Mehr als virtuelle Münzen

Ethereum ist nach Bitcoin die zweitgrößte Digitalwährung. Mit der dezentralen Organisation von Zahlungen wollen ihre Schaffer eine ganz neue Unternehmenswelt schaffen. Doch das ist schwieriger als gedacht.


Mittweida ist eine Kleinstadt in Sachsen, 18 Kilometer nördlich von Chemnitz und ziemlich weit entfernt vom Silicon Valley in Kalifornien. Am historischen Markt Mittweidas sitzt die kleine Firma Slock.it mit gut einem Dutzend Mitarbeitern, gegründet von den Brüdern Simon und Christoph Jentzsch. Sie hat eine Schlüsselrolle gespielt bei der Entwicklung eines Projekts, das noch aufregender ist als die viel diskutierten Bitcoins: Ethereum.

Denn bei Bitcoins geht es lediglich um Geldzahlungen. Bei Ethereum geht es darum, eine ganz neue Unternehmenswelt zu schaffen. Harte Bitcoin-Fans träumen von einer Welt ohne Banken und Zentralbanken. Harte Ethereum-Fans träumen von einer Welt ohne Firmenchefs.

Beide Systeme beruhen auf der Technik der Blockchain, die eine dezentrale Buchhaltung per Software ermöglicht, in die sich jeder einklinken kann. Und beide Systeme könnten auch sehr pragmatisch für Unternehmen genutzt werden, die die weitgehenden Visionen ihrer Erfinder nicht teilen.



Begonnen hat alles 2013. Der damals 19-jährige, in Russland geborene und in Toronto aufgewachsene Vitalik Buterin schlug vor, die Bitcoins um eine Software zu erweitern, mit der sich relativ einfach automatische Abläufe programmieren lassen. Ein Beispiel: Zahlungen, die unter bestimmten Bedingungen von allein in Gang gesetzt werden. Diese Anwendungen sind inzwischen als Smart Contracts bekannt.

Weil er die Bitcoin-Gemeinde nicht für den Vorschlag gewinnen konnte, beschloss Buterin, ein eigenes Projekt zu entwickeln. Zusammen mit drei Partnern gründet er im darauffolgenden Jahr Ehterum. Als Anwendungsbeispiele nennt er schon damals: die Ausgabe eigener Währungen, in Fachgebieten auch Initial Coin Offering (ICO) genannt. Einsatzgebiete für solche Währungen seien unter anderem die Finanzierung neuer Projekte, dezentrale Börsen, die Versicherung von Ernten, elektronische Geldbörsen mit eingebauten Limits für die Abhebung, dezentrale Informationsspeicher – und dezentrale autonome Organisationen. Letztere wurden später unter der Abkürzung DAO bekannt. Im Grunde hatte Buterin, der auf jeder Konferenz mit seiner schlaksigen Figur, seinen weißen T-Shirts und seinen komplizierten Schachtelsätzen auffällt, schon ziemlich genau vorausgesehen, wohin sich Ethereum entwickeln würde.


In der Gründungsphase kauften Buterins Anhänger sich Ether, die neue Währung von Ethereum. Sie bezahlten mit Bitcoins. Die beiden Währungen funktionieren ähnlich, nur dass Ether auf der Ethereum-Plattform läuft, die die einfache Einrichtung von Smart Contracts ermöglicht. Heute sind Ether mit einer Marktkapitalisierung von gut 20 Milliarden Dollar die zweitgrößte virtuelle Währung nach Bitcoins.

Buterin wollte von Anfang an, dass Ethereum ein offenes Projekt bleibt. Organisatorisch packte er es daher in eine Stiftung im Schweizer Kanton Zug. Einer seiner Gründungspartner, Anthony di Iorio, hatte eher an eine kommerzielle Ausrichtung gedacht und verließ das Projekt. „Ich halte mehr von Google als von Mozilla“, sagte er gegenüber dem „Handelsblatt“ – Google verdient Milliarden, Mozilla ist eine Stiftung.

Im November 2015 stellte dann Christoph Jentzsch, einer der Slock.it-Gründer, auf einer Konferenz in London zum ersten Mal ein Konzept für eine DAO vor. Im Mai 2016 spielte er mit seiner Firma eine Schlüsselrolle bei der Gründung dieser autonomen Organisation. Das geht aus einer neuen Fallstudie der US-Wertpapier-Aufsicht (SEC) hervor. Bei Slock.it wollte sich niemand zu dem Thema äußern.



Software-Schwäche machte Ether zunächst anfällig für Hacker


Es gelang der DAO im Mai 2016, rund zwölf Millionen Ether im Wert von etwa 150 Millionen Dollar einzusammeln. Die Investoren bekamen im Gegenzug DAO-Token. Diese „Token“ werden oft auch als virtuelle „Münzen“, als „Coins“ bezeichnet. Daher nennt man ihre Ausgabe an Anleger auch ICO, Initial Coin Offering. Tatsächlich ähneln sie aber mehr elektronischen Wertpapieren. Denn einprogrammiert darin sind Stimm- und Nutzungsrechte für die Inhaber. Damit können die Investoren entscheiden, wie die eingezahlten Ether investiert werden und wie der erhoffte Gewinn verteilt wird.

Das ist die Welt der virtuellen Unternehmen ohne Chef, manchmal auch „Geschäftsmodell Silicon Valley 2.0“ genannt. Die SEC begründet in ihrer Studie, dass die Token tatsächlich als Wertpapiere zu behandeln sind – und will sie entsprechend beaufsichtigen. Damit ist die leicht anarchistische Ethereum-Welt doch wieder einer gewissen Autorität unterworfen.

Das Problem: Die Ur-DAO vom vergangenen Jahr hatte Software-Schwächen. Hacker schafften es, sich rund ein Drittel der eingesammelten Ether unter den Nagel zu reißen, nach damaligem Wert rund 50 Millionen Dollar. Nach heftigen Diskussionen beschloss dann die Mehrheit der Ethereum-Gemeinde unter Führung von Buterin, diesen Betrug durch eine Veränderung der Software ungeschehen zu machen.

Das war ein Bruch des Versprechens, dass die Software und die darauf beruhende Währung unantastbar seien – auf diesem Vertrauen beruht letztlich ihr Wert. So kam es dann auch zum Bruch zwischen Ether neu und alt und ihren jeweiligen Anhängern.



Die heutigen Ether sind Nachfahren der veränderten Version, die alten Ether laufen weiter als „Classic“-Version und bilden mit gut einer Milliarde Kapitalisierung die siebtgrößte virtuelle Währung. Der Split von Ether wurde in gewisser Weise Vorbild der gerade erfolgten Trennung von Bitcoin und „Bitcoin Cash“, die allerdings technische Gründe hatte.

Obwohl die erste DAO ein Fehlschlag war, ist die Idee lebendig geblieben und spielt zum Teil auch eine Rolle bei den ICOs, die zurzeit einen Boom erleben: Mehr als eine Milliarde Dollar haben Investoren in Token aller Art gesteckt, die ihnen Anteilsrechte an neuen Unternehmen und Projekten versprechen – oft, ohne dass weder die wirtschaftliche noch die juristische Grundlage wirklich geklärt wäre.

Außerdem machte vor kurzem wieder die Nachricht von einem Ether-Diebstahl durch Hacker im Wert von rund 30 Millionen Dollar die Runde. Auch dabei spielte eine Schwäche der Software eine Rolle – es sind dann „White Hats“, die edlen Ritter der Hacker-Szene eingesprungen und haben das Leck gestopft.



Großunternehmen interessieren sich für kommerzielle Nutzung


Ether haben ebenso wie Bitcoins ihren Wert seit Anfang des Jahres sprunghaft vervielfacht. Wie die Entwicklung langfristig weitergeht, wird davon abhängen, wie viele Ethereum-Projekte umgesetzt werden und wie viele Ether entsprechend gebraucht werden.

Ein Problem aber hat Ethereum mit Bitcoins gemeinsam: Der dezentrale Abstimmungsprozess, der dafür sorgt, dass alle Beteiligten sich über Zahlungsvorgänge und deren elektronische Buchhaltung einigen, verschlingt Unmengen an Energie, weil beide auf einer ähnlichen Blockchain-Technik beruhen. Die Frage ist, ob sich das künftig anders lösen lässt oder ob es irgendwann zu einer Ablehnung dieser virtuellen Währungen führt.



Ähnlich wie bei Bitcoins gibt es bei Ethereum neben der offenen, visionären Welt auch kommerzielle „private“ Nutzungen mit einer begrenzten Zahl von Teilnehmern. Dabei steht dann die jeweilige Blockchain-Software im Vordergrund, die zugehörigen Bitcoins oder Ether spielen meist gar keine Rolle.

Zahlungsverkehr unter einer begrenzten Anzahl von Teilnehmern, etwa Banken, lässt sich auch mit einer Bitcoin-Blockchain ohne echte Bitcoins und ohne den energieaufwendigen Konsens-Mechanismus organisieren. Ähnlich lassen sich Smart-Contracts auf eine „private“, also nicht-öffentliche Ethereum-Blockchain aufsetzen. Möglicherweise gibt es irgendwann dann auch Schnittstellen zwischen öffentlichen und privaten Blockchains.



In diesem kommerziellen Bereich sind keine DAOs oder Start-ups unterwegs, sondern die großen Unternehmen dieser Welt. Das macht unter anderem die „Enterprise-Ethereum-Alliance“ (EEA) deutlich, in deren Verwaltungsrat Abgesandte von bekannten Firmen wie Microsoft, Intel, JP Morgan sowie von dem weltweit größten Börsenkonzern CME Group sitzen. Ein Motor der Bewegung ist auch die Beratungsgesellschaft Accenture.

Slock.it in Mittweida geht ganz pragmatisch vor und ist in beiden Welten zu Hause – der visionären wie auch der kommerziellen. „Wir arbeiten mit Start-ups und mit etablierten Unternehmen zusammen“, heißt es auf der Homepage der sächsischen Firma – natürlich auf Englisch.

KONTEXT

Kurz & knapp erklärt: Blockchain

Was ist die Blockchain?

Der Begriff Blockchain beschreibt eine dezentrale Datenbank, bei der jeder User, der Teil dieses Blockchain-Netzwerkes ist, die gesamte Datenbank mit sämtlichen Informationsketten oder Ausschnitte davon besitzt. Die Blockchain funktioniert wie eine Art öffentliches Grundbuch oder ein digitaler Kontoauszug für Transaktionen zwischen Computern. Sie ist die technologische Basis für Kryptowährungen wie zum Beispiel Bitcoins.

Wie funktioniert die Blockchain?

Dadurch, dass alle Teilnehmer des Netzwerks eine vollständige Kopie bzw. einen Ausschnitt der kompletten Blockchain besitzen, können sie selbst prüfen, ob alle an einer Transaktion beteiligten Parteien mit derselben Version der Blockchain arbeiten. Eine externe und zentrale Aufsichtsinstanz, die Transaktionen prüft, wird dadurch überflüssig. Daraus ergibt sich allerdings die Herausforderung für alle Beteiligten, stets eine gemeinsame Datengrundlage zu schaffen. Dazu wird ein Konsensalgorithmus verwendet. In der Blockchain einigen sich die Netzwerkteilnehmer immer auf die längste verfügbare Block-Kette.

Welche Branchen profitieren von der Blockchain?

Die Bankenbranche beispielsweise nutzt Blockchains intensiv - und kann durch die neue Technik Finanztransaktionen schneller, billiger und sicherer durchführen. Vermittler wie Swift-Plattformen und Clearinghäuser, die für ihre Dienste eine Gebühr berechnen, könnten durch Blockchains perspektivisch ersetzt werden. Auch Wirtschaftsprüfer setzen auf die Blockchain, wenn es um die Automatisierung von Buchprüfungen geht.

Wo kommen Blockchains noch zum Einsatz?

Blockchains sind vielfältig nutzbar - und kommen vor allem dort zum Einsatz, wo es um Nachverfolgbarkeit und Konformität geht. Beispielsweise können sie als Beweis dienen, dass ein Paket vollständig geliefert wurde. Weitere Initiativen sind geplant: So soll die Blockchain künftig bei der Beglaubigung von Diplomen oder dem Optimieren von Lebensläufen eingesetzt werden. Und die Kreditkartengesellschaft Visa will 2017 einen Blockchain-Zahlungsservice einführen.

Was sind die Stärken der Blockchain?

Bei der Blockchain stehen Transparenz und Dezentralität im Vordergrund: User müssen Identität und Besitz sichtbar hinterlegen, so dass anonymisiert erkennbar ist, wer beispielweise welche Bitcoins an wen sendet. Die Identität hinter einer Adresse bleibt jedoch unklar. Im übertragenden Sinne könnte man sagen: Das Internet ist ein "Netzwerk von Informationen", die Blockchain ein "Netzwerk des Vertrauens". Die Technologie gilt deshalb als vielversprechend, weil die Informationen einer Blockchain transparent und auf viele Computer verteilt gespeichert sind. Dadurch können sie nur mit enormem technischen Aufwand manipuliert werden.