Maybrit Illner: Wolfgang Kubicki wird zum Marathon-Mann für Jamaika

FDP-Schwergewicht Wolfgang Kubicki wird zum Talkshow-Langstreckenläufer. (Bild: ZDF/Svea Pietschmann)

Wieder eine Talkshow. Wieder ging es um Jamaika. Wieder war Wolfgang Kubicki geladen. Eigentlich müsste der FDP-Vize für die kommende bunte Koalition werben. Stattdessen verpasste er seinen Mitdiskutanten einen Realitäts-Check: „Wir sind Jamaika genauso fern wie am Anfang.“

Kein Politiker ist derzeit öfter in Talkshows zu sehen: Wolfgang Kubicki war am Donnerstagabend zum dritten Mal seit der Bundestagswahl bei Maybrit Illner zu Gast. Außerdem stattete er in den Wochen seit dem Wahlsonntag zweimal Moderatorin Anne Will einen Besuch ab, einmal zeigte er sich bei Markus Lanz. Man könnte meinen, der FDP-Vize sei darum bemüht, um die sehr wahrscheinliche Jamaika-Koalition aus Union, Grünen und Liberalen zu werben. Doch es kam ganz anders.

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Bei „Maybrit Illner“ lautete das Motto: „Jamaikas Griff in die Kasse – wer guckt am Ende in die Röhre?“ Da war es nur folgerichtig, dass Kubicki zu den Gästen zählte. Schließlich wurde der designierte Bundestagsvizepräsident von einigen politischen Beobachtern lange als nächster Bundesfinanzminister gehandelt.

Neben dem 65-Jährigen waren noch CDU-Hoffnungsträger Jens Spahn, Grünen-Realo Robert Habeck, Journalist Gabor Steingart sowie Ulrich Schneider, Chef des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, geladen.

Für Jens Spahn (CDU) steht fest: „Keine neuen Schulden machen!“ (Bild: ZDF/Svea Pietschmann)

Gleich zu Beginn holte Kubicki alle Jamaika-Schwärmer auf den Boden der Tatsachen zurück: „Wir sind Jamaika genauso fern wie am Anfang.“ Allerdings fügte er hinzu: „Es hat sich persönlich ein bisschen was getan. Das macht Hoffnung. Aber wir sind in der Sache definitiv noch keinen wirklichen Schritt vorangekommen.“ Was eine mögliche Jamaika-Koalition finanztechnisch als Erstes anpacken muss, war für Kubicki sonnenklar: „Der Soli muss abgeschafft werden.“ Als Maybrit Illner anschließend wissen will, ob Deutschland einen höheren Mindestlohn brauche, reagiert Kubicki allerdings gereizt: “Der Mindestlohn steigt automatisch. Das ist ein Gesetz. Da gibt es eine Kommission. Das sollte man auch beim ZDF wissen!“

Robert Habeck, Umweltminister in Schleswig-Holstein, startete mit einem persönlichen Seitenhieb auf Kubicki. Der Grüne befand sich seit Juni dieses Jahres mit dem FDP-Politiker in einer Jamaika-Koalition im Kieler Landtag. „Er hat das Land nun ausgetauscht gegen die Hauptstadt.“ Kubicki witzelte, dass er sein Bundesland nun im Stich lassen müsse. Darauf Habeck frech: „Joa. Einige atmen auch auf.“ Für Bundes-Jamaika sei es Habeck zufolge wichtig, auf die Partner zuzugehen, auch wenn bestimmte Dinge nicht im Parteiprogramm stehen.

Keine Talkrunde ohne Jamaika: Sehr nahe sind sich die zukünftigen Koalitionäre noch nicht gekommen. (Bild: ZDF/Svea Pietschmann)

Als es schließlich ums Thema Finanzen ging, offenbarten die Diskutanten weitere Meinungsverschiedenheiten. Für CDU-Mann Spahn war klar: „Wir sollten nicht über neue Schulden reden“. Doch dem setzte Experte Schneider entgegen: „Ich halte es für unklug, in einer Zeit, wo Geld so billig ist, keine Schulden zu machen. Selbst die schwäbische Hausfrau würde das tun.“

Der weitere Gesprächsverlauf drehte sich um die Themen Soli, Steuertransparenz, Mindestlohn, soziale Gerechtigkeit, Flüchtlingskinder, Föderalismus und E-Autos. Am Ende erinnerte „Handelsblatt“-Herausgeber Steingart, um welches Thema sich Jamaika ganz dringend bemühen müsse: die Digitalisierung. „Da baut sich was auf, und da sind wir nicht dabei. Was die Digitalisierung bringt, ist Veränderung, der wir uns nicht wirklich stellen.“

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