Wie ich meinen Schlafproblemen den Kampf ansagte – und was dann passierte

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Warum schlafen ein Drittel aller Deutschen so schlecht, wachen nachts auf und sind am Morgen zermürbt? Der Autor Dieter Bednarz ist dieser Frage in seinem neuen Buch „Augen zu und Schlaf!“ bei Deutschlands führenden Schlafmedizinern auf den Grund gegangen. Bednarz weiß, wovon er spricht. Er leidet seit Jahren unter Schlafstörungen, schlief vor seinen Recherchen selten länger als vier Stunden am Stück. Mithilfe einiger wissenschaftlicher Erkenntnisse gelingt es ihm nun, nachts etwas besser zur Ruhe zu kommen. Hier findet ihr einen exklusiven Auszug aus seinem Buch.

Es passierte nach einer dieser vielen Tausend Nächte, die ich schlecht geschlafen hatte, mitten auf einer unbeschwerten Kreuzfahrt von Kreta nach Mauritius, zu der ich als Autor eingeladen war, um aus meinen Büchern zu lesen. Irgendwo zwischen Arabischem Meer und Indischem Ozean hatte ich genug von meinem allabendlichen Motto „Augen zu und durch“, von jenem ewigen „schlaflos durch die Nacht“. Ich beschloss, endlich etwas zu tun gegen meine nächtliche Unruhe, die mehr und mehr zu einem Raubbau an meiner Gesundheit geworden war. Und diesmal sollte es nicht bei bloßen Ankündigungen bleiben. Nein, diesmal sagte ich meinen Schlafstörungen regelrecht den Kampf an.

Welche Konsequenzen diese Entscheidung haben sollte, ahnte ich an jenem Morgen zwischen Oman und den Seychellen nicht im Geringsten: Sie sollte mein Leben revolutionieren, na ja, zumindest die Qualität meines Nachtlebens deutlich verbessern.

Eigentlich hatte ich auch keine andere Wahl. Mein Entschluss war „alternativlos“, wie Angela Merkel als Kanzlerin immer zu sagen pflegte. Übrigens: Zumindest mit dem Schlafen hat die mächtigste Frau Europas kein Problem. Um „einigermaßen konstante Laune“ zu haben, gestand sie einmal, müsse sie nur darauf achten, auf mehr als vier Stunden Schlaf zu kommen. Mehr als vier Stunden? Obwohl ich nicht einmal in unserem kleinen Familienbetrieb, zu Hause bei meinen vier Frauen, die Chef-Rolle habe, war ich schon für unvorstellbare vier Stunden Schlaf am Stück zutiefst dankbar. Damals, im November 2019.

Warum ich gerade an jenem Morgen an Bord beschloss, mir meinen Schlaf nicht länger rauben zu lassen? Weil die Voraussetzungen für einen traumhaften Schlaf idealer nicht hätten sein können: ein wunderbares Kreuzfahrtschiff, strahlend blauer Himmel, tiefblaues Meer. Kein Wölkchen am Himmel, kaum Wellen auf dem Wasser. Und im Gegensatz zu den gut 1200 Passagieren an Bord musste ich keinen Cent für die Reise zahlen, bekam ich sogar noch Geld dafür, dass ich den Passagieren hin und wieder zeigte, dass ich aus meinen eigenen Büchern fehlerfrei vorlesen kann. Die Gäste wiederum zeigten sich als sehr dankbares Publikum und schickten mich nach meinen abendlichen Auftritten mit herzlichem Applaus ins Bett.

Und dann? Zufrieden machte ich das Licht aus – und die Qual begann. Linke Seite, rechte Seite, Bauchlage. Die Rückenlage, angeblich die gesündeste, geht bei mir ganz und gar nicht. So wälzte ich mich hin und her, dämmerte ein, wachte in einem einzigen Feuchtgebiet auf, wechselte das T-Shirt, wälzte mich in meiner Pfütze wieder hin und her, dämmerte ein, wachte wieder auf und suchte das nächste trockene T-Shirt. Da einer wie ich nachts sonst nichts zu tun hat, vertrieb ich mir die Zeit mit Zweifeln. Ich zweifelte an mir, ich verzweifelte an meiner Bettflucht.

In jener Nacht der Kriegserklärung an meine Schlafstörungen aller Art stand ich zwischen drei und vier Uhr in der Früh an der Fensterfront meiner Kabine, sah hinab auf die sanften Wellen, in denen sich das warme Mondlicht spiegelte, blickte hinauf zu strahlend hellen Sternen und lauschte dem vertrauten Stampfen der Schiffsmotoren. Alles so friedlich. Alles geradezu perfekt, um sich in Morpheus’ Arme zu werfen. Der griechische Gott der Träume war mir jedoch noch nie gnädig gewesen. Warum hätte er sich gerade heute Nacht erbarmen sollen? Und sein Sohn Hypnos, der Gott des Schlafs? Er schien mir auch in dieser Nacht zu zürnen. Womit hatte ich seinen Zorn erweckt? Was, verdammt noch mal, hatte ich verbrochen, dass er mich einmal mehr nicht schlafen ließ? Was machte ich falsch? Seit Jahren schon!

Um meinen Kollegen aus Cabaret, Comedy, Tanz, Musik und Magie am nächsten Morgen meine Zerschlagenheit zu erklären, berichtete ich ihnen beim Frühstück von meinem exzessiven Nachtleben. Und siehe da: Zwei gestanden mir ähnliche Probleme. Wie tröstlich – zumindest beim Kaffee am Morgen. Später sollte ich feststellen: Mit uns drei Bettflüchtigen entsprach unsere Truppe von neun Künstlern dem statistischen Mittelwert. Etwa ein Drittel der deutschen Bevölkerung klagt Erhebungen zufolge über ernste Schlafstörungen. Einen Fall von Insomnie, von medizinisch attestierter schwerer Schlafstörung, unter der etwa jeder zehnte Deutsche leidet, hatten wir nicht in unserem Kreis. Jedenfalls bekannte sich niemand zu diesem Krankheitsbild.

Zwei andere Kollegen wiederum, angeblich mit gutem Schlaf gesegnet, boten mir sehr konkrete Hilfe. Der eine, ein Vortragskünstler, lud mich ein, gleich nach seiner Rückkehr mit ihm da- heim Plätzchen zu backen. Seine selbst kreierten „Einschlaf-Taler“ würden mir „einen fantastischen Schlaf bescheren“. Seit er abends sein Backwerk mümmele, sei er von seiner Schlaflosigkeit „geheilt“. Auf meine Nachfragen zu seinem Wundermittel folgte eine längere Erklärung über die Heilkraft von Cannabis. Aha.

Der andere war ein junger Zauberer, der mir seine Hypnose-Künste offerierte. Er könne mir „Ankerpunkte“ setzen, sagte er: einen fürs Einschlafen, einen fürs Durchschlafen und einen dritten, um morgens erfrischt aufzuwachen. Wir könnten sogleich loslegen, er bräuchte keine Backstube für Heil-Cookies, ihm würden eine ruhige Ecke und Blickkontakt zu mir genügen. Gerührt bedankte ich mich bei den beiden und versprach, „zu gegebener Zeit“ auf ihre Offerten zurückzukommen.

Wenn wir Kreuzfahrtkünstler an Bord miteinander reden, dann ist das natürlich vertraulich. Versteht sich. Die vermeintliche Vertraulichkeit, die Künstler bisweilen pflegen, führte dazu, dass ich schon wenig später von einem Passagier sehr mitfühlend angesprochen wurde: Er sei Arzt, einer meiner Kollegen habe ihm von meinem Leid erzählt, und er würde mir gern die Lösung all meiner Probleme anbieten. Er kramte in seiner Hosentasche und zog ein kleines Plastiktütchen hervor. Es trug eine Apothekenbeschriftung und erweckte den Eindruck, zu- mindest nichts Illegales zu sein.

Ich sah den Gast, einen sehr seriös wirkenden Mann von Ende 50, erwartungsvoll an. Das sei eine „immunmodulierende Aminosäure“, raunte er mir zu, von ihm persönlich hergestellt, mit einem selbst entwickelten Gerät. Ein Löffel am Abend – und ich schliefe tief und fest. Ich bedankte mich und sagte, dass ich „zu gegebener Zeit“ bestimmt auf seine Offerte eingehen würde.

Später erfuhr ich dann, dass der Herr Doktor daheim vor allem Haus- und Hoftiere behandelte. Ein Veterinär bot mir seine Hilfe an! War es jetzt so weit? Würde ich durch meine Schlaf- störungen langsam vor die Hunde gehen?

An jenem denkwürdigen Tag stand die Sonne noch nicht in ihrem Zenit, da hatten mich drei weitere Mitreisende angesprochen. Diesmal akute Leidensgenossen. Zweimal schwere Einschlafprobleme. Einmal ein massives Durchschlafproblem. Na bitte, tröstete ich mich, bis zum Abend könnte ich eine Selbsthilfegruppe zusammenhaben. Vielleicht sollte ich eine Ad-hoc- Veranstaltung zu Schlafstörungen organisieren. An genügend Zulauf hatte ich keinen Zweifel. Ob ich mal ernsthaft mit dem Entertainment-Manager über so ein Angebot reden sollte? Auch der wirkte beim Frühstück nicht wirklich ausgeschlafen. Andererseits hatte ich von ihm eine wichtige Regel an Bord gelernt: Von eins bis vier schläft der Offizier.

Ich wandelte ja selbst nach schlechten Nächten nicht wie ein Zombie durch den Tag. Auch gab es immer wieder halbwegs gute Nächte, nach denen ich zwar nicht erfrischt aufwachte, aber zumindest das Gefühl hatte, nur so leidlich mies zu schlafen, wie es angeblich alle tun. „Deutschland schläft schlecht“ sagt Professor Ingo Fietze von der weltberühmten Charité in Berlin und hat zur Besserung die „Deutschen Stiftung Schlaf“ mitgegründet. Fietze, den ich hiermit ohne Furcht vor einem Veto aus dem Vatikan zum deutschen Schlaf-Papst erkläre, gehört zu dem Dutzend Experten, die ich mit meinen vielen Fragen heimgesucht habe.

Mein erster Weg aber führt mich zu Philipp Osten. Als Professor am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg forscht er gleichsam vor meiner Haustür; als einer der führenden Medizinhistoriker Deutschlands kennt er sich in der Geschichte des Schlafs aus wie nur wenige. In den Stunden mit ihm erkenne ich die kulturhistorische Bedeutung des Schlafs, der schon die alten Griechen fasziniert hat und seither mal als „himmlische Ruh“ vergöttert, mal als kleiner Bruder des Todes verteufelt wurde.

Begleitet mich auch nach Bayern, auf den Bauernhof des Chronobiologen Till Roenneberg, der seit Jahrzehnten darüber forscht, wie unsere „innere Uhr“ unseren Schlaf steuert. Warum wir uns auf dem Land bei Vilshofen treffen und nicht an seinem Institut für Medizinische Psychologie der Ludwig-Maximilians- Universität München? Weil der Wissenschaftler gerade von einer Forschungsreise zu den Quilombolas aus Brasilien zurück gekehrt war. Die kennen noch keine Wecker, die der Professor am liebsten aus jedem Schlafzimmer verbannen würde, weil sie unseren Biorhythmus aus dem Takt bringen.

Oder studiert mit mir und dem vormaligen Vorsitzenden des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM), Peter Young, dessen „Schlafatlas“: Da seht ihr, dass auf dem Land besser geschlafen wird als in der Stadt. Auch ein Nord-Süd-Gefälle soll es geben, demzufolge ich in München noch schlechter schlafen müsste als in Hamburg. Theoretisch. Praktisch schlafe ich überall gleich schlecht.

Nachdem ich die Top Ten der deutschen Schlafwissenschaft aufgesucht habe, um das komplexe Thema theoretisch zu ergründen, zu erfassen, zu begreifen, mache ich mich auf in die Praxis, im Wortsinn. Begleitet mich bei meinen Besuchen von Selbsthilfegruppen, Schlafseminaren und Schlaflaboren. Und Experten für Licht und Strahlung und Technik generell kommen auch zu Wort. Vor allem aber trefft ihr gemeinsam mit mir Menschen, die ihre Schlafstörungen bereits erfolgreich bekämpft haben – und lasst uns von ihnen lernen.

Kurz nach vier Uhr. In der Frühe. Ja, wann denn sonst?

Rund zwei Jahre nach meiner Kreuzfahrt-Lesereise, auf der ich beschlossen hatte, meiner Schlaflosigkeit den Kampf anzusagen, sitze ich wie eh und je viel zu früh in meinem Schreib-Chair und lese die Auszüge aus meinem Buch, die in Business Insider erscheinen sollen. Nix mit ewig langer Nachtruhe. Kein zehnstündiger Anti-Aging-Schlaf, den meine Falten so dringend bräuchten.

Waren meine Monate der Recherchen, der Reisen zu den Top-Experten vergebens? Habe ich studiert mit heißem Bemühen und sitze nun dennoch da als müder Tor und bin so klug als wie zuvor? Nein!

Ja, ich bin nicht zum Superschläfer geworden. Meine Vorstellung, auch ich könnte auf Kommando ins kleine Koma fallen, war Wunschdenken und Selbsttäuschung. Inzwischen habe ich kapiert: Schlaf ist eine grandiose Projektionsfläche unserer Seele, unserer Wünsche und Ängste. Wie ich bin, so schlafe ich: sehnsüchtig, ehrgeizig, ängstlich, mich verzehrend; oder zufrieden, zuversichtlich, mit mir im Reinen.

Der Schlaf sei ein einzigartiger Spiegel, hatte mir der kluge Professor Osten mit auf den Weg gegeben. Aber auch das musste ich lernen: Es reicht nicht, eine solche Botschaft zu bekommen. Um wirklich zu begreifen, wie sehr der Schlaf unser Innerstes reflektiert, bedarf es der nachdrücklichen Auseinandersetzung mit uns selbst. Die Einsicht, dass ich eine verzagte, von Ansprüchen an mich und das Leben zernagte Seele mit ins Bett nehme, ist mir sehr schwergefallen. Wer erkennt im Spiegel schon gern einen unzufriedenen Sechzigjährigen? Wer gesteht sich ein, dass er sich ein eigentlich gutes Leben mit einer wunderbaren Frau und drei tollen Töchtern unnötig schwermacht durch törichte Vergleiche und unerreichbare Vorgaben?

Auf völlig unerwartete Weise hat mein schlechter Schlaf mir den Weg zur Selbsterkenntnis gewiesen. Es würde mich sehr freuen, wenn ihr dies als Ermutigung nehmen, eure eigene Seele zu erforschen und in euch nachzuspüren, was ihr an Seelenlast mit ins Bett nehmt und womit ihr euch um euren Schlaf bringt.

Mir jedenfalls geht’s besser, seit mein schlechter Schlaf mich gezwungen hat, die Augen vor meinen seelischen Problemen nicht länger zu verschließen. Wenn ich jetzt in der Frühe erwache, bin ich dankbar für eine halbwegs gute Nacht, mache deutlich zufriedener und zuversichtlicher unsere Betten und gehe gestärkter in einen Tag, an dessen Ende ich mich mit einem „Lass gut sein, Junge!“ wieder in die Daunen kuschle.


Nun ist gesunder Schlaf nicht nur eine Frage der Psychologie, sondern natürlich auch der Physiologie. Ich musste es am eigenen Leib erfahren. Die Vermessung meines Schlafs gibt meiner Frau recht. Ich bin ein Schnarcher, noch dazu ein Schnappatmer. Wie bitter. Und dazu habe ich auch noch Zappelbeine, wie die schreckliche Restless-Legs-Erkrankung oft verharmlosend genannt wird.

Verdammt, für so einen miesen Befund war ich doch nicht ins Schlaflabor gegangen. Ja, wofür denn dann? Um zu hören, dass ich „besser“ schlafe als mein Freund Carl?

Whoops, da sind sie wieder – der Vergleich, der Ehrgeiz, die Konkurrenz, die Unsicherheit, all die Eigenschaften, die mich schlecht schlafen lassen. Aber besser, ich weiß um meine Schwächen, auch die körperlichen, dann kann ich mir meinen schlechten Schlaf zumindest erklären und zudem gegensteuern.

Gelernt habe ich auch, was ich längst ahnte, auch wenn es mir nicht bewusst war: Menschen, die sich mit dem Schlaf schwertun, sollten die Grundregeln der Schlafhygiene, der gesunden Lebensführung, beachten. Manchmal will ich es noch immer nicht wahrhaben, aber es ist leider so: Mehr als ein Gläschen (!) Wein oder ein kleines Bier, und ich schwitze wieder atemlos durch die Nacht. Wie naiv von mir zu glauben, ich könnte mir wie früher abends noch doppelt Pommes-Currywurst mit Mayonnaise folgenlos reinhauen, am besten mit einer Cola, schließlich macht meine übliche Extra-Portion Salz richtig durstig. Als Folge wälze ich mich durch schwere Träume, stoßen meine Magensäfte mich immer wieder wach und fühle ich mich am Morgen elend, als hätte ich Verdorbenes gegessen.


Loriot würde sagen: Ach was!
Ich sage heute: Selbst schuld!

Mich wundert, dass ich so einfache Regeln nicht gesehen habe. Mich entsetzt, dass ich sie so lange nicht beachtet habe. Bevor Sie spotten: Schauen Sie lieber, wie achtsam Sie selbst mit sich und Ihrer Nachtruhe umgehen.

Mit dem Durchschlafen habe ich weiterhin meine Probleme. Aber einmal in der Nacht schauen, ob die Kinder nach dem Zähneputzen auch im Bad das Licht ausgemacht haben, damit komme ich zurecht. Falls der kleine Junge in mir es danach partout nicht gut sein lassen kann, lese ich zur Ablenkung auf meinem Handy, natürlich im abgetönten Nachtmodus. Aber keine Pageturner mehr. Schlaflos von Stephen King ist wenig hilfreich. Nur zum Gähnen verleitende Kriminalgeschichten von Agatha Christie, Edgar Wallace oder Rex Stout sind hingegen wunder- bare Einschlafhilfen, jedenfalls für mich.

Und was ist mit dem frühen Aufstehen?

Tja, ich bin nun mal eine Lerche, wie ich bei Professor Roenneberg gelernt habe. Ich kann einfach nicht mit meinen Girls bis kurz vor Mitternacht schauen, wer Deutschlands nächstes Flop-Model wird; die Mädels schlafen danach nämlich bis in die Puppen oder der Wecker reißt sie um sieben Uhr aus dem Tiefschlaf. Mich jedoch weckt meine innere Uhr unerbittlich zwischen vier und fünf. Will ich als Frühaufsteher halbwegs ausgeschlafen in den Tag starten, muss ich spätestens um halb zehn ins Bett, damit ich – mit besagtem Kontrollgang durch die Wohnung – auf jene sechs Stunden Schlaf komme, die mir das Gefühl geben, halbwegs erfrischt in den Tag zu starten.

Und wissen Sie was? Die frühen Bettstunden hole ich mir inzwischen. Denn das habe ich im Pfalzklinikum Klingenmünster in der Schlafschule des Psychologen Dr. Hans-Günter Weeß gelernt: Gut schlafen heißt auch: sich abzugrenzen; sich zu verschaffen, was man braucht: Bettzeit; frische Luft oder auch geschlossene Fenster, je nachdem; Ruhe oder das beruhigende Blubbern eines Aquariums; und das Loslassen der vermeintlichen Verpflichtungen anderen gegenüber. Statt Pillen zu schlucken, müssen wir Bettflüchtigen lernen, unsere eigene Schlaftablette zu werden.

Auch dieses Abgrenzen gelingt mir noch zu selten. Aber wenn ich es schaffe mit dem Früh-zu-Bett-gehen, so wie gestern Abend, dann freue ich mich darauf, die anderen frühen Vögel draußen zwitschern zu hören. Dann sitze ich sehr zufrieden in meinem Sessel und schreibe halbwegs gerade Schlusssätze mit einer durchaus positiven Bilanz meiner Erkundung des Mysteriums Schlaf.

Dieter Bednarz: Augen zu und Schlaf. Berlin Verlag, 1. Auflage 14. Oktober 2021

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