Mark Zuckerbergs Musikantenstadl


Kurz vor Ende des vergangenen Jahres konnten Facebook-Nutzer noch einmal 2017 Revue passieren lassen – fein säuberlich inszeniert vom größten sozialen Netzwerk der Welt. Der Jahresrückblick von Chef Mark Zuckerberg dürfte indes nicht so heiter gewesen sein: Fake News, Propaganda und Hass bestimmten die Meldungen über die Plattform, die sich gerne selbst als Verteidiger und Befähiger der internationalen Meinungsfreiheit inszeniert. Zuckerberg selbst kündigte dann auch in seinem obligatorischen Neujahrs-Posting an, die Plattform in diesem Jahr „reparieren“ zu wollen. Nun wird klar, wie das aussehen könnte: mit Musik.

Die lindert bekanntlich nicht nur Sorgen, sondern soll auch Nutzer wieder langfristig an das Netzwerk binden. Damit die ihre veröffentlichten Beiträge mit aktuellen Charterfolgen unterlegen können, hatte Facebook zuletzt einen Deal mit Universal Music ausgehandelt. Das Label hat zum Beispiel Helene Fischer, die Rolling Stones oder Lady Gaga unter Vertrag.


Nun legt Facebook nach: Laut Medienberichten hat der Konzern einen Deal mit Sony ausgehandelt. Mit Warner und Universal gehört das Unternehmen zu den drei weltweit größten Labels, im Portfolio sind Künstler wie Beyoncé oder der verstorbene Michael Jackson. Das Ziel dahinter ist klar: Nutzer sollen wieder mehr Inhalte auf der Plattform hochladen und damit mehr Inhalte für potenzielle Werbekunden generieren. Damit setzt Facebook nicht nur Google-Tochter Youtube unter Druck, sondern kämpft auch für die eigene Relevanz.

Knapp vor einem Jahr ging eine Meldung durch Branchendienste, die hellhörig machte: Mit Tamara Hrivnak holte Facebook eine erfahrene Managerin aus dem Bereich Musikwirtschaft an Bord. Hrivnak war zuvor Chefin der Musikpartnerschaften bei Youtube und Google Play, zuvor bei Warner Music, die noch als Facebook-Partner ausstehen. Die Juristin gilt laut „Bloomberg“ als Veteran der Musikindustrie – und hat sich in Lizenzverhandlungen einen Namen gemacht. Eine Tatsache, die ihr nun bei Facebook weitergeholfen haben dürfte.


Denn bevor Meldungen über den Sony-Deal die Runde machten, hatte das soziale Netzwerk bereits eine Partnerschaft mit Universal abgeschlossen. Nutzer können nun Songs von Künstlern, die bei dem Label unter Vertrag stehen, für die Anreicherung ihrer Beiträge verwenden. Vorher war das gar nicht so einfach: Die Verwendung eines Songs für das Hochzeitsvideo oder Urlaubsschnappschüsse war nicht nur rechtlich problematisch. Häufig musste der Plattformbetreiber einschreiten und Videos entfernen, weil es gegen entsprechende Rechte verstieß. Facebook schafft mit den Deals Rechtssicherheit – und versucht sich damit weiter als Youtube-Alternative zu etablieren. Der neue Deal mit Sony dürfte Youtube empfindlich treffen.

Die Lizenzdeals gelten dabei nicht nur für die Mutterplattform Facebook, sondern auch für die Töchter, also die rasant wachsende Fotoplattform Instagram und den Virtual-Reality-Anbieter Oculus. Für Facebook selbst bedeuten die Deals mit der Musikindustrie vor allem eins: mehr Inhalte. Das könnte für das Unternehmen gleich mehrere Probleme lösen.


Die Nutzungsintensität nimmt ab


Zugegeben: Das Ende von Facebook, das beispielsweise Princeton-Forscher für 2017 angekündigt hatten, ist ausgeblieben. Stattdessen verzeichnet das soziale Netzwerk jedes Quartal neue Wachstumsrekorde – über zwei Milliarden Nutzer weltweit war die letzte eindrucksvolle Zählermarke aus Menlo Park.

Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht: So berichtete unlängst „Business Insider“ von einer Studie des Marktforschungsunternehmens Pivotal Research, dass zwar die Anmeldungen bei Facebook stiegen, aber die Nutzungsintensität abnehme. Zudem bleibt das Problem mit der Jugend: Auch wenn die gefährliche Konkurrenz durch Snapchat mittlerweile durch das Kopieren von beliebten Funktionen abgemildert werden konnte, ist Facebook bei Teens nicht gerade die Nummer eins in Sachen Nutzungsverhalten.

Bei einer Umfrage von GfK Media and Communication Research gaben gerade einmal 16 beziehungsweise 15 Prozent der Mädchen und Jungen zwischen 12 und 19 Jahren an, Facebook im Internet am liebsten zu nutzen. Snapchat lag zumindest bei den befragten Mädchen vor Facebook, auch Instagram und WhatsApp landeten vor der Mutterplattform. Klarer Sieger in der Beliebtheit war allerdings in dieser Befragung die Videoplattform Youtube mit 55 bzw. 69 Prozent. Anscheinend will Facebook das ändern: Mit Musik lassen sich vielleicht endlich auch die jungen Nutzer wieder auf die Plattform locken und zudem alle Altersgruppen wieder länger auf ihr halten.


Facebook ist auf die Fremdinhalte angewiesen: Die im Herbst ausgerollte Videospalte muss schließlich konstant gefüttert werden. Was passt da besser als Musikvideos oder Bewegtbildinhalte, die mit beliebter Musik unterlegt werden können? Auch der Newsfeed der Nutzer muss schließlich mit interessanten Inhalten gefüllt werden. Und die bisherigen Lieferanten sind widerspenstig geworden: Viele Medien ließen nämlich unlängst verlauten, dass sie über das größte soziale Netzwerk der Welt gar nicht so gigantische Reichweite generierten, wie es immer wieder verheißungsvoll verlautete.

So hatte zum Beispiel der Branchendienst „Meedia“ Mitte Dezember basierend auf Hochrechnungen der Desktop-Nutzung analysiert, dass die Facebook-Reichweite bei vielen deutschen Medienanbietern sinkt. Das mit viel Bohei gestartete Format Instant Articles verließen im vergangenen Jahr Branchengrößen wie die „New York Times“ oder der „Guardian“. Dann doch lieber mehr Musik statt anspruchsvoller Medienhäuser.

Zudem ist so ein Musikvideo auch viel unverfänglicher als ein Nachrichteninhalt – Fake News und Chartmusik, das passt nicht zusammen. Vielleicht ist die von Zuckerberg angekündigte Reparatur dann auch eine Veränderung des eigenen Anspruchs: weniger Weltverbesserei, dafür mehr Unterhaltung.