Trotz Impfungen sind die Corona-Zahlen aktuell dramatischer als vor einem Jahr: Das sind die Gründe — und das folgt daraus

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Zahlreiche Menschen gehen am Nachmittag über Frankfurts zentrale Einkaufsmeile, die Zeil.
Zahlreiche Menschen gehen am Nachmittag über Frankfurts zentrale Einkaufsmeile, die Zeil.

Deutschland befindet sich mitten in einer vierten Corona-Welle. Die Zahl der Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche lag am Sonntag laut Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) bei 149,4. Noch vor einer Woche lag der Wert bei 106,3. 1923 Menschen liegen Corona-erkrankt auf einer Intensivstation, ein Plus von 20 Prozent innerhalb nur einer Woche.

Zwar konnte ein Anstieg der Corona-Zahlen mit dem Einsetzen der kalten Jahreszeit erwartet werden – doch die Geschwindigkeit, mit der die Infektionen und Krankenhauseinweisungen steigen, ist deutlich höher als vor einem Jahr. Am 31. Oktober 2020 lag die 7-Tage-Inzidenz mit 110,9 klar niedriger als heute. Und das, obwohl vor einem Jahr noch keine einzige Corona-Impfung in Deutschland verabreicht wurde.

Warum steht Deutschland jetzt, wo zwei Drittel der Gesamtbevölkerung geimpft sind, schlechter da als im Herbst vergangenen Jahres? Was raten Virologen und Mediziner? Und was macht die Politik? Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Corona-Lage.

Warum steigt die Zahl der Infektionen so stark an?

Die Gründe für den Anstieg der Infektionszahlen – und damit der Corona-Patienten in Krankenhäusern und auf Intensivstationen – sind vielfältig.

Zu bedenken ist, dass noch immer ein Drittel der Bevölkerung nicht komplett geimpft ist. Millionen von Menschen können sich also leicht mit dem Virus anstecken – unter ihnen viele Kinder, die in Kitas und Schulen auf engem Raum zusammenkommen. Tatsächlich sind die Corona-Inzidenzen gerade bei Kindern besonders hoch; in manchen deutschen Landkreisen sind sie vierstellig.

Hier erklärt sich auch, warum die Infektionen so viel schneller ansteigen, als im Herbst 2020. Damals gab es zwar noch keine Corona-Impfungen, allerdings auch noch keine Delta-Variante des Coronavirus. Diese ist deutlich ansteckender als der vor einem Jahr grassierende Wildtyp des Virus. Ungeimpfte sind also einem höheren Risiko ausgesetzt, als damals.

Hinzu kommt, dass die Corona-Maßnahmen in diesem Jahr weit lockerer sind, als im Herbst 2020: Nahezu alle Bereiche des öffentlichen Lebens sind für Getestete, Geimpfte oder Genesene zugänglich. Mitte Oktober 2020 hingegen war ein "Lockdown light" beschlossen worden. Schulen und Kitas blieben auf, aber viele Bereiche des öffentlichen Lebens – unter anderem Bars, Restaurants, Kinos, Theater – wurden geschlossen. Letztlich hielt das den Anstieg in der zweiten Corona-Welle nicht auf. Es verlangsamte ihn aber.

Ein weiterer Effekt, der den Anstieg der Corona-Zahlen begünstigt, sind Impfdurchbrüche. Diese sind grundsätzlich selten, wie die Corona-Zahlen des RKI belegen: Geimpfte sind weit besser vor einer Infektion und – im Falle einer Erkrankung – schweren Verläufen geschützt, als Ungeimpfte. Neue Studien, unter anderem aus Israel, zeigen jedoch, dass die Schutzwirkung der Corona-Impfungen mit der Zeit gerade bei älteren Menschen nachlässt. Sie benötigen Auffrischungsimpfungen, um die Immunität gegen Corona zu erhalten. In Deutschland wurden bisher jedoch kaum Auffrischungsimpfungen durchgeführt – und so steigt auch die Zahl der Erkrankten über 60 im Land wieder an.

Wie reagieren Virologen und Mediziner auf die vierte Welle?

Warnend und mahnend. "Wir gehen leider erneut sehr unvorbereitet in Herbst und Winter“, sagte Hendrik Streeck, der Direktor des Virologie-Instituts der Universität Bonn, am Freitag der Deutschen Presse-Agentur. "Entspannt sehe ich das nicht: Die Kapazitäten auf Intensivstationen sind reduziert, wir können gegebenenfalls auch wieder mit einer Grippewelle rechnen, wir haben keine gute Erfassung des Infektionsgeschehens, aber wieder eine höhere Mobilität.“ Man könne den Rat, sich impfen zu lassen, nicht oft genug geben.

Unter Woche rief auch Sandra Ciesek, die Leiterin der Medizinischen Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt/Main, zu mehr Impfungen auf. "Impfen reduziert das individuelle Risiko schwer zu erkranken für jeden", sagt sie in ihrem NRD-Podcast. "Das Argument, nur weil ich nicht hundert Prozent Sicherheit oder Schutz bekomme, mache ich es gar nicht, finde ich ein ziemlich schlechtes Argument, weil man in der Medizin fast nie hundert Prozent erreicht." Ciesek bemängelte auch, dass die schnell steigenden Corona-Zahlen keine Reaktion hervorriefen: "Ich habe das Gefühl, dass es im Moment nicht wirklich jemanden mehr interessiert, weil ein Gewohnheitseffekt eingetreten ist, man gewöhnt sich an diese Zahlen." Dabei stünden wir im Vergleich zum vergangenen Jahr sogar schlechter da.

So sehen es auch viele Vertreter der Medizin in Deutschland. Ärztepräsident Klaus Reinhardt sagte der Deutschen Presse-Agentur, das medizinische Personal sei an der Belastungsgrenze, und niemand wolle erneut erleben, dass planbare Operationen abgesagt werden müssten. "Das sollten sich auch diejenigen vergegenwärtigen, die sich, aus welchen Gründen auch immer, noch nicht geimpft haben."

Dem "Spiegel" sagte Reinhardt: "Möglicherweise müssen wir bei weiter zunehmenden Fallzahlen eine gesellschaftliche Diskussion führen, ob Lockdown-Maßnahmen nur für Ungeimpfte gelten." Er fände das gerechtfertigt, wenn es darum gehen sollte, die stationäre Versorgung zu sichern – ausgenommen Kinder und andere, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen können.

Was macht die Politik, um die vierte Corona-Welle zu bekämpfen?

Zum Impfen aufrufen – vor allem zum Booster-Impfen. "Aktuelle Daten aus Israel zeigen, dass das Boostern einen ganz entscheidenden Unterschied macht, um die vierte Welle zu brechen", sagte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) der "Bild am Sonntag". "Aktuell reicht das Booster-Tempo in Deutschlands Praxen aber nicht. Wir brauchen einen Booster-Gipfel von Bund und Ländern." Tatsächlich haben nur knapp über zwei Prozent der Bevölkerung eine Auffrischungsimpfung erhalten – besonders Millionen Menschen über 70, für die Booster von der Ständigen Impfkommission (Stiko) dringend empfohlen werden, sind noch nicht drittgeimpft.

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach wünscht sich deshalb, die fast überall in Deutschland geschlossenen Impfzentren wieder zu öffnen. Die Impfungen kämen viel zu langsam voran, um die vierte Welle der Pandemie zu brechen, schrieb Lauterbach am Samstag auf Twitter. "Wir brauchen schnelle Impfung für Ältere. Ideal wäre Wiederöffnung der Impfzentren."

Jenseits der politischen Diskussion über das Impfen gibt es auch eine über die Corona-Maßnahmen in Deutschland. Die Ampel-Parteien SPD, Grüne und FDP hatten Anfang der Woche verkündet, die epidemiologische Notlage in Deutschland auslaufen zu lassen. Die gesetzliche Sonderlage wegen der Corona-Pandemie soll zum 25. November enden. Für eine Übergangszeit bis zum 20. März 2022 soll stattdessen aber eine neue rechtliche Basis für Corona-Vorgaben geschaffen werden. Damit sollen die Länder weiterhin "weniger eingriffsintensive" Maßnahmen anordnen können – unter anderem zu Masken oder Zugangsregeln nur für Geimpfte, Genesene und Getestete.

Das bedeutet: Statt dem Bund machen in Zukunft die Länder die Corona-Regeln. Während einige dabei über schärfere Maßnahmen vorbereiten – in Sachsen etwa wird über eine 2G-Regel für Einrichtungen des öffentlichen Lebens nachgedacht, in Hessen gilt sie für viele Einrichtungen schon –, schwächen andere die Corona-Regeln ab. In Nordrhein-Westfalen will die CDU-geführte Landesregierung etwa die Maskenpflicht für Schülerinnen und Schüler abschaffen – trotz hoher Inzidenzen unter den Kindern. Auch das Saarland hat in den vergangenen Wochen mehr und mehr Corona-Maßnahmen aufgehoben. So müssen in Restaurants und Bars bei Zugang nach 3G-Regel keine Masken mehr getragen und kein Abstand mehr gehalten werden.

jg/Mit Material der dpa

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