Meisners Vermächtnis: Der Kardinal war Vorbote der Einheit und unermüdlicher Mahner

Die Wahrheit war für Kardinal Joachim Meisner nie verhandelbar.

Es braucht nicht göttliche Vorsehung bemüht zu werden noch ein schicksalhaftes Walten, um die Nähe der Todestage von Kardinal Joachim Meisner und Ex-Kanzler Helmut Kohl bemerkenswert zu finden. Meisner war auf eigene Weise der kirchliche Vorbote der deutschen Einheit, für die Kohl auf staatlicher Seite zur unbestrittenen Symbolfigur wurde.

Kohl und der Kardinal mochten einander nicht sonderlich. Dem Pfälzer und „rheinischen Katholiken“ war Meisners Strenge in dogmatischen und moralischen Fragen eher fremd. Meisner wiederum ging immer wieder mit Kohls CDU ins Gericht, weil sie nach seiner Meinung das christliche „C“ zu klein schrieb, speziell im Streit über den Paragrafen 218. Demokratischer Kompromiss hatte für Meisner immer etwas Faules – weil die Wahrheit für ihn nicht verhandelbar war.

Bischof und Kardinal im geteilten Berlin

1975 wurde der damalige Krakauer Erzbischof Karol Wojtyla, nachmals Papst Johannes Paul II., auf Meisner aufmerksam. Nicht nur die Marienfrömmigkeit, auch das geschichtliche Erbe ihrer Heimat ließ ein enges Band entstehen. Der Pole machte den Schlesier 1980 zum Bischof der geteilten Stadt Berlin und 1983 auch zum Kardinal. Der Papst wollte, dass ein Mann nach seinem Herzen – eloquent und konsequent, glaubensstark und staatsfern – die Einheit des Bistums in der Frontstadt des Kalten Krieges repräsentieren sollte.

Mit zwei Dienstsitzen im Osten und Westen hatte Meisner das Privileg eines Grenzgängers zwischen den Welten. Und als er 1989 auf Geheiß des Papstes ganz nach Westen ging, nahm er unwissentlich vorweg, was für alle Bürger der DDR nur wenige Monate später Wirklichkeit werden sollte.

Gottgewolltes Geschehen

Meisner hieß nicht alles gut, was sich im Gefolge der deutschen Einheit entwickelte. Vor allem die Entchristlichung in den neuen Ländern war für ihn im Sinne einer Versuchsanordnung für ganz Deutschland der Blick in ein Labor des Schreckens, nicht der Chancen. Zwar sah er im Untergang des Kommunismus ein letztlich gottgewolltes Geschehen.

Da dachte er geschichtstheologisch in den Kategorien einer historischen Bestimmung. Aber dann fehlte ihm nach Jahrzehnten in einem totalitären Regime theologisch und menschlich das Vertrauen, auch die neu gewonnene Freiheit als Gnadengeschenk für unsere Zeit anzunehmen. Vielleicht liegt darin die Tragik im Wirken eines unbestreitbar bedeutenden christlichen Boten: Je größer er Gott und Kirche machte, desto kleiner geriet ihm das Format des Menschen.

Zwei Symbolgestalten

Als Koinzidenz der Ereignisse sind Meisners Tod und die fast gleichzeitige Ablösung Gerhard Müllers als Präfekt der Glaubenskongregation durch Papst Franziskus innerkirchlich eine weitere Zäsur. Beide Kardinäle sind Symbolgestalten einer Kirche, in der keine Fragen offenbleiben.

Meisner beeindruckte selbst die liberalsten Geister damit, wie perfekt und präzise in seiner Darstellung die Räder der göttlichen Weltmaschinerie mit ihrem in der Bibel und der kirchlichen Dogmatik niedergelegten Bauplan ineinandergriffen. Ganz ähnlich käme Müller kaum auf den Gedanken, dass ein Auseinanderfallen der katholischer Lehre und des Lebens der Katholiken weniger eine Aufforderung zur Veränderung des Lebens ist als ein Indiz für die Korrekturbedürftigkeit der Lehre.

Die Kirche als Ort des Anstoßes

Mit Meisners Tod ist eine Stimme verstummt, die unermüdlich vom sündigen Menschen in der heiligen Kirche sprach. Es braucht Mahner wie ihn, damit die Kirche keine Wellness-Oase wird, sondern ein Ort des Anstoßes und des Kontrasts bleibt – aber eben nicht in einem scheinbar gottgegebenem Widerspruch zur Welt, sondern in der beständig neuen Suche nach dem, was das Leben des Menschen in der Welt von heute gelingen lässt. So gesehen, ist auch das ein Vermächtnis von Kardinal Joachim Meisner....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta