Marissa Mayer auf dem heißen Stuhl


Ihr berühmtestes Foto zeigt sie modisch lasziv drapiert auf einer Gartenliege. Die nächsten Bilder werden aber wohl auf einem heißen Stuhl in Washington im Senat gemacht werden. Denn schlimmer geht es kaum noch: Die Politseite „The Hill“ berichtet, dass Marissa Mayer, die unrühmlich und durch die Hintertür ausgeschiedene frühere Vorstandschefin von Yahoo, vom Senat zwangsweise vorgeführt wird. Vor den Abgeordneten soll sie über die gigantischen Datendiebstähle Rede und Antwort stehen, die 2013 alle drei Milliarden Yahoo-E-Mailkonten und andere Dienste kompromittiert haben. Yahoo hatte selbst nach langem Schweigen erst einmal eine Milliarde eingeräumt und dann in diesem Jahr die Karten doch noch ganz auf den Tisch gelegt.

Mayer, so der Bericht, soll mehrere Anfragen des Senats ignoriert haben, weshalb sie eine offizielle Vorladung zum Verhör erhielt. Ihr Team soll noch versucht haben, die „Subpoena“ abzuwenden, damit man sagen könne, sie werde freiwillig erscheinen. Es heißt, Mayer sei nur der Meinung gewesen, sie sei nicht die beste Zeugin in dem Fall. Das sieht der Senat anders.


Es ist der Tiefpunkt einer Vorzeige-Karriere. Mayer begann als eine der ersten Google-Mitarbeiter und stieg dann schnell die Leiter hinauf. Doch nach ihrem Wechsel zu Yahoo fiel sie tief. Milliardenschwere Fehlinvestitionen und Managementfehlleistungen wie eine 109 Millionen Dollar schwere Abfindung für einen Manager nach nur 15 Monaten im Job kratzten schnell am Image der Unfehlbaren.

Die dilettantische Aufarbeitung der E-Mail-Affäre tat ihr Übriges. Yahoo fand unter Mayer keinen Neuanfang und wurde am Ende verkauft. Mayer bekam die Tür gezeigt. Warum sollte sie sich da noch in der Öffentlichkeit ausfragen lassen, hat sie wohl gedacht.

Doch die Beziehung zwischen Politik und Silicon Valley ist gespannter denn je, seit immer mehr Details über das Ausmaß der russischen Interventionen in den US-Wahlkampf bekannt werden und klar wird, wie jovial das Management der großen sozialen Netze darüber erst einmal hinweg gesehen hat.



Auch der Target-Chef musste gehen

Wer wird also der nächste sein, fragt man sich bei Start-ups und Onlineriesen. Irgendwie hat jeder schon mal was am Hals gehabt, und der gängige Spruch hier lautet: „Es gibt nur zwei Arten von Firmen: die einen, die gehackt wurden und die anderen, die es noch immer nicht bemerkt haben.“

Marissa Mayer kann ihren Chefposten nicht mehr verlieren, aber andere haben das schon erlebt. Der Chef des Handelsriesen Target musste nach dem Massendiebstahl von Kreditkartendaten von Millionen Kunden seinen Stuhl räumen und jüngst auch der CEO von Equifax, einem Kreditratingunternehmen, das eigentlich nur die Aufgabe hatte, die hochbrisanten Daten seiner „Zwangskunden“ sicher zu verwalten.

Niemand ist hier freiwillig Kunde, Equifax sammelt die Daten einfach ein. Der frühere Vorstandschef von Equifax muss ebenfalls aussagen. Es trifft die ganz großen, es wird nicht mehr (nur) der Sicherheitschef gefeuert. Eine wirklich neue Entwicklung.

Zweifellos werden einige Volksvertreter die Anhörungen nutzen, um nach Verschärfungen der Datenschutzbestimmungen und besserem Schutz der Privatsphäre zu rufen. Ein Ruf, den das Silicon Valley mit seinen datengetriebenen Geschäftsmodellen mit aller Macht vermeiden will. Aber die Start-ups der Zukunft werden nicht mehr so unbekümmert Daten sammeln, verwerten und verlieren dürfen wie ihre großen Vorbilder heute.

Das neue Sammelsurium, das aus Yahoo und AOL unter dem Dach des Mobilfunkers Verizon entstanden ist, trägt zu allem Überfluss auch noch den passenden Namen „Oath“, „Eid“. Den wird Mayer auf den Capitol Hill bald ablegen dürfen.


Immer dienstags schreiben Britta Weddeling und Axel Postinett, Korrespondenten des Handelsblatts im Silicon Valley, über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.