Mario Draghi und der Code der Zentralbanker

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Mario Draghi und der Code der Zentralbanker

Mit einer ausgeklügelten Rhetorik und speziellen Kommunikation versuchen die Notenbanken, die Finanzmärkte zu steuern. Manchmal geht das ziemlich daneben.


Die Macht seiner Worte ist Mario Draghi wohl bewusst. Wie rasend schnell die Märkte auf seine Äußerungen reagieren, erlebte der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) zuletzt nach einem Notenbanker-Treffen im portugiesischen Sintra. Kaum hatte Draghi dort vage angedeutet, die expansive Geldpolitik der EZB etwas zurückzufahren, schnellten die Anleiherenditen nach oben. Der Euro-Kurs kletterte auf ein Zwölf-Monats-Hoch. Die Marktreaktion war so stark, dass die EZB in Frankfurt streuen ließ, die Aussagen ihres Präsidenten seien überinterpretiert worden.


Mit jedem noch so vertüftelten Statement, mit jedem austarierten, wohlbedachten Satz löst der EZB-Chef Reaktionen an den Märkten aus. Seine Rhetorik hat eine steuernde Funktion und manchmal auch eine explosive Wirkung. Draghis Worte können Erwartungen bestätigen und enttäuschen. Jedes Silbe legen Analysten bei seinen öffentlichen Auftritten auf die Goldwaage, jede Nuance seiner abgezirkelten Bulletins wird abgeklopft, ob sie einen Hinweis auf eine Änderung der Geldpolitik enthält. Das wird auch nächsten Donnerstag so sein, wenn die Euro-Hüter in Frankfurt zu ihrer nächsten Sitzung zusammenkommen.

Gemurmel aus der Badewanne

Die Idee, die Finanzmärkte mit verbaler Kommunikation zu steuern, stammt ursprünglich aus den USA. Bis Mitte der Neunzigerjahre gab die US-Notenbank Fed nicht einmal bekannt, ob und in welchem Ausmaß sie die Zinsen ändert. Investoren erfuhren von Zinsbeschlüssen der Fed nur indirekt, nämlich immer dann, wenn die Notenbank mehr oder weniger Wertpapiere gegen Zentralbankgeld erwarb und so den Zins am Interbankenmarkt bewegte.


Erst 1994 entschloss sich die Fed, ihre Zinsentscheidungen offiziell mitzuteilen. Und ihr damaliger Chef Alan Greenspan (1987 bis 2006) machte sich daraus einen mächtigen Spaß: Er liebte es, die Märkte zu verwirren, ihnen wortreich nichts mitzuteilen. Mit seinem vieldeutigen Gemurmel, genannt Greenspeak, gab er den Marktteilnehmern regelmäßig Rätsel auf: „Ich hoffe, ich war zweideutig genug. Wenn Sie glauben, mich verstanden zu haben, dann habe ich mich falsch ausgedrückt“, pflegte Greenspan zu sagen. Das Geschwurbel von Greenspan, der seine Reden während des morgendlichen Wannenbads vorbereitete, hatte System: Greenspan wollte die Anleger im Unklaren über den Kurs der Fed lassen, damit sie nicht alle in die gleiche Richtung liefen und die Märkte destabilisierten.

Greenspans Nachfolger Ben Bernanke verstärkte die Kommunikation, indem er zu Pressekonferenzen einlud und die Sitzungsprotokolle der Fed veröffentlichte. Er wollte die Erwartungen der Marktteilnehmer so steuern, dass sie mit ihrem Handeln die Zinsen in die von der Zentralbank gewünschte Richtung drücken. Als 2007 die Finanzkrise ausbrach, versprach er, den Leitzins für längere Zeit niedrig zu halten.


Kommunikation drastisch geändert

Auch in Europa hat sich die Kommunikationspolitik der Zentralbanken drastisch geändert. „In den Siebzigerjahren hielten die Präsidenten der Bundesbank zwei bis drei Mal im Jahr eine Rede, das war’s“, erinnert sich Otmar Issing, ehemaliger Chefvolkswirt von Bundesbank und EZB. Das wichtigste Instrument, mit dem die Bundesbanker ihre Botschaften unters Volk brachten, war ihr Monatsbericht. „Der Bericht ging mit dreitägiger Sperrfrist an die Presse, damit die Journalisten ihn ausführlich in ihrer Berichterstattung berücksichtigten“, sagt Issing. Manche Journalisten hätten sogar ihre Urlaubsplanung nach den Veröffentlichungsterminen des Monatsberichts gerichtet.

Als der Euro die D-Mark 1999 ablöste und die EZB die Kontrolle über die Geldversorgung übernahm, wandelte sich die Kommunikationsstrategie der Zentralbanker. Draghis Vorgänger Jean-Claude Trichet entwickelte Codewörter, mit denen er den Märkten geldpolitische Absichten signalisierte. Sprach er etwa von „erhöhter Wachsamkeit“, war klar: Beim nächsten Treffen hebt der Mann die Zinsen an.


"Gefangene ihrer eigenen Politik"

Mario Draghi trieb die Kraft der Worte in der Geldpolitik auf die Deutlichkeitsspitze. Mit seiner öffentlichen Ankündigung auf dem Höhepunkt der Euro-Krise 2012, den Euro um jeden Preis zu retten und dafür notfalls auch unbegrenzt Staatsanleihen zu kaufen („Whatever it takes“) , kalmierte er die Märkte so sehr, dass er das sogenannte OMT-Programm nie umsetzen musste. Ein Jahr später versprach er, „dass die Notenbankzinsen im Euro-Raum für einen ausgedehnten Zeitraum auf dem aktuellen oder einem niedrigeren Niveau bleiben werden“. Das Versprechen niedriger Leitzinsen sollte die langfristigen Zinsen, die sich als Durchschnitt der über den entsprechenden Zeitraum erwarteten Kurzfristzinsen bilden, nach unten drücken. Damit wollte Draghi die Kreditkosten für die überschuldeten Regierungen der Euro-Zone gering halten. „Ohne das Niedrigzinsversprechen und die Käufe von Staatsanleihen hätte die EZB die Leitzinsen weit in den Minusbereich drücken müssen, um die langfristigen Kapitalmarktzinsen zu senken“, sagt Johannes Mayr, EZB-Experte bei der BayernLB.


Korsett angelegt

Nach Ansicht von EZB-Direktoriumsmitglied Benoît Cœuré ist es der EZB gelungen, allein mit ihrer Kommunikationsstrategie die langfristigen Zinssätze der als sicher angesehenen Staatsanleihen um rund 80 Basispunkte zu verringern. Doch der Erfolg hat seinen Preis. Er hat den Euro-Hütern ein Korsett angelegt, das ihnen den geldpolitischen Bewegungsspielraum nimmt. Auch die kreditfinanzierte Welle an Fusionen und Übernahmen, die über Europa hinwegrollt, ist ein Produkt der Niedrigzinsen. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel warnt bereits vor einem gefährlichen Kreditzyklus, der in ein paar Jahren in eine neue Finanzkrise münden könnte.

Schon jetzt sorgen sich Ökonomen um die Preisblasen an den Vermögensmärkten. Vor allem Deutschland, wo die Konjunktur heißzulaufen droht, ist davon betroffen. Berechnungen des Flossbach von Storch Research Institute zeigen, dass die Vermögenspreise im ersten Quartal um 6,5 Prozent höher lagen als im Vorjahr. „Je länger die EZB den Märkten signalisiert, dass die Leitzinsen niedrig bleiben, desto größer werden die Verzerrungen und Blasengefahren – und desto mehr verliert die EZB ihre Handlungsfähigkeit“, warnt Mayr. Ob sich die EZB hinter verschlossenen Türen schon Gedanken macht, wie sie das dann am besten den Märkten kommuniziert?


Zwar rechnet kaum jemand damit, dass die Herren des Geldes kurz vor der Sommerpause, in der die Umsätze an den Finanzmärkten dünn sind, einen geldpolitischen Kurswechsel vollziehen. Doch im September, so die allgemeine Einschätzung, könnte die EZB beschließen, ihre monatlichen Anleihekäufe schrittweise zurückzufahren. Auf der nun anstehenden Sitzung werden die Analysten daher besonders sensibel nach Indizien suchen und auf Zwischentöne hören, ob, wann und wie die Währungshüter den Exit aus der expansiven Geldpolitik bewerkstelligen wollen.

Gleichwohl ist das Ende des Zeitalters der Niedrigzinsen noch nicht in Sicht. Zu groß ist die Abhängigkeit der hoch verschuldeten Südländer und der Banken vom billigen Geld aus Frankfurt. Frühestens für den Herbst 2018, wenn die EZB ihre Anleihekäufe voraussichtlich eingestellt haben wird, erwarten Ökonomen ein Drehen an der Zinsschraube. Große Sprünge nach oben dürften die Zinsen selbst dann nicht machen. Denn die EZB hat sich mit ihrer Kommunikationspolitik in eine Sackgasse manövriert. Durch ihr Versprechen, die Leitzinsen „für längere Zeit“ niedrig zu halten („Forward Guidance“), sind die Zinsen über das gesamte Laufzeitspektrum nach unten gerutscht. Im Vertrauen auf weiterhin niedrige Geldkosten haben Anleger ihr Vermögen in teils fragwürdige Investments gesteckt. Das bindet den Notenbankern nun die Hände. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank: „Die EZB ist zur Gefangenen ihrer eigenen Politik geworden.“



KONTEXT

Das Wörterbuch der EZB: Die Schlüsselwörter der Notenbanker - und was sie bedeuten

Ausgeglichene Konfiguration

Die Konjunktur verbessert sich.

Nachhaltige Annäherung

Bezogen auf die Inflation, heißt dies, die EZB lässt sich von kurzfristigen Sprüngen durch höhere Ölpreise nicht beeindrucken. Erst wenn die Inflation, mehrere Monate lang bei zwei Prozent liegt, ist eine Zinserhöhung denkbar.

Angemessen

Die EZB ist mit ihrem geldpolitischen Kurs zufrieden. Keine Zinsänderungen.

Abwärtsrisiken

Die EZB hält die Konjunkturlage für instabil. Die Zinsen bleiben niedrig.

Bereitstehen

Die EZB will die Finanzmärkte beruhigen und bereitet sich auf Interventionen vor, sollten sich Konjunktur und/oder Inflation anders als gewünscht entwickeln.

Akkommodierend

Die EZB hält ihren aktuellen Kurs für angemessen und plant in nächster Zeit keine Änderungen.

Überzeugender Aufwärtstrend

Diesen Begriff verwendet die EZB mit Blick auf Inflationsfaktoren, etwa Löhne und Kapazitätsauslastung. Erst wenn beide steigen, ist mit höheren Leitzinsen zu rechnen.

Robuste Expansion

Die Geldmenge M3 (Bargeld, Sicht-, Termin- und Spareinlagen, Geldmarktfonds, Bankschuldverschreibungen) wächst zu schnell. Eine geldpolitische Straffung wird opportun.

Beobachten

Hier kommt meist ein warnender Unterton ins Spiel. Die EZB sieht Risiken für die Preisstabilität und ist geneigt, die Zinsen bald zu ändern.

Unsicherheit

Die EZB signalisiert, dass es aus ihrer Sicht noch zu früh ist, die Zinsen zu ändern.

Wachsam

Ein Signalwort. Auch an die eigene Adresse: Die EZB ist handlungsbereit. Beim nächsten Treffen ist mit einer Zinsänderung zu rechnen.

Sorge

Steigerung von wachsam. Die EZB befindet sich in erhöhter Alarmbereitschaft. Es gibt eine starke Bereitschaft, die Zinsen zu ändern.