aber weit weniger Aufsehen, als es 1996 das berühmteste Schaf der Welt vermochte. Schließlich war es das erste geklonte Säugetier – die Javaneraffen sind den Menschen noch ähnlicher. „Die Diskussion wäre noch intensiver, wenn es Schimpansen wären“, vermutet die Bioethikerin, Autorin der Studie „Alterität als kulturelle Herausforderung des Klonens. Eine Rekonstruktion bioethischer und literarischer Verhandlungen”. Sie erklärt, wie es in der Wissenschaft geregelt wird, an welchen Tieren man was erforschen darf: „Dem liegt ein hierarchisches Stufenmodell zugrunde. Je mehr Bewusstsein eine bestimmte Spezies hat, desto eingeschränkter darf man an ihr forschen. Dieses Modell tragen alle mit, die Tierversuchen ein gewisses Recht einräumen.“

Das geklonte Schaf Dolly wurde nur sechs Jahre alt. Die durchschnittliche Lebenserwartung von Schafen liegt bei zwölf Jahren. (Bild: AFP)

Bezüglich der geklonten Affen befürchtete etwa Peter Dabrock, der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Proteste von Tierschützern. Gleichzeitig sagte er in seiner Stellungnahme aber auch, dass Tierversuche manchmal „schmerzlicherweise unumgänglich“ seien. Eine Meinung, die auch Dr. Hansen teilt. „Wenn man Tierversuche komplett einschränkt, begrenzt man einerseits die Freiheit der Forschenden und andererseits einen potenziellen Nutzen für Menschen. Das ist das, was man abwägen muss.”

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Neben der offenen Frage um die langfristige Gesundheit der Affen hat der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats auch die Namen der Geschwister kritisiert. Das Wissenschaftsjournal „Cell“, das als erstes von dem geglückten Klon-Versuch berichtete, wies daraufhin, dass sich „Zhonghua“ mit „chinesische Nation“ übersetzen lässt. Für den Theologen Dabrock ein eindeutiger Hinweis darauf, dass es den Chinesen bei den Versuchen „vor allem um Prestige und andere nicht hochrangige Ziele“ gegangen sei.

„Wenn wir Affen klonen können, können wir auch Menschen klonen“

Dass der Durchbruch in China gelungen ist, betrachtet Dr. Hansen nicht als Zufall. Denn obwohl der an der Studie beteiligte Neurologe Mu-ming Poo in einer Stellungnahme erklärte, sein Team habe sich an internationale Richtlinien gehalten, dürften die das geringste Problem gewesen sein.  Anders als für Versuche an Menschen gibt es für Tierversuche kaum internationale Richtlinien. Viele Länder haben eigene Vorschriften und Gesetze, und die lassen gerade auch in China ziemlich viel Spielraum. „Für Europa und gerade für Deutschland gibt es aber sehr strenge Regeln“, weiß die Expertin. „In Deutschland gibt es das Tierschutzgesetz, Selbstverpflichtungen der großen wissenschaftlichen Institutionen wie das der Max-Planck-Gesellschaft oder der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Außerdem prüfen lokale Tierschutzethikkommissionen jedes Forschungsvorhaben.“

In Deutschland sind jegliche Versuche an Menschenaffen, also an Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans verboten. Allerdings gebe es neben den ethischen noch ganz andere Gründe, die gegen solche Versuche sprächen: „Die Haltung und die Versuchsreihen selbst sind unglaublich teuer.“

Dem hohen Risiko stünde keinerlei Nutzen gegenüber

Jenseits ethischer Bedenken bezüglich der Versuchstiere werfen die geklonten Äffchen noch eine ganz andere Frage auf. Nämlich die, was als nächstes kommt. Die chinesischen Forscher haben in einem Statement eines ganz deutlich gesagt: „Theoretisch gilt: Wenn wir Affen klonen können, können wir auch Menschen klonen.“ Die Bioethikerin hält alleine schon den Versuch am Menschen für unverantwortlich. Dafür müsse man beachten, wie viele Versuche es gebraucht habe, bis die beiden Affen-Zwillinge geboren wurden. Bei 200 Embryonen, die das Erbgut aus adulten Zellen eingesetzt bekamen, hat das Klonen nicht funktioniert. Aus den rund 100 Embryos, die fötale Zellen eingesetzt bekamen, kamen gerade einmal sechs Schwangerschaften in Leihmuttertieren zustande. Vier Affen kamen tatsächlich zur Welt und nur zwei davon überlebten.

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„Am Menschen gibt es überhaupt keinen Nutzen, der diesem sehr hohen Risiko gegenübersteht“, sagt Dr. Hansen. Frauen müssten Eizellen spenden, künstliche Befruchtungen durchgeführt, die Embryonen kultiviert und schließlich einer menschlichen Leihmutter eingesetzt werden. Sofern die Föten dann große Anomalien aufwiesen, müssten sie abgetrieben werden. „Es gibt beim Menschen nichts, was das aufwiegen würde. Ich habe mich immer wieder gefragt: Warum sollte man Menschen klonen? Welcher rationale Grund könnte dahinterstehen? Mir ist bis heute keiner eingefallen.“

Dass Forscher trotzdem weitergehen und die Versuche auch auf den Menschen ausweiten könnten, hält sie dennoch für denkbar: „Ich persönlich halte es nicht für verantwortlich. Aber nachdem, was jetzt passiert ist, halte ich es auch nicht mehr für unrealistisch.“

Sehen Sie die geklonten Äffchen im Video