Die Gehälter der Dax-Chefs entfernen sich immer weiter von denen der Belegschaft


Die SPD könnte ihr Wahlkampfversprechen vielleicht doch noch einlösen, falls die Regierung überhaupt durchhält. Die Sozialdemokraten hatten sich für eine Begrenzung der steuerlichen Abzugsfähigkeit von Managergehältern ausgesprochen, weil viele Vorstände bis zum 100-Fachen ihrer Beschäftigten verdienten. Eine Studie der Böckler-Stiftung zeigt nun: Topmanager wie Post-Chef Frank Appel kassieren sogar das 232-Fache.

In den Koalitionsvertrag hatte es das Vorhaben der SPD nicht geschafft. Die neuen und kräftig gestiegenen „Manager to Worker Pay Ratios“, so der Fachbegriff, könnten das Thema wieder auf die Agenda setzen. Druck kommt auch aus Brüssel, die Aktionärsrechte-Richtlinie empfiehlt den Mitgliedstaaten, die Unternehmen zur Offenlegung ihrer Pay Ratio zu verpflichten – so, wie das inzwischen auch in den USA und in Großbritannien vorgeschrieben ist.

Die Bundesregierung muss bis 2019 einen Gesetzentwurf vorlegen, wie sie die Richtlinie umsetzen will. Die Untersuchung des Instituts für Mitbestimmung und Unternehmensführung (IMU) der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung gibt den Kritikern recht, die insbesondere Vorständen großer Unternehmen Maßlosigkeit vorwerfen.

Zuletzt traf es Rüdiger Grube, den ehemaligen Bahn-Chef und damit Vorzeigemanager des größten deutschen Staatsbetriebs, der mit seiner millionenschweren Abfindung für Aufregung sorgte und Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) zu der Forderung nach mehr „Maß und Mitte“ veranlasste. Tätig geworden ist bislang aber noch kein Regierungspolitiker.



Das IMU hat zum fünften Mal seit 2005 das Verhältnis der Vorstandsvergütungen zur Belegschaft für Dax-Konzerne ausgerechnet. Auffälligstes Ergebnis: Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2008 stagnierte die durchschnittliche Relation über alle Vorstandsmitglieder gerechnet zunächst um den Faktor 60. Die neueste Analyse, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt, zeigt, dass die Schere seit 2014 nun wieder kräftig auseinanderklafft. Für 2017 errechnete das IMU das 71-Fache.

In den zwölf Jahren seit der ersten Analyse ist der Gehaltsabstand zwischen Topmanagern und einem Durchschnittsbeschäftigten um etwa 70 Prozent gewachsen. 2005 bekam ein Vorstandsmitglied im Dax 42-mal so viel wie der durchschnittliche Mitarbeiter. Getrieben wird die Entwicklung unter anderem von Aktienoptionen im Rahmen von Langfristanreizen für die Manager. Gestiegen sind sowohl die Volumina der Optionen wie auch die Börsenkurse der Aktien.

Aktienoptionen für einfache Angestellte sind dagegen in Deutschland eine Seltenheit. Kaum ein Unternehmen beteiligt neben seinen Vorständen und hochrangigen Managern auch die Mitarbeiter durch Aktien am Erfolg. Ausnahme ist Siemens. „Wir wollen alle unsere Mitarbeiter direkt am Erfolg und an der nachhaltigen Entwicklung von Siemens teilhaben lassen“, hob Konzernchef Joe Kaeser im Frühjahr hervor.

Die Bilanz von Siemens kann sich sehen lassen

Die bisherige Bilanz kann sich sehen lassen – und ist in Deutschland beispiellos: 300.000 der insgesamt 377.000 Beschäftigten wurden auf diese Weise bereits Miteigentümer. Und profitieren damit auch finanziell vom Erfolg ihres Unternehmens an der Börse.



Diese Orientierung am Finanzmarkt und damit am Interesse von Investoren sehen gewerkschaftsnahe Kreise allerdings kritisch. „Managergehälter müssen leistungsgerechter werden“, fordert IMU-Direktor Norbert Kluge. „Das nachhaltige Unternehmen mit Perspektiven für Arbeitsplätze und Standorte muss dafür der Maßstab sein, nicht nur der Börsenwert eines Unternehmens.“

Vor allem die Vorsitzenden haben sich unter anderem durch hohe Tantiemenzahlungen mit ihren Vergütungen teilweise weit vom Einkommen ihrer Mitarbeiter entfernt. Spitzenreiter ist Frank Appel von der Post, gefolgt von Bernd Scheifele von Heidelcement, der 201-mal so viel kassierte wie ein Durchschnittsarbeiter des Baustoffkonzerns.

Der bestbezahlte Dax-CEO, Bill McDermott von SAP, der 2017 eine Gesamtvergütung von 21,8 Millionen Euro verbuchte, liegt nur auf Platz fünf im Vergleich der 30 führenden Konzerne. Grund dafür sind die vergleichsweise hohen Gehälter des Softwareunternehmens.

Diese Relation ist auch Ursache dafür, dass der Post-Chef trotz seiner Vergütung von 9,8 Millionen Euro an der Spitze beim Pay Ratio liegt. Viele der 500.000 Beschäftigten des Logistikunternehmens bekommen einen relativ niedrigen Lohn. Laut IMU-Studie verschiebt sich das gesamte Vergütungsniveau nach oben.

Lag die niedrigste Pay Ratio vor drei Jahren noch beim 17-Fachen, so kletterte sie 2017 schon auf das 20-Fache im Durchschnitt aller Dax-Vorstände. Der Trend gilt für den Median, der sogar vom 20-Fachen auf das 48-Fache stieg. Der Median gibt den Wert an, den jeweils die Hälfte der Unternehmen über- und unterschreiten. Selbst unter Herausrechnung der meist bestbezahlten Vorstandsvorsitzenden lag dieser Mittelwert im vergangenen Jahr noch beim 43-Fachen.


Im Vergleich zu US-amerikanischen Verhältnissen sind diese Relationen allerdings harmlos. Erstmals sind die US-Konzerne in diesem Jahr gehalten, die Pay Ratio zu veröffentlichen. Gary Heminger, CEO der hierzulande weniger bekannten Marathon Petroleum, kassierte 2017 das 935-Fache eines Arbeiters seiner Firma.

Die hohe Diskrepanz ist in der Regel das Ergebnis üppiger Aktienoptionen, die amerikanische Firmen gern an ihre Topleute verteilen. Werden diese Boni aber gestrichen, gleicht sich die Bezahlung schnell deutschen Verhältnissen an. John Flannery etwa, CEO des stark schrumpfenden Mischkonzerns General Electric, verdiente nur das 157-Fache eines Durchschnittsangestellten. In besseren Jahren geht die Pay Ratio naturgemäß wieder deutlich nach oben.

Nur zwei Dax-Konzerne publizieren die Pay Ratio

Unter den Dax-Konzernen veröffentlichen laut IMU-Studie bislang nur zwei den Abstand zwischen Topmanagement und Angestellten: der Versicherer Munich Re und SAP. Beide Unternehmen präsentieren eigene Berechnungen, die niedriger ausfallen als die des Böckler-Instituts. Munich Re kommt für seinen CEO Joachim Wenning auf den Faktor 37 (IMU: 64), SAP auf 111 (IMU: 163). Grund dafür sind unterschiedliche Berechnungsmethoden.

Das IMU legt den Gehaltszufluss zugrunde, berücksichtigt also auch Einkommen aus Tantiemen zurückliegender Jahre. Dieser Wert ist die übliche Basis von Vergütungsrankings. Die Unternehmen rechnen nur mit Teilen der Vorstandsvergütung.


Bei einigen Unternehmen ist auch die Zahl der Vollzeitstellen unklar – für die Studie natürlich ein zentraler Wert. Die 30 Dax-Konzerne beschäftigen danach insgesamt 4,1 Millionen Menschen, 1,6 Millionen davon arbeiten in Deutschland. Unklare Berechnungsmethoden und nicht vergleichbare Statistiken erschweren aber die Vergleichbarkeit.

Studienautorin Marion Weckes stellt deshalb die Forderung: Zumindest für die Unterrichtung des Aufsichtsrats sollten einheitliche Zahlendefinitionen gelten, denn die Kontrolleure entscheiden letztlich über das Gehalt. Wenn sie das „Verhältnis der Vorstandsvergütung zur Belegschaft“ beurteilen müssen, wie es der Corporate Governance Kodex für gute Unternehmensführung verlangt, und wenn „Angemessenheit“ – wie es das Aktiengesetz fordert – eingehalten werden soll, dann geht das nun mal nicht ohne präzise Informationen.