Mehr als 1100 Euro Gehalt im ersten Lehrjahr: In diesen Branchen verdienen Auszubildende am meisten

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Der Fachkräftemangel in der Pflege scheint sich für Auszubildende langsam bezahlt zu machen: Mit 1166 Euro Gehalt im ersten Lehrjahr sind sie die Spitzenverdiener unter allen, die sich für eine Ausbildung entschieden haben. Voraussetzung ist: Sie arbeiten im öffentlichen Dienst für den Bund und oder die Kommunen und werden nach Tarif bezahlt. Bei privaten Trägern kann das Gehalt deutlich geringer ausfallen. Etwas weniger als ein Drittel davon gibt es dagegen für Friseurinnen und Friseure in Thüringen — ihr Verdienst beträgt lediglich 325 Euro pro Monat im ersten Lehrjahr.

Zu diesem Ergebnis kommen Forschende des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, die zu Beginn des neuen Ausbildungsjahres die Gehälter von 20 Tarifbranchen ausgewertet haben. Was die Untersuchung zeigt: Die Unterschiede zwischen den einzelnen Ausbildungen sind nach wie vor erheblich. So reicht die Spannbreite aktuell von 325 Euro pro Monat, die Auszubildende im thüringischen Friseurhandwerk im ersten Ausbildungsjahr bekommen, bis zu 1580 Euro im vierten Ausbildungsjahr für Azubis im westdeutschen Bauhauptgewerbe.

Dass die Gehälter so stark variieren, liegt laut Thorsten Schulten, dem Leiter des WSI-Tarifarchivs, vor allem an den unterschiedlichen Verhandlungspositionen der Gewerkschaften. Denn die Ausbildungsvergütungen würden in der Regel mit den allgemeinen Lohnverhandlungen vereinbart. In vielen Branchen habe zudem ein zunehmender Fachkräftemangel die Ausbildungsbedingungen verbessert, so Schulten.

Betrachtet man die Branchen, so liegt bei sechs der 20 untersuchten das Gehalt im ersten Ausbildungsjahr über 1000 Euro im Monat. Spitzenreiter ist der Öffentliche Dienst: Zwischen 1043 Euro (Bund und Gemeinden) und 1037 Euro (Länder) verdienen Auszubildende hier. Auf Platz zwei rangiert die chemische Industrie mit 1042 Euro im Bezirk Nordrhein und 1033 Euro im Bezirk Ost, dicht gefolgt von der Metall- und Elektroindustrie mit 1037 Euro Monatsgehalt in Baden-Württemberg und 1007 Euro in Sachsen. Ebenfalls zu den Gutverdienern zählen Azubis im Versicherungsgewerbe (bundeseinheitlich 1040 Euro), dem Bankgewerbe (bundeseinheitlich 1036 Euro) und der Deutschen Bahn AG (bundeseinheitlich 1004 Euro).

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In zehn weiteren Tarifbranchen bekommen Azubis im ersten Lehrjahr zwischen 700 und 1000 Euro. Darunter fallen das Bauhauptgewerbe, die Druckindustrie, der Einzelhandel, das Gebäudereinigerhandwerk, die Holz und Kunststoff verarbeitende Industrie, das Hotel- und Gaststättengewerbe, das KFZ-Handwerk, das private Verkehrsgewerbe, die Süßwarenindustrie und die Textilindustrie. In der Landwirtschaft liegt das Ausbildungsgehalt im ersten Lehrjahr nur in Mecklenburg-Vorpommern über der Marke von 700 Euro. Im westdeutschen Tarifbezirk Nordrhein beträgt der Verdienst mit 690 Euro noch etwas weniger.

Friseuren in Thüringen verdienen unter Mindestlohn

Am geringsten fällt das Gehalt im Bäckerhandwerk (645 Euro), in der Floristik (634 Euro in West- und 425 Euro in Ostdeutschland) und im Friseurhandwerk (575 Euro in Nordrhein-Westfalen und 325 Euro in Thüringen) aus. Das bedeutet, dass in den Tarifverträgen der ostdeutschen Floristik und des thüringischen Friseurgewerbes die Ausbildungsgehälter sogar unterhalb der gesetzlichen Mindestausbildungsvergütung von 550 Euro im Monat liegen. Das ist deshalb möglich, weil aufgrund des Tarifvorrangs der Azubi-Mindestlohn unterschritten werden kann, schreibt das WSI.

Auch in den weiteren Ausbildungsjahren gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Branchen. Friseure in Thüringen bekommen im zweiten Lehrjahr 415 Euro, während Azubis im westdeutschen Bauhauptgewerbe 1230 Euro verdienen. Ab dem dritten Lehrjahr liegt laut dem WSI in elf der Tarifbranchen das Gehalt deutlich über 1000 Euro.

Flickenteppich in 13 Tarifbranchen

Das WSI kommt zudem zu dem Schluss, dass in lediglich sieben der 20 untersuchten Tarifbranchen bundesweit einheitliche Ausbildungsgehälter gezahlt werden. Dazu gehören das Bäckerhandwerk, das Bankgewerbe, die Druckindustrie, die Deutsche Bahn AG, der Öffentliche Dienst und das Versicherungsgewerbe. Zuletzt seien im Gebäudereinigerhandwerk die ehemals niedrigeren Ausbildungsvergütungen in Ostdeutschland auf ein bundeseinheitliches Niveau angehoben worden.

In 13 weiteren Tarifbranchen variiert das Gehalt je nach Bundesland jedoch deutlich. Vor allem zwischen dem Niveau in den westdeutschen und den ostdeutschen Gebieten klafft eine große Lücke. So verdient ein Azubi im Friseurhandwerk in Nordrhein-Westfalen 225 Euro mehr als in Thüringen. In den meisten anderen Branchen liegt die Spanne zwischen 50 und 100 Euro. In der Landwirtschaft und der Süßwarenindustrie bekommen Azubis im Osten allerdings mehr als im Westen – was wohl ebenfalls am großen Fachkräftemangel in diesen Bereichen liegt.

„Nach wie vor gibt es eine Reihe von Branchen mit sehr niedrigen Ausbildungsvergütungen“, sagt Schulten. „Nach der Corona-Pandemie besteht gerade dort die Gefahr, dass sich über kurz oder lang nicht mehr genügend junge Leute für eine Ausbildung interessieren und sich der Fachkräftemangel immer weiter verschärft.“ Deshalb sei gerade in den klassischen Niedriglohnbereichen eine Stärkung der Tarifbindung und eine deutliche Steigerung der Löhne und der Ausbildungsvergütungen nötig.

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