Wie ein Mann sein Land zerstörte

Fast vier Jahrzehnte herrschte Robert Mugabe in Simbabwe. Nun ist der 93-Jährige zurückgetreten. Das Ende seiner Diktatur war zwar kurz und schmerzlos, dennoch hinterlässt er ein Land im Chaos.


Als Zehntausende von Simbabwern am vergangenen Wochenende in die Straßen von Harare strömten, um dort den Rücktritt des Mannes zu fordern und zu feiern, der fast 40 Jahre lang brutal über sie geherrscht hatte, saß Robert Mugabe mit einem alten Freund daheim in seinem Büro, aß Maisbrei und schwelgte in alten Zeiten. „Er erzählte von seinen Schultagen und davon, wie die Anthropologie damals die Sicht der Kolonialisten auf Schwarze und deren Intelligenz bestimmt habe“, verriet George Charamba, seit 17 Jahren ein enger Vertrauter des Diktators, einem Reporter der britischen „Financial Times“. Charamba, der an jenem Tag bereits mehr als fünf Stunden mit Mugabe geplaudert hatte, sprach auch davon, wie entspannt der 93-Jährige trotz des Orkans wirke, der draußen gerade durch die Straße der Hauptstadt tobte. „Meine Güte, war er gut gelaunt und gesprächig“, sagte Charamba gegenüber dem Reporter.

Mugabe hat sich bis zuletzt fast nur mit Jasagern und engen Freunden wie Charamba umgeben. Viele, die ihn gut kennen, wie etwa die inzwischen verstorbene simbabwische Journalistin und Buchautorin Heidi Holland, haben bei Mugabe Charakterzüge des römischen Kaisers Caligula festgestellt, der Widerspruch nicht duldete, überall nur Verschwörungen witterte und deshalb nach der Maxime herrschte – „Oderint, dum metuant“. „Mögen sie hassen, wenn sie nur fürchten“.


Wenn er es noch gekonnt hätte, hätte Mugabe am vergangenen Samstag sicherlich wie zuvor die Polizei und das Militär mobilisiert, um die Proteste des Volkes im Keim zu ersticken. Doch das Militär stand diesmal auf der anderen Seite – auf der seines langjährigen Kampfgefährten Emmerson Mnangagwa, den Mugabe kurz zuvor völlig willkürlich als Vizepräsident geschasst hatte, um an seiner Stelle die eigene, im Volk weithin verhasste Ehefrau Grace zu installieren.

Die First Lady war Mugabes Sekretärin im Präsidentenamt, als der junge Politiker noch mit seiner ersten Frau Sally verheiratet war. Als die aus Ghana stammende und im Volk beliebte First Lady 1992 an einem Nierenleiden verstarb, kam die bis dato geheime Liaison mit Grace an die Öffentlichkeit. Seiner 40 Jahre jüngeren und extrem verschwendungssüchtigen Gattin wollte er nun die Welt zeigen – und vor allem wie bedeutsam er ist. Es verging kaum ein Monat, in dem die beiden nicht ins Ausland reisten, wo er sich feiern ließ - und sie unverfroren auf Staatskosten einkaufte. Am Ende stachelte sie ihren Mann sogar an, im Land eine Familiendynastie zu errichten - mit ihr als seiner Nachfolgerin. Eine fatale Fehlentscheidung, mit der Mugabe am Ende den Bogen doch noch überspannte und sein politisches Ende besiegelte.

Mugabe ist schon immer vor allem rachsüchtig und machthungrig gewesen. Dass er sich anders, als seine Frau, eher weniger aus Geld machte, ist seinem Büro anzusehen, in dem er wohl auch seine Rücktrittserklärung verfasste, die am Dienstag im Parlament verlesen wurde. Ein uraltes tragbares Radio stand jahrelang dort, ein alter Computer, die ganze Einrichtung spießig und antiquiert. Als Materialist würde man ihn also nicht bezeichnen. Mugabes Aphrodisiakum, so schrieb es einst Schriftstellerin Heidi Holland, war stets die Macht.

Ein Blick auf das Leben des Gründervaters seines Landes zeigt, dass der jahrelang im Westen als Lichtgestalt gefeierte Mugabe in der Tat schon immer im Herzen ein Tyrann war. Zwar hat Mugabe sechs Universitätsabschlüsse und gilt als hochintelligent, doch zieht sich die zum Machterhalt ausgeübte Gewalt wie ein roter Faden durch sein Leben. „Wie Stalin verbreitet er unter den Menschen Angst und Schrecken, um daraus politisches Kapital zu schlagen“, sagt etwa der britische Afrikakenner und Diplomat Robin Renwick. Und glaubt man der lesenswerten Autobiografie von Heidi Holland, hat Mugabes Anspruch auf absoluten Gehorsam seine Wurzeln in der Zeit, als er auf die streng geführte Missionsschule der Jesuiten nahe Harare ging.



Ein Mann unterliegt dem Größenwahn


„Zurückweisung und Erniedrigung sind Dinge, die Mugabe seit diesen Tagen partout nicht ertragen kann“, schreibt Holland in ihrem Buch. Er sei im Inneren ein eigentlich „schwacher Mann“, dessen harte Kindheit tiefe Spuren hinterlassen habe: Sein Vater verschwand als er zehn war, seine zwei älteren Brüder starben, seine Mutter war depressiv. Nicht nur als Kind, auch in den zehn Jahren seiner Haft während der Widerstandsjahre habe er deshalb nichts anderes getan als zu lesen.

Schon deshalb kam auch die zur Unabhängigkeit seines Landes zunächst eingeschlagene Politik der Aussöhnung gegenüber den Weißen nicht etwa von Herzen, sondern entsprang reinem Kalkül. Denn bereits als Guerillaführer im 14-jährigen Widerstandskampf gegen die Weißen hatte Mugabe niemanden geduldet, der seine Führung in Frage stellt. Viele politische Gegner in den eigenen Reihen starben damals auf mysteriöse Weise, andere wurden von ihm ins Exil gedrängt – ein Muster, das sich später fortsetzte.

Dass Mugabe seine Konkurrenten brutal drangsalierte, wurde im Westen jedoch lange Zeit ignoriert. Schon im Oktober 1980, nur sechs Monate nach der Unabhängigkeit Simbabwes von Großbritannien, schloss der selbst erklärte Marxist ein Abkommen mit Nordkorea und ließ eine Sondereinheit ausbilden, die gegen interne Gegner vorgehen sollte. Wenig später schickte Mugabe, der zur Volksgruppe der Shona gehört, eben diese Sondereinheit ins Matabeleland. Zwischen 1982 und 1987 massakrierten die Soldaten dort rund 20.000 Angehörige der Ndebele. Weil die Weißen damals noch verschont wurden, schwieg der Westen. Schlimmer noch: Er hofierte Mugabe in den nächsten 15 Jahren und überhäufte ihn mit Auszeichnungen – auch das hat entscheidend zu seinem Größenwahn beigetragen. Man ließ sich täuschen von einem Mann, der sich nach außen lange als Reformer gab, nach innen aber ein gnadenloser Diktator war.

Doch während sich das positive Bild von Mugabe jenseits von Afrika langsam ins Gegenteil wendete, wird der einstige Freiheitskämpfer auf dem eigenen Kontinent bis heute weithin verehrt, weil er dem Westen so gegenübertritt, wie es sich viele Schwarze insgeheim offenbar wünschen. Charles Onyango-Obbo, ein ugandischer Journalist und Autor, erklärt dieses Phänomen mit den tiefen Ressentiments vieler Schwarzer gegen die Weißen. Ursache für den emotionalen Drang, es diesen heimzuzahlen, sei ein tief sitzender Minderwertigkeitskomplex des schwarzen Kontinents und eines Großteils seiner Führer.


Aber fast 40 Jahre Robert Mugabe stürzte die Bewohner Simbabwes in eine tiefe wirtschaftliche Krise. Die Nation war einst reicher als Südafrika, heute ist davon nicht mehr viel übrig. Mugabes desaströse Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahrzehnte gipfelte in einer Hyperinflation. Auf dem Höhepunkt 2008/09 kostete ein Stück Butter Hunderte Trillionen Simbabwe-Dollar. Simbabwe musste 2009 seine eigene Währung aufgeben und führte den US-Dollar ein.

Von der Krise hat sich das Land bis heute nicht erholt, auch wenn die Lage wieder etwas besser und die Lebenserwartung wieder gestiegen ist. Die Produktion ist in den vergangenen neun Jahren um mehr als die Hälfte eingebrochen. Die Landwirtschaft, einst ein sicherer Devisenbringer, liegt darnieder, auch reiche Bodenschätze von Gold bis Kohle werden kaum noch abgebaut – der Mugabe-Clan soll sich allerdings am Handel mit Diamanten bereichern. Die Arbeitslosigkeit beträgt geschätzt rund 80 Prozent. Etwa ein Drittel der Bevölkerung ist ins Ausland geflohen. Noch feiert das Land den Rücktritt des Despoten. Die wirtschaftlichen Probleme aber bleiben.

KONTEXT

Robert Mugabe - Chronik einer langen Herrschaft

1980: Gewinn der Parlamentswahl

Mugabe gewinnt überraschend mit seiner Partei Zanu die erste Parlamentswahl im von Großbritannien nach langem Kampf in die Unabhängigkeit entlassenen Simbabwe. Zunächst als Ministerpräsident verspricht er eine Politik der Versöhnung mit der weißen Minderheit. Mugabes Wirtschafts- und Sozialpolitik zeitigt bis 1990 durchaus Erfolge, die Einkommen von Kleinbauern und die Lebenserwartung steigen, die Zahl der Kinder mit Mangelernährung geht deutlich zurück.

1982: Militäreinsatz gegen Zivilisten

Mugabe setzt das Militär gegen einen angeblichen Aufstand im Matabeleland ein. Tausende Zivilisten sollen dabei getötet worden sein.

1987: Präsidentschaft

Durch eine Verfassungsänderung wird Mugabe Präsident.

1991: Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik

Mugabe ändert - auch auf Druck des Internationalen Währungsfonds - den bis dahin marxistisch geprägten Wirtschaftskurs und lässt Privatwirtschaft zu. Ein Sparprogramm führt zur Verarmung vieler Menschen.

1994: Ritterehrung

Mugabe wird von Großbritannien ehrenhalber in den Ritterstand erhoben.

2000: Enteignung weißer Bauern

Mugabe leitet eine Landreform, die Enteignung weißer Bauern mit großem Grundbesitz, ein. Westliche Geberländer wenden sich von ihm ab. Der versprochene Wirtschaftsaufschwung bleibt aus; die Preise steigen dreistellig bis zur Hyperinflation 2008/2009.

2005: Auseinandersetzung mit den USA

Die USA bezeichnen Simbabwe als einen "Vorposten der Tyrannei".

2008: Machtteilung in der Regierung

Mugabe und Oppositionskandidat Morgan Tsvangirai vereinbaren nach einer Wahl eine Machtteilung. Königin Elizabeth II. annulliert Mugabes Ehrenritterschaft.

2011: Scheitern der Einheitsregierung

Ministerpräsident Tsvangirai erklärt inmitten politischer Gewalt die Einheitsregierung als gescheitert.

2013: Erneuter Wahlgewinn

Mugabe gewinnt die Präsidentenwahl. Es ist seine siebte Amtszeit.

2016: Veteranen wenden sich ab

Die Vereinigung der Kriegsveteranen wendet sich gegen Mugabe, sie bezeichnen ihn als diktatorisch; die Protestbewegung #ThisFlag entsteht.

2017: Beginn des Wahlkampfs

Mugabe beginnt den Wahlkampf für die Wahlen 2018.

6. November 2017: Absetzung des Vizepräsidenten

Mugabe entlässt Vizepräsident Emmerson Mnangagwa, einen langjährigen Weggefährten und möglichen Nachfolger. Es wird spekuliert, dass Grace Mugabe zur Vizepräsidentin ernannt werden soll.

15. November 2017: Ingewahrsamnahme

Das Militär nimmt Robert und Grace Mugabe in Gewahrsam. Der südafrikanische Präsident Jacob Zuma teilt nach einem Telefonat mit dem 93-Jährigen mit, die beiden dürften ihr Haus nicht verlassen.