Der Mann, der über die Fusion von Linde und Praxair richtet


Der Jurist Joseph Simons ist ein Wandler zwischen den Seiten. Immer wieder hat er zwischen Großkanzleien und der Wettbewerbsaufsicht hin und her gewechselt. Seit Mai leitet er nun als Chairman die mächtige Federal Trade Commission (FTC) und hat damit bei jeder Fusion ein wichtiges Wort mitzureden.

Über mangelnde Arbeit kann sich der 59-jährige Republikaner nicht beschweren. In den USA jagt derzeit eine Übernahme die nächste. Angesichts sprudelnder Gewinne und prall gefüllter Konzernkassen wird sich daran auch so schnell nichts ändern. Auf seinem Schreibtisch liegt auch die Akte Linde Praxair, und wie sich am Wochenende herausstellte, hat seine Behörde nun einige Zweifel an dem Zusammenschluss geäußert.

Linde und Praxair hatten eigentlich damit gerechnet, dass der Weg für die Fusion weitgehend frei ist. Brüssel sollte mit dem Verkauf des Großteils des Europageschäfts von Praxair an den japanischen Industriegasehersteller Taiyo Nippon Sanso besänftigt werden.

Auf der anderen Seite des Atlantiks sollte das US-Geschäft von Linde weitgehend an den deutschen Konkurrenten Messer verkauft werden. Beide Verkäufe waren mit den Behörden abgestimmt. Daher trafen die zusätzlichen Forderungen der Wettbewerbshüter Linde und Praxair unvorbereitet.

Eher Tech-Firmen im Visier

Mit dem Thema Wettbewerb beschäftigt sich Simons seit Jahrzehnten. Nach seinem Wirtschafts- und Geschichtsstudium an der Cornell University und einem Abschluss in Jura an der Georgetown University ging er zunächst zur Großkanzlei Clifford Chance. Dann wechselte er zur FTC, wo er unter Präsident George W. Bush zum Bürochef für Wettbewerb aufstieg. Zwischendurch ging er zweimal in die Privatwirtschaft – zuletzt als Partner für Kartellrecht bei der Großkanzlei Paul, Weiss, Rifkind, Wharton & Garrison.


Bisher hatte es so ausgesehen, als wolle sich Simons eher den großen Tech-Firmen und deren Marktmacht widmen und nicht den Gase-Herstellern. In einer Anhörung im Kongress sagte der Jurist: Die Frage, ob Tech-Firmen wie Google, Facebook und Amazon den Wettbewerb untergraben, „wird eine Priorität sein“. Aber: „Wir wollen niemanden angreifen, nur weil er groß und erfolgreich ist.“ Es ginge nur um Firmen, die sich wettbewerbsfeindlich verhalten.

Nach Einschätzung von Martin Gramsch, Kartellrechtler bei der Wirtschaftskanzlei Simmons & Simmons, ist das aber auch zu diesem Zeitpunkt nicht ungewöhnlich. „Kartellbehörden unterziehen die von den Unternehmen gemachten Verpflichtungszusagen einem sogenannten Markttest und prüfen, ob die gemachten Zusagen ausreichend sind, um die Bedenken der Behörden auszuräumen“, sagte er dem Handelsblatt. Daher sei es immer möglich, dass noch Zugeständnisse gefordert würden.

Nach Gramschs Einschätzung ist es noch zu früh, um zu sagen, ob die FTC in der neuen Besetzung einen grundsätzlich härteren Kurs fährt. Studien der FTC hätten aber gezeigt, dass bei früheren Fällen Zusagen, die nur auf den Verkauf von Teilen eines Geschäftsgebiets ausgerichtet waren, aus wettbewerbsrechtlicher Sicht häufiger fehlgeschlagen seien.


In Branchenkreisen spekulieren manche, dass Simons bei Linde Praxair Druck von ganz oben bekommen hat. Die Fusion könnte Opfer einer „America first“-Politik des US Präsidenten werden, heißt es. Zwar sehen in dem Zusammenschluss vor allem deutsche Arbeitnehmervertreter eine heimliche Übernahme durch die Amerikaner. Schließlich soll der Praxair-Chef den neuen Konzern aus den USA heraus operativ führen.

Ebenso verliert der Standort USA: Denn der offizielle Hauptsitz des neuen Konzerns wird Dublin sein. Zwar haben dafür steuerliche Gründe nicht die Hauptrolle gespielt. Doch hat Trump mehrmals betont, dass er es nicht gern sieht, wenn US-Unternehmen ihren Sitz ins Ausland verlagern. Außerdem setzte sich die deutsche Seite bei der Namenswahl durch: Der neue Konzern soll Linde heißen.