Martin Schulz ruft bei Anne Will seine Leistung ab

Am Abend nach dem SPD-Sonderparteitag gastiert der gerade nochmal davongekommene Martin Schulz in Anne Wills ARD-Talkshow. Eine Hauptstadtjournalistin versucht, den SPD-Parteichef zu provozieren.


Wie immer man zu einer möglichen weiteren GroKo-Bundesregierung steht: Der SPD-Sonderparteitag am Sonntag war bis zur Bekanntgabe des knappen Ergebnisses am Nachmittag hochspannend. So spannend sogar, dass es selbst den Reportern, die im öffentlich-rechtlichen Sender Phoenix live berichteten, die Sprache verschlug. Dabei reden Fernsehreporter eigentlich pausenlos.

Was immer man von Martin Schulz hält, der seit fast exakt einem Jahr die SPD anführt und seither viele überwiegend abschüssige Achterbahnfahrten mitgemacht hat: Respekt verdient, dass er schon am Freitag seine Teilnahme an Anne Wills Sonntags-Talkshow angekündigt hat und nach dem sichtlich kräftezehrenden Parteitag in Bonn tatsächlich im Berliner Studio saß.

Spannend war die Sendung allerdings nicht mehr. Sie erinnerte an die breit ausgedehnte Nachberichterstattung zu Live-Fußballspielen, in der alle geduldig erklären, dass sie ihre Leistung abgerufen haben (oder es wenigstens nächstes Mal wieder tun wollen) und Wiederholungen der besten Spielszenen noch das Interessanteste sind.


„Herr Schulz, was haben Sie während der Auszählung gedacht?“, lautete Anne Wills erste Frage. Wenig später fragte sie nach der Bedeutung einer Schulterzuck-Geste Schulz' gegenüber Andrea Nahles, die sie während des Parteitags beobachtet habe. Diese Geste habe mit irgendeiner konkreten Frage zu tun gehabt, an die er sich aber nicht mehr genau erinnere, sagte Schulz.

Ansonsten rief der authentisch erschöpfte Sozialdemokrat seine bekannten Fernseh-Standards ab. Er sprach von der „Verantwortung für unser Land und für Europa“ und der Aufforderung des Bundespräsidenten, über eine Regierungsbeteiligung zu verhandeln, die ihn dann auch dazu bewogen hatte, sowie von der Pflicht, „an die Menschen im Land zu denken“.

Neben Schulz saß Peter Altmaier von der CDU, mit dem er – wenn es nach den beiden geht – demnächst eine Bundesregierung bilden wird. Fußball-Fernsehexperten würden vermutlich sagen, dass Altmaier und Schulz häufig die gleiche Körpersprache zeigten. Jedenfalls pflichtete Altmaier dem SPD-Chef stets bei und agierte so diplomatisch, wie er es als Kanzleramtschef in der Öffentlichkeit tun muss.

In Abwesenheit echter GroKo-Gegner (anders als in der lebhaften Illner-Show am Donnerstag mit Kevin Kühnert) schien Christian Lindner für so eine Rolle vorgesehen. Dabei müsste eine neue GroKo dem FDP-Parteivorsitzenden zumindest strategisch zupass kommen. Lindner wirkte so müde, als hätte er einen ebenso anstrengenden Parteitag hinter sich, und hatte seine aus der Nachbereitung der gescheiterten Jamaikakoalitions-Sondierungen bekannten Aussagen mitgebracht: Die Unterschiede zwischen SPD und Union seien „viel geringer“ als zwischen den Jamaika-Koalitions-Partnern. „Die CDU ist immer ein Scharnier“, lautete eine frische Lindner-Formulierung. Sie soll einerseits besagen, dass es auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den weiteren möglichen Regierungsparteien, aktuell: der SPD und der CSU, ankäme, und andererseits, dass die CDU der Merkel-Ära sowieso „keine Position“ beziehe.


Vierter Gast war die Talkshow-erprobte „Spiegel“-Hauptstadtjournalistin Christiane Hoffmann. Sie nahm Schulz einmal hart ran: „Das Erschütternde an Ihrer Rede“, sprach sie den SPD-Chef an, sei, dass sie im Saal keine Begeisterung ausgelöst habe, obwohl er eigentlich doch ein guter Redner sei. Auch sonst versuchte Hoffmann, zu provozieren. Angesichts der Bundeskanzlerin fühle sie sich „an die späte Sowjetzeit erinnert“, als nämlich „positiv besetzte Stabilität in Stagnation“ umschlug. Jemand, der Stabilität derart verkörpert wie Peter Altmaier, erschüttert aber auch das nicht.

Im weiteren Verlauf wurden Themen der vergangenen Wochen und Monate rekapituliert: Was genau bei den zurückliegenden Sondierungsgesprächen und in früheren Großen Koalitionen falsch gemacht worden sei und was nicht, wo noch mal der Unterschied zwischen Sondierungen und Koalitionsgesprächen liegt, und dass beide besser nicht vor laufenden Kameras geführt werden sollten.

Spekulationen darüber, was rauskommen wird, schließt das natürlich nicht aus. So versuchte Moderatorin Will, aus Altmaier herauszuholen, welche Zugeständnisse der SPD noch gemacht würden und welche nicht („Darf ich Ihnen sagen, was Volker Kauder gesagt hat?“). Schulz bestritt, vor dem Parteitag deswegen mit Merkel telefoniert zu haben, berichtete hingegen gerne von Emmanuel Macrons Anruf bei ihm, von dem er auf dem Parteitag auch gesprochen hatte. Und Lindner lobte immerhin die „Debattenkultur“ der SPD.

Die Debattenkultur bei Anne Will verlief in den bekannten, breit ausgetretenen Bahnen, ohne ansatzweise den Spannungsfaktor und des Parteitags erreichen zu können. Fernsehzuschauer, die nachmittags bei Phoenix reingeschaut und sich die Sonntagabend-Talkshow dafür gespart haben, haben alles richtig gemacht.