Mehr als 80 Festnahmen am Rande von Europride-Parade in Belgrad

Trotz eines Verbots der serbischen Regierung haben tausende Menschen in Belgrad an der diesjährigen Europride-Parade teilgenommen. Unter starkem Polizeischutz und im Regen legten sie am Samstag die auf wenige hundert Meter verkürzte Strecke zwischen dem Verfassungsrat und einem nahe gelegenen Park zurück. Am Rande des Marschs kam es zu Zusammenstößen zwischen Gegendemonstranten und Polizisten. Über 80 Menschen wurden festgenommen.

Das Innenministerium hatte die paneuropäische Großveranstaltung der LGBTQ-Bewegung am Dienstag aufgrund von Sicherheitsbedenken wegen angekündigter Gegenproteste von rechtsextremen Gruppen verboten. Innenminister Aleksandar Vulin betonte am Samstag, dass das Verbot durchgesetzt worden sei. Die Menschen seien lediglich "zu einem Konzert eskortiert" worden. Am Sonntag sprach er von 87 Festnahmen, gegen 11 der Festgenommenen werde strafrechtlich ermittelt. Demnach wurden 13 der 6000 Polizisten, die für die Veranstaltung im Einsatz waren, leicht verletzt.

Zwar hatte das Innenministerium im Vorfeld auch alle Gegenveranstaltungen verboten, doch einige rechtsextreme Gruppen kündigten an, sich nicht daran zu halten. Wie Journalisten der Nachrichtenagentur AFP berichteten, drängten Polizisten am Rande des Marschs immer wieder kleinere Gruppen von Kreuze schwenkenden Gegendemonstranten zurück.

Örtliche Medien berichteten zudem von gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Gegendemonstranten. Eine Gruppe Hooligans schleuderte demnach Rauchbomben gegen die Einsatzkräfte. Regierungschefin Ana Brnabic berichtete später von dutzenden Festnahmen. Sie sei aber "stolz" darauf, dass der Tag ohne "größere Zwischenfälle" zu Ende gegangen sei, sagte die offen lesbische Politikerin.

Serbiens Präsident Aleksandar Vucic hatte bereits Ende August eine Absage oder Verschiebung der Europride angekündigt. Zur Begründung verwies er damals auf Engpässe bei der Energie- und Lebensmittelversorgung sowie Sicherheitsbedenken.

Das spätere tatsächliche Verbot der Veranstaltung durch den EU-Beitrittskandidaten Serbien löste internationalen Protest aus. Die Botschaften von mehr als 20 Staaten - darunter Deutschland, die USA, Frankreich und Großbritannien - riefen die Regierung in Belgrad dazu auf, das Verbot aufzuheben.

Mindestens 15 Abgeordnete des EU-Parlaments hatten angekündigt, am Samstag aus Solidarität an der Demonstration teilzunehmen. Auch der Queer-Beauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann (Grüne), wollte teilnehmen.

"Ich war schon bei mehreren Pride-Paraden, aber diese ist doch etwas stressiger als die anderen", sagte die britische Aktivistin Yasmin Benoit der Nachrichtenagentur AFP. "Ich komme aus Großbritannien, wo alle solidarischer sind und es kommerzieller zugeht", erzählte sie und fügte hinzu: "Aber hier ist es wirklich so, wie Pride sein sollte". Sie bezog sich damit auf den gesellschaftlichen Kampf, der am Anfang der Bewegung stand.

Die Europride findet seit 1992 jedes Jahr in einer anderen europäischen Großstadt statt. Der Pride March am vorletzten Tag der Veranstaltungswoche ist mit der Parade zum Christopher Street Day vergleichbar.

Vor wenigen Tagen hatten in Belgrad tausende Gegner des Pride March, darunter Anhänger rechtsextremer Gruppierungen, Motorradrocker und serbisch-orthodoxe Priester, gegen die erste in Serbien geplante Europride-Parade demonstriert. Gleichgeschlechtliche Ehen sind in Serbien rechtlich nicht anerkannt, Homophobie ist in dem Land nach wie vor weit verbreitet. Die englische Abkürzung LGBTQ steht für lesbisch, schwul, bisexuell, transgender und queer.

cp/mhe