Das ist der Mann, der jetzt die Macht in Afghanistan hat

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Mawlawi Hibatullah Akhundzada, der Anführer der Taliban, wird in Zukunft die Macht in Afghanistan innehalten.
Mawlawi Hibatullah Akhundzada, der Anführer der Taliban, wird in Zukunft die Macht in Afghanistan innehalten.

Es ist nicht viel bekannt über Mawlawi Hibatullah Akhundzada, den "Kommandanten der Gläubigen", den Anführer der Taliban. Er soll 1961 in der afghanischen Provinz Kandahar geboren worden sein. In den 80er-Jahren soll Akhundzada als Mujahedin gegen die sowjetischen Besatzer Afghanistans gekämpft haben, er gilt jedoch eher als religiöser Fanatiker, denn als Kämpfer. 

Akhundzada soll ein enger Vertrauter des Taliban-Gründers Mullah Mohammad Omar gewesen sein, der im Jahr 2013 starb. Als drei Jahre später der damalige Taliban-Anführer Akhtar Mansour bei einem Drohnenangriff der USA getötet wurde, stieg Akhundzada zum Anführer der Islamisten auf. 

Nun, nach dem Abzug der internationalen Streitkräfte, nach einer nahezu Gegenwehr-losen Offensive der Taliban, nach dem kampflosen Fall Kabuls, ist der als Hardliner bekannte Prediger jetzt zum Herrscher über ganz Afghanistan geworden. 

Wie die Taliban Afghanistan eroberten

Mit Akhundzada und den Taliban ergreift nun eine Gruppierung die Macht am Hindukusch, die mit dem gängigen Bild der Taliban als sich in den Bergen versteckenden Terroristen nur noch wenig gemein hat. Seit Jahren haben sich die Taliban in Afghanistan durch Eroberungen, Anschläge und Propaganda mehr und mehr Gebiete und Einfluss gesichert. 

Dabei wurden sie nicht nur durch ausländische Akteure, wie den Iran, unterstützt, sondern konnten sich vor allem auf ihre eigenen Finanzen verlassen. Forscher des Center for Afghanistan Studies vermuten, dass das jährliche Budget der Taliban sich auf etwa 1,6 Milliarden US-Dollars beläuft. Die Haupteinkommensquellen: der von den Taliban weitgehend kontrollierte afghanische Drogenhandel, Minen im Norden des Landes, Schutz- und Erpressungsgelder, Steuern in den von den Taliban kontrollierten Gebieten und Spenden aus dem Ausland. Die Islamisten sind deshalb längst nicht mehr als bloße Terrorgruppierungen zu bezeichnen, sie sind eine hoch organisierte, finanziell und materiell gut ausgestattete islamistische Bewegung.

Eine, die auch militärisch nichts mehr mit den Guerillakämpfern früherer Jahrzehnte gemein hat. Schätzungen zufolge verfügen die Taliban über eine Armeestärke von 80.000 Soldaten, die sich im Kampf gegen die nominell überlegene afghanische Armee immer wieder als Sieger durchsetzen konnten. Durch Propaganda in den sozialen Kanälen sowie durch Anschläge schwächten die Extremisten zudem die Moral und Kampfstärke der dünn über das Land aufgeteilten Einheiten der afghanischen Armee. Die Taliban waren bei ihrem seit Jahren stattfindenden Militärfeldzug schlichtweg stärker, geduldiger und geschickter als ihre Widersacher. Nachdem die USA und ihre Verbündeten nun den Abzug aus Afghanistan vollzogen, hatten sie vollends freie Bahn: Die afghanische Armee ergab sich kampflos, die afghanische Regierung tat es ihr gleich. 

Wie die Taliban Afghanistan in ein Islamisches Emirat umwandeln wollen

Nun stellt sich die Frage, wie die Taliban Afghanistan regieren werden. Aktivisten, Demokratiebefürworter, Unterstützer der internationalen Truppen während des 20-jährigen Kriegs und vor allem Frauen müssen durch ihre Machtergreifung Unterdrückung, Ausbeutung und Tod fürchten. Schon jetzt gibt es Berichte aus Kabul, dass die Taliban von Tür zu Tür ziehen, um Menschen, die mit den USA und ihren Verbündeten zusammengearbeitet haben oder für demokratische Werte eingetreten sind, ausfindig zu machen. Den Kabuler Flughafen haben die Extremisten abgeriegelt; nur ausländische Staatsbürger werden noch durchgelassen. 

Öffentlich präsentieren sich die Taliban jedoch milde. Als sie am Wochenende Kabul einnahmen, versprachen sie eine "friedlicher Machtübergabe". Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Associated Press sprach ein Taliban-Sprecher von Plänen, eine "offene, inklusive islamische Regierung" aufbauen zu wollen. Wenig später verkündeten die Taliban, dass Beamte und Mitarbeiter der afghanischen Regierung keine Strafen befürchten müssten. Am Dienstag sagte Enamullah Samangani, ein Sprecher der sogenannten Kulturkommission der Taliban, dann im Staatsfernsehen, dass auch Frauen an der zukünftigen Regierung beteiligt werden könnten: "Das islamische Emirat will nicht, dass Frauen zu Opfern werden." Frauen sollten dem islamischen Recht entsprechend in Regierungsfunktionen arbeiten können — was das bedeuten soll, ließ Samangani offen. 

Praktisch zeigt sich die — taktische und vorläufige — Zurückhaltung der Taliban am Montag und Dienstag, als die TV-Sender Afghanistans wieder auf Sendungen gingen. Journalistinnen und Moderatorinnen wurden nicht an der Berichterstattung gehindert, im Sender Tolo News interviewte eine Redakteurin sogar einen Sprecher der Taliban.

Schon in der kommenden Woche könnten sich die Fernsehbilder wieder ändern. Moderatorinnen im afghanischen Staatsfernsehen sollen dann durch Männer der Taliban ersetzt werden, berichtet Farnaz Fassihi, Reporterin der "New York Times".

Dass die Taliban bei ihrer neuerlichen Herrschaft in Afghanistan zumindest ein minimal moderneres Gesicht zeigen werden, darf also bezweifelt werden. Die Islamisten sind in 20 Jahren Krieg nicht weniger extremistisch geworden — höchstens pragmatischer, ambitionierter. Als die Mullahs im Iran in den 1971 ihre Revolution durchführten, zwangen sie auch nicht sofort und umgehend Frauen die Burka auf oder sprachen Berufsverbote auf. Die Sharia-Herrschaft verschärfte sich mit der Zeit. Möglich, dass das auch Afghanistan bevorsteht.

Video: "Die Taliban gingen von Tür zu Tür und suchten nach Ortskräften"

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