Marburger Bund fordert mehr Obduktionen zur Aufklärung von Todesursachen

Angesichts der Mordserie des früheren Krankenpflegers Niels H. hat der Ärzteverband Marburger Bund mehr Obduktionen gefordert. Die Feststellung von Todesursache und Todesart werde in Deutschland eher stiefmütterlich behandelt, erklärte der Verband

Angesichts der Mordserie des früheren Krankenpflegers Niels H. hat der Ärzteverband Marburger Bund mehr Obduktionen zur Aufklärung von Todesursachen gefordert. Die Feststellung von Todesursache und Todesart werde in Deutschland eher stiefmütterlich behandelt, erklärte Rudolf Henke, erster Vorsitzender der Ärztegewerkschaft, am Mittwoch in Berlin. "Wir tappen weitgehend im Dunkeln, weil es zu wenig Obduktionen gibt."

Autopsien werden angeordnet, wenn Zweifel an einer natürlichen Todesursache vorliegen. Neben diesen forensischen Obduktionen gibt es klinische Sektionen, die genauen Aufschluss darüber geben können, welche Ursachen bei natürlichen Todesfällen im Vordergrund stehen und welche Häufung es in der Bevölkerung gibt.

Die klinische Sektionsrate liegt dem Marburger Bund zufolge bundesweit bei etwa ein bis drei Prozent. Dabei sei die Autopsie nicht nur bei der Aufklärung von nicht natürlichen Todesfällen unabdingbar.

Obduktionen seien auch eine der wichtigsten Maßnahmen zur Qualitätssicherung bei der Feststellung von Todesursachen, was wiederum Auswirkungen auf gesundheitspolitische Entscheidungen habe. "Deshalb brauchen wir eine Quote von mindestens zehn Prozent Obduktionen, um zu einer haltbaren Todesursachenstatistik zu kommen", forderte Henke.

Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. soll nach jüngsten Erkenntnissen über Jahre hinweg mindestens 90 Patienten an zwei niedersächsischen Kliniken getötet haben. Das teilte die Ermittler zu Wochenbeginn mit. Niels H. wurde bereits wegen sechs Morden verurteilt. Er verabreichte Patienten auf Intensivstationen in Oldenburg und Delmenhorst verschiedene Medikamente, die zu Herz-Kreislauf-Stillständen führten, um sie dann zu reanimieren. Viele von ihnen starben. Seine genauen Motive sind unklar.

An beiden Arbeitsstätten fiel die hohe Sterblichkeitsrate während seiner Dienstzeiten auf, die Verantwortlichen schritten aber nicht ein oder alarmierten die Behörden. Erst 2005 wurde H. entlassen und festgenommen.

Die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Ingrid Fischbach, bezeichnete den Fall von Niels H. als "Weckruf". Sie mahnte erneut einen offeneren Umgang mit Behandlungsfehlern in Krankenhäusern an. "Gerade im Krankenhaus ist es wichtig, Risikoquellen so weit wie möglich auszuschließen", sagte Fischbach dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Der Fall Niels H. sei ein "Weckruf dafür, frühzeitig hinzuschauen und Fehler und, wenn es solche gibt, auch Verdachtsmomente anzusprechen, zu prüfen und dann gezielt die notwendigen Schritte einzuleiten".