Medizinisches Wunder: Kubica kämpft um F1-Comeback

Tobias Wiltschek

Es gab Zeiten, da wäre Robert Kubica froh gewesen, seinen Arm überhaupt aus eigener Kraft zu bewegen.

Nach einem schweren Rallye-Unfall in Italien wurde sein rechter Unterarm zertrümmert, er war fast komplett abgetrennt. Wichtige Muskel- und Nervenstränge wurden zerstört. Eine Amputation schien unausweichlich.

Das war im Februar 2011. Kubica, damals einer der besten Formel-1-Piloten, war gerade noch einmal mit dem Leben davon gekommen. Auch den Arm konnten die Ärzte retten - in einer siebenstündigen Operation. An eine Rückkehr in den Rennsport war dennoch nicht zu denken.

Nur Kubica selbst wollte seinen Traum vom Comeback in der Königsklasse niemals aufgeben – und sieht sich jetzt bestätigt.

Noch ist die Entscheidung des Williams-Teams über die Fahrerpaarung der kommenden Saison nicht gefallen. Doch der Verlauf der beiden Testtage in Abu Dhabi gibt Anlass zur Hoffnung, dass der 32-Jährige tatsächlich im März 2018 in Melbourne zum Auftakt in die neue Saison in der Startaufstellung steht.


Hülkenberg: "Eine gigantische Story"

"Es wäre natürlich eine gigantische Story, wenn er nach sieben Jahren ein Comeback feiern würde. Er ist ein charismatischer Typ, er war ein top Rennfahrer - und Talent ist Talent", sagt Renault-Pilot Nico Hülkenberg bei SPORT1

Es wäre in der Tat eine der beeindruckendsten Comeback-Geschichten des Sports und die Vollendung eines medizinischen Wunders.


Denn trotz aller Fortschritte ist sein Körper noch mit Narben übersät, sein rechter Arm hat noch längst nicht die ursprüngliche Kraft. Auch Feinmotorik und Beweglichkeit sind eingeschränkt.

Deshalb macht Kubica so viel wie möglich mit der linken Hand – auch als Pilot. Im August diesen Jahres drehte er auf dem Hungaroring die ersten Runden nach seinem Unfall in einem aktuellen Formel-1-Boliden.

Renault stellte ihm das Auto zur Verfügung und passte das Cockpit haargenau an seine Bedürfnisse an. Das Lenkrad mit seinen vielen Knöpfen und Schaltwippen wurde so umgebaut, dass es der WM-Vierte von 2008 ausschließlich mit seiner linken Hand bedienen kann.

Auch das Williams-Cockpit wurde für die Testfahrten in Abu Dhabi so konzipiert, dass Kubica sein volles fahrerisches Können ausschöpfen kann.

Kubica schneller als Stroll und Sirotkin

Und das tat er auch. Teamintern setzte er sich mit seinen Rundenzeiten sowohl gegen den Russen Sergej Sirotkin als auch gegen Stammfahrer Lance Stroll durch.

Doch ob er seine Stärken auch in den Rennen ausspielen kann, bleibt die große Frage. "Beim Testen kann man natürlich nur sehen, ob die Pace da ist. Aber die Rennaction in der ersten Runde, in Monaco oder Singapur, die kann man nicht simulieren. Ich schätzte die Chancen für sein Comeback auf 50:50 ein", ist Hülkenberg skeptisch.


Auch Kubica gesteht: "Ich habe noch ein paar Einschränkungen und muss mich noch an die Veränderungen gewöhnen. Positiv ist aber, wie mein Körper reagiert und wie natürlich es sich anfühlt, diese Autos zu fahren", freute sich Kubica nach den Tests, die über sein Comeback entscheiden werden.

Vonseiten des Weltverbandes FIA spricht offenbar nichts mehr gegen ein Comeback. Der Pole hat den Sicherheitstest bestanden, innerhalb von fünf Sekunden sein Cockpit zu verlassen.

Außerdem hat er mittlerweile wohl auch die Superlizenz wieder erhalten, die für Renneinsätze in der Formel 1 nötig ist. In Abu Dhabi fuhr er mit rotem Blinklicht, während er im Sommer in Budapest noch mit einem grünen Blinklicht unterwegs war. Dieses Signal ist für Piloten ohne Superlizenz verpflichtend.

Williams lässt sich Zeit

Die endgültige Entscheidung aber, ob Kubicas Comeback-Traum Wirklichkeit werden kann, trifft einzig und allein das Williams-Team. Dort will man die Zeiten des Grand-Prix-Siegers von Kanada 2008 genau analysieren.

Technikchef Paddy Lowe macht dem Polen Hoffnung: "Robert hat einen großartigen Job gemacht. Er ist ein sehr, sehr professioneller Kerl. Gut gefahren, keine Klagen, keine Probleme."

Das klingt, als ob Kubica im Kampf um das zweite Cockpit neben Stammfahrer Stroll gegenüber seinen Rivalen Pascal Wehrlein, Daniil Kwjat, Paul di Resta und Sirotkin die Nase vorn hat.

Frühestens in der kommenden Woche wird Kubica wissen, ob er auch beim ersten offiziellen Test 2018 am 26. Februar im Williams sitzen wird.