Mediziner fordern geringere Hürden für Transsexuelle vor Geschlechtsumwandlung

Anders als in anderen Ländern müssen in Deutschland Menschen, die das Geschlecht wechseln wollen, mindestens zwölf Monate Psychotherapie und zwölf Monate Alltagstest vor dem Beginn einer Behandlung vorweisen

Mediziner in Deutschland fordern, die Hürden für Transsexuelle vor einer Geschlechtsumwandlung zu senken. Wer das Geschlecht von Mann zu Frau oder umgekehrt wechseln möchte, muss vor einer Behandlung einen mindestens zwölfmonatigen Alltagstest und eine Psychotherapie nachweisen, was "unangemessen und zu lang" sei, wie die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) am Freitag in Berlin mitteilte. Dieses Prozedere widerspreche zudem neuen internationalen Leitlinien.

Wenn sich ein Mann oder eine Frau in seinem oder ihrem Körper nicht "zu Hause" fühlt, können häufig psychische Belastungen entstehen. Das Gefühl, nicht zu dem eigenen anatomischen Geschlecht zu passen, bezeichnen Experten als Geschlechtsinkongruenz. "Die Betroffenen haben häufiger als andere Depressionen, Suizidgedanken, Angststörungen oder Probleme mit Suchtmitteln", erklärte DGE-Vizepräsident Sven Diederich. "Ursache dafür sind meist nicht etwa psychische Störungen, sondern die Diskriminierung der Gesellschaft und die Hürden im Gesundheitswesen."

Anders als in anderen Ländern wie beispielsweise Irland, wo eine Selbstdiagnose ausreicht und gesetzlich verankert ist, müssen in Deutschland Menschen, die das Geschlecht wechseln wollen, mindestens zwölf Monate Psychotherapie und zwölf Monate Alltagstest vor dem Beginn einer Behandlung vorweisen. Betroffene sollen in dieser Zeit in dem gewünschten Geschlecht leben, so verlangen es demnach die Kassen.

"Das widerspricht allen neuen internationalen Leitlinien und muss geändert werden", forderte Diederich. "Die Selbsteinschätzung und die Begutachtung eines in diesem Bereich versierten Psychologen müssen reichen." Zudem gebe es in Deutschland zu wenige Beratungsstellen und zu wenige Experten, die sich mit dem Thema Identitätswechsel auskennen. Zahlreiche Betroffene experimentierten daher auf eigene Faust mit Substanzen, was aber riskant sei.

Nach Schätzungen der Endikrinologen-Gesellschaft gibt es in Deutschland bis zu 400.000 Menschen, die sich wünschen, als Angehöriger des anderen Geschlechts zu leben und anerkannt zu werden. Die Endokrinologie ist die Lehre von den Hormonen, vom Stoffwechsel und den Erkrankungen auf diesem Gebiet.