Wie kann man den Widerstand gegen Stromtrassen brechen?

Windstrom wird über Stromtrassen vom Norden in den Süden transportiert. Dagegen regt sich Widerstand. Warum die Rebellion gerechtfertigt ist – und wie sie in Zustimmung umgewandelt werden kann.


An der schleswig-holsteinischen Nordseeküste ist es häufig sehr windig. Deswegen wird dort ein Großteil der deutschen Windenergie produziert. Im Jahre 2015 produzierten Windräder in Schleswig-Holstein knapp 14 Milliarden Kilowattstunden (kWh). Das war doppelt so viel Energie wie in 2013. Der Grund dafür: die  Inbetriebnahme mehrerer Offshore-Anlagen vor der Nordseeküste. Sie produzierten beinahe viermal so viel Strom wie Bayern und Baden-Württemberg im Jahre 2015 an Windenergie zusammen. Nur in Niedersachsen wurde in 2015 mit knapp 20 Milliarden kWh mehr Windstrom produziert.

Das ist nicht besonders überraschend. Es liegt an den Witterungsbedingungen in den beiden norddeutschen Küstenländern. Deswegen macht es Sinn, dass sich diese beiden Länder auf Windenergie spezialisieren. Es ist sogar zu erwarten, dass sich der Erzeuger-Mix des Stroms noch weiter von den konventionellen zu den erneuerbaren Energien wandeln wird, wenn die Bundesregierung ihre Pläne hinsichtlich der Kernkraft und Kohle realisiert oder gegebenenfalls noch verschärft. Letzteres würde wohl unter einer grünen Regierungsbeteiligung geschehen. Windenergie dürfte dann in Norddeutschland weiter ausgebaut werden. Sollte sich die Effizienz der Windräder steigern, wäre das hochrational – vor allem für Offshore-Anlagen.

Schleswig-Holstein ist ein Nettoexporteur des Stroms innerhalb der Bundesrepublik. Der Brutto-Stromverbrauch des Küsten-Landes lag 2015 mit unter 20 Milliarden kWh deutlich unter der gesamten Stromerzeugung, die im gleichen Jahr über 33 Milliarden kWh betrug. Windenergie wird also strukturell dort erzeugt, wo sie nicht vollständig benötigt wird.


Dieser Strom muss, solange es keine adäquaten Speichertechnologien gibt, mithilfe von Überlandleitungen oder unterirdischen Leitungen an die Verbrauchsorte geleitet werden. Diese liegen eher in den Industriezentren in Bayern und Baden-Württemberg, wo die Industrie bislang vor allem mit konventionell produziertem Strom arbeitet. Wenn konventionelle Energie zunehmend durch erneuerbare ersetzt wird, verschärft sich das Problem des Stromtransportes also.

Das Hauptproblem der Stromversorgung dürfte also zukünftig eher in der Verteilung des Ökostroms als in seiner Erzeugung liegen. Die Erzeugung wird zunehmend effizienter und immer mehr gesellschaftlich akzeptiert. Anders verhält es sich mit der Verteilung des Stroms und seines Transports von Nord nach Süd. Denn die Stromtrassen – ob unterirdisch oder über der Erde – durchlaufen über weite Strecken Regionen, die den Strom nicht brauchen. Wer unmittelbar in der Nähe so einer Leitung wohnt, mag sich optisch gestört fühlen und unter den Folgen von Elektrosmog leiden.

Der Widerstand gegen die Trassen ist deswegen hoch. Bayern will sie nicht und auch Hessen hat kein Interesse. Hessen hat deswegen Naturschutzgebiete auf dem direkten Weg einer potentiellen Trasse ausgewiesen. Thüringen zieht nach – und erklärt die ehemalige innerdeutsche Grenze zum Naturschutzgebiet.



Infrastrukturprojekte ja - aber bitte nicht in meinem Wohnort


Das trägt den Ländern und ihren Bewohner den Vorwurf ein, sie wären typische NIMBIES. Das Wort ist der Plural von NIMBY, was wiederrum für “Not In My BackYard“ steht. Die Wortschöpfung beschreibt eine Verweigerungshaltung für eigentlich sinnvolle Infrastrukturprojekte. Man will die saubere Energie, aber nicht die Leitungen in unmittelbarer Nähe des Wohnortes. Die Kritiker des Bahnhofs Stuttgart 21 mussten sich diesen Vorwurf genauso gefallen lassen wie die Gegner von Flughafenausbauprojekten. Beide – so die These – wollten zwar die Mobilität genießen, aber nicht die Konsequenzen tragen.

Der Vorwurf ist einerseits richtig, denn das Verhalten der NIMBIES erscheint  unsolidarisch. Vor allem gilt das für diejenigen, die etwa von einem neuen Bahnhof in ihrer Nähe profitieren. Andererseits kann man die Bewohner von Regionen, die nur der Durchleitung des Stroms dienen, verstehen. Sie haben kein Interesse daran, nur mit den Kosten (Sicht, Smog) des Stromtransportes behelligt zu werden.

Was also tun? Der Ökonom Ronald Coase bietet eine Lösung an. Er hat sich mit der Frage der Eigentumsrechte an sauberer Umwelt befasst. Wem gehört die Natur? Wer soll für ihre Veränderung bezahlen: der Verantwortliche oder der Betroffene? Bezogen auf das Problem des Windstroms und seines Weges von der Küste zur bayerischen Industrie: Gibt es einen Preis für die Veränderung der Landschaft, der über den Grundstückswert der Flurstücke, über die die Leitung verläuft, hinausgeht? Die Antwort kann eigentlich nur lauten: ja.


Selbst wenn die Kosten der Energiewende durch Abgaben an diejenigen, die die Leitung ertragen müssen, steigen, ist es fair, dass sie etwas davon haben. Am einfachsten wäre es, wenn die Planungsbehörden einige alternative Routen entwickelten und sie den Bewohnern und betroffenen Gemeinden gegen Gebot anböten. Die Konsortien aus Bürgern und Gemeinden, die den niedrigsten Preis fordern, bekämen dann den Zuschlag. Über oder unter ihrem Grund verliefe dann die Trasse. Gezahlt würden die Preise von den Stromverbrauchern, also ganz ursachengerecht.

Ob so eine Lösung rechtlich möglich ist, müsste natürlich geprüft werden. Aber es wäre ein interessanter Versuch. Denn man könnte möglicherweise die Haltung zur Stromtrasse in den durchquerten Regionen umdrehen und ein Interesse an der Leitung in der Nachbarschaft erzeugen. Aus dem NIMBY wird ein PLIMBY (“PLease In My Backyard“). Der berechtigte Widerstand gegen eine Einschränkung der Lebensqualität würde so mit einem Zuwachs an Einkommen, mit dem man die Lebensqualität wiederrum steigern könnte, überwunden.