Der Mann, der zum „afrikanischen Obama“ verklärt wird


Seit ein paar Monaten geschehen in Äthiopien erstaunliche Dinge: Das bislang nur am eigenen Machterhalt interessierte Regime sucht plötzlich den Dialog mit der zuvor gnadenlos verfolgten Opposition und hat gleichzeitig damit begonnen, die Wirtschaft zu reformieren.

Vor allem mühen sich die Machthaber in Addis Abeba nun um Ausgleich mit dem Erzfeind Eritrea. Das jüngste Treffen der Präsidenten beider Länder war so historisch wie das zwischen Nordkorea und den USA. Nach mehr als zwei Jahrzehnten Feindschaft sollen nun Botschaften eröffnet und eine erste Flugverbindung aufgenommen werden.

Triebfeder dieser verblüffenden Entwicklungen ist ein Mann, der erst vor einem Vierteljahr an die Macht gelangt ist: Premier Abiy Ahmed. Der 41-Jährige bricht mit vielem, was Äthiopiens Politik bislang geprägt hat. Kein Wunder, dass der Vater von drei Töchtern bereits als „afrikanischer Obama“ verklärt wird.


Neben der Freilassung Tausender politischer Gefangener hat der neue Präsident vor allem dringend nötige Wirtschaftsreformen angestoßen, darunter die zaghafte Privatisierung von Staatsbetrieben, um mehr Arbeitsplätze in dem 100-Millionen-Einwohner-Land zu schaffen.

Dennoch ist der frühere Technologieminister immer noch Teil einer Einheitspartei, die nicht demokratisch an die Macht gelangt ist. Vielleicht betont er deshalb so häufig, das verkrustete System von innen heraus zu erneuern.

Zu diesem Zweck wünsche er sich vor allem eines: weniger Almosen, mehr Privatinvestitionen. Denn sein Versuch, die Modernisierung Äthiopiens vom Agrar- zum Industriestaat einzuleiten, ist längst zu einem Wettlauf mit der Zeit geworden.