Maybrit Illner: So düster sieht Sigmar Gabriel die Zukunft von Europa

Was ist von Donald Trump zu halten? Darüber sprach Maybrit Illner mit ihren Gästen. (Bild: ZDF/Svea Pietschmann)

In der Runde von Maybrit Illner diskutierten die Gäste ein Jahr nach der Wahl Donald Trumps, wie sich die Welt unter dem neuen US-Präsidenten verändert hat. Das Fazit fiel desaströs aus – allerdings nicht für Amerika, sondern für Europa.

Gleich zu Beginn holte Maybrit Illner das deutsche Fernsehpublikum auf den Boden der Tatsachen: Es wurde bisher keine Mauer zu Mexiko gebaut, wie von Trump angekündigt, Obamacare ist bis heute nicht abgeschafft, kein neuer Krieg wurde entfesselt und der Welthandel sei auch nicht zusammengebrochen. Dementsprechend lautete das Motto der Sendung: „Der unfassbare Präsident – was hat Donald Trump verändert?“

Zu diesem Thema diskutierten der scheidende Außenminister Sigmar Gabriel, ZDF-Journalist Claus Kleber, „Los Angeles Times“-Korrespondent Erik Kirschbaum, Aktivistin und Linken-Abgeordnete Anke Domscheit-Berg sowie der Chef der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland, Bernhard Mattes, der auch im Aufsichtsrat des US-Autobauers Ford sitzt.

Claus Kleber (l.) und Sigmar Gabriel beklagten das fehlende weltpolitische Engagement der Europäer. (Bild: ZDF/Svea Pietschmann)

Claus Kleber begann mit einer Einschätzung, die direkt auf die Fragestellung der Sendung abzielte: Donald Trump denke und handle strategischer, als so manche deutsche Journalisten das wahrhaben wollten. „Wir halten uns als Journalisten zu sehr an den großen Projekten auf.“ Unter Trumps Präsidentschaft sei bereits „unheimlich viel passiert“. Umweltgesetze seien deutlich reduziert worden, Finanzmarktregulierungen ebenso. Zudem könne man gesellschaftliche Umwälzungen in den USA feststellen. Zum Beispiel habe sich auf den Schulhöfen das Benehmen der Kinder verändert, so Kleber. Die Zeit der USA als Ordnungsmacht der westlichen Wertegemeinschaft sei vorbei.

Noch-Außenminister Sigmar Gabriel will nicht Trump alleine die Schuld in die Schuhe schieben, dass in den USA nun der Ton schriller, die Anti-Establishment-Bewegung lauter geworden sei. „Manche sagen, schon Obama sei deshalb gewählt worden, weil er als jemand galt, der gegen Washington und gegen das Establishment war.“

Wenig später kam der Realpolitiker Gabriel zum Vorschein. Es sei ja nicht so, dass das Vakuum, das die USA hinterlassen, niemand füllen werde. China sei das einzige Land derzeit, „das eine wirkliche Geo-Strategie hat“. Das, was die USA gerade machten, treffe am Ende ganz besonders Europa. Gabriels düstere Prophezeiung: „Die Folgen davon werden wir erst in einigen Jahren erleben … aber dann kann es zu spät sein.“

Linken-Politikerin Domscheit-Berg kritisierte Donald Trumps Aussagen. (Bild: ZDF/Svea Pietschmann)

Claus Kleber pflichtet Gabriel bei. Die Chinesen würden aktuell auf weltpolitischer Ebene schneller handeln, als in Berlin die Sondierungsgespräche der Jamaika-Koalition vorankämen. Gabriel pflichtete bei: „Wir erleben gerade nicht G20, sondern G2.“ Damit gemeint sind die beiden Weltmächte China und Amerika. „Das kann nur schlecht für Europa sein.“

ZDF-Mann Kleber verwies auf mehrere Dokumentationen, die er in Afrika, Asien und Südamerika gedreht hat: „Überall begegnen einem die Chinesen. Vor zehn Jahren waren das noch in erster Linie die Amerikaner.“ Und dann verfällt auch Kleber in Schwarzmalerei: „Wen ich in dieser Liga nicht spielen sehe, das ist die Europäische Union.“

Als es wieder um Trump ging, überraschte US-Journalist Erik Kirschbaum mit einem Lob. Was der US-Präsident gerade in China bewerkstellige, könnte am Ende dazu führen, dass China Druck auf Nordkorea ausübe. „Das muss man schon als Erfolg von Trump sehen.“ Die Chinesen, so Kirschbaum, würden Trump besser verstehen als die Europäer.

Zum Schluss wurde Anke Domscheit-Berg persönlich: „Trump ist rassistisch, er ist beleidigend, er ist sexistisch. Er hat das Niveau der verbalen Auseinandersetzung auf ein Niveau gesenkt, das man sich überhaupt nicht vorstellen konnte.“ Die Aktivistin warnte: „Aus Worten werden Taten!“

Für Bernhard Mattes waren dagegen andere Faktoren im ersten Trump-Jahr entscheidend: „Viele Amerikaner haben seit drei Jahrzehnten keine Netto-Einkommenssteigerung mehr. Sie haben zu zweit drei oder vier Jobs, damit sie ihre Familie durchbringen können.“ Diese große Mehrheit sei es, die glaube, dass sie durch Trump wieder besser bezahlt werde.