Margit Wennmachers ist „die wahre Queen des Silicon Valley“


Das Smartphone auf der Theke führt ein Eigenleben. Immer wieder leuchtet es auf, Anrufe, SMS und Chat-Nachrichten treffen ein. Margit Wennmachers wirft einen Blick auf den Bildschirm. „Mein 4B“. Sie nippt lässig an dem Kaffee, der ihr im „The Battery“, einem schicken Privatclub in Downtown San Francisco, serviert wurde. Den Zahlen-Code etablierte Wennmachers Partnerin bei Andreessen Horowitz, als eine Art Notruf-Signal.

Taucht er im Mail-Betreff auf, droht der Risikokapitalfirma oder einem ihrer Portfolio-Unternehmen ein Skandal, eine Klage oder die Attacke eines Rivalen. Wennmachers will da nicht ins Detail gehen. Die Krisenpläne 1 bis 3 und auch 4A sind gescheitert. 4B alarmiert zu höchster Eile. „Die Öffentlichkeit entscheidet schneller als jedes Gericht.“ Die 53-Jährige pinnt einen Kopfhörer ins Ohr und nimmt das Telefon zur Hand.

Die gebürtige Deutsche zählt zu den Top-Managerinnen der Technologieindustrie. Der amerikanische Nachrichtensender CNN nannte sie mal „die wahre Queen des Silicon Valley“. Der Netscape-Erfinder Marc Andreessen verglich sie mit einem „Router im Zentrum der Industrie”.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten steuert Wennmachers, wie über die Branche berichtet wird. Zunächst als Co-Chefin der PR-Agentur Outcast, die sie mit Caryn Marooney gründete, der heutigen Pressechefin von Mark Zuckerberg. Dann überredeten sie Andreessen und Software-Unternehmer Ben Horowitz, mit ihnen eine Venture Capital-Firma aufzubauen.

Mit ihrem Gespür für Geschichten und Marketing setzte Wennmachers das Duo gekonnt in Szene. „Die Leute scherzen, dass wir ein Medienunternehmen sind, das sich durch Venture Capital finanziert.“ Wie viele deutsche Auswanderer spricht Wennmachers ein Deutsch mit starkem amerikanischen Akzent.

Die Investoren bei Andreessen Horowitz überzeugte sie sanft, aber unnachgiebig davon, in Blogs, Podcasts und künftig auch Youtube-Vidoes von ihrer Arbeit zu erzählen und über Technologiethemen zu diskutieren – und den Ruhm der Firma zu mehren.


Inzwischen macht der ehemalige Neuling unter den Finanziers den etablierten Traditionshäusern wie Kleiner Perkins, Sequoia und Benchmark Konkurrenz. Den Etat von 4,2 Milliarden Dollar investiert Andreessen Horowitz über vier Fonds in Hunderte Firmen, darunter Facebook, Airbnb, Twitter, Instagram oder Lyft. Immer auf der Jagd nach dem nächsten großen Ding.

„Im Grunde hat man einen Fuß immer in der Zukunft“, sagt Wennmachers. Erst kürzlich legte ihre Firma den ersten Fonds für Kryptotechnologie auf, mit einem Volumen von 300 Millionen Dollar auf. 100 Millionen Dollar hatte die Investmentfirma zuvor bereits in die Verschlüsselungstechnologie investiert.

Bei den wichtigen Entscheidungen sitzt die deutsche Managerin mit am Tisch. „Marc und Ben vertrauen ihr total, sie hat viel Einfluss bei Andreessen Horowitz“, sagt Florian Leibert, Gründer des Millionen-Start-ups Mesosphere. Der Anbieter für Cloud Computung zählt Andreessen Horowitz zu seinen Investoren.

Die Marketing-Strategin gilt als Spezialistin für schwierige Fälle. Eben dann, wenn im Mail-Betreff plötzlich „4B“ steht, viele Firmen am liebsten schweigen und die Mails von Journalisten nicht beantworten, nur scheibchenweise oder gar nicht mit der Wahrheit herausrücken. Wennmachers hält das für die falsche Taktik. „Lügen sind unproduktiv und unethisch. Der Lügner schadet sich nur selbst. Die Wahrheit kommt früher oder später immer heraus.“

Vom Bauernhof in die amerikanische Gründer-Szene

Wennmachers Job wird umso bedeutender, seit das Image des Silicon Valley durch Debatten über Wahlmanipulation, Privatsphäre-Verletzungen, Steuervermeidung und Smartphone-Sucht gelitten hat. „Die Technologie-Branche ist zu einem Kraftzentrum geworden und hat einen riesigen Effekt auf die ganze Welt“, sagt auch Margit Wennmachers. „Das führt dazu, dass die Branche zurecht genauer gemustert wird.“

In die Bay Area zog die Managerin 1991. Ihr damaliger Arbeitgeber Ardent Computer, deren deutsche Marketing-Abteilung sie bereits mit 24 Jahren geleitet hatte, entpuppte sich jedoch als Flop. Wennmachers blieb dennoch und kehrte nicht zurück in die alte Heimat in die Nähe von Aachen. Dort war sie als jüngstes von vier Kindern auf einem Bauernhof aufgewachsen. Ihr Vater hatte zunächst Pilze und anschließend Schweine gezüchtet.

In der amerikanischen Gründer-Szene machte sich die alleinerziehende Mutter schnell einen Namen als erfahrende Netzwerkerin. Der frühere Foursquare-Manager Holger Luedorf, inzwischen Managing Director für die weltweiten Produkt-Partnerschaften bei Google, lobt ihren „großen Erfahrungsschatz“. Der Verkauf der PR-Agentur Outcast an den britischen Konzern Next Fifteen für zehn Millionen Dollar garantiert Wennmachers finanzielle Unabhängigkeit.


Mit ihrer eigenen Meinung hält sich die Managerin selten zurück. „Das Silicon Valley ist politisch sehr einseitig und nicht sehr tolerant, was andere Meinungen angeht“, sagt sie offen und ehrlich. „Die meisten Leute in Kalifornien sind linksliberal, Konservative werden weniger gern gesehen.“

Doch an der Westküste müsse auch Platz sein für Leute, die anders denken. Als „enttäuschend“ etwa bezeichnet die Investorin die jüngste Entscheidung von Google-Chef Sundar Pichai, „Project Maven“ zu beenden. Mitarbeiter hatten massiv gegen eine Zusammenarbeit mit dem Pentagon protestiert.

Es sei naiv, zu denken, dass das Militär nicht zu den Kunden einer Software-Firma in den Vereinigten Staaten zähle. „Soll das US-Militär besser chinesische Software benutzen?“, fragt sie spöttisch. „Ich habe nie für mehr Krieg gestimmt, aber wir leben doch in der Realität.“