Wie man Menschen für sich gewinnt – und damit verliert

Carlo Ancelotti ist als Trainer von Bayern München nicht nur gescheitert, weil er Spiele verloren hat. Seine Art, Menschen zu führen, funktioniert nur unter bestimmten Bedingungen. Manager können viel davon lernen.


Es gibt kaum einen anderen Fußball-Trainer auf der Welt, über den aktive und ehemalige Spieler so positiv sprechen wie über Carlo Ancelotti. Der Italiener gilt in diesem brutal harten Business als Vaterfigur, als Zuhörer und Versteher. Das sagen viele Spieler. Aber das schreiben selbst die Größten des Gewerbes in Ancelottis Buch „Quiet Leadership“ (Knaus Verlag).

Dieses Wer – unterstützt von zwei Ghostwritern – brachte Ancelotti im März 2016 heraus. Also kurz bevor er deinen Trainerjob bei Bayern München antrat. Entsprechend galt es vielen als Lektüre und Vorbereitung auf das, was den Kickern beim deutschen Rekordmeister erwarten würde. Der Untertitel des Buches lautet: „Wie man Menschen und Spiele gewinnt.“ Das sagt einiges.

Ancelotti schwört auf eine „ruhige und zurückhaltende“ Führung und besteht darauf, dass dies nicht mit „Nachgiebigkeit oder gar Schwäche“ zu verwechseln sei. Es sei wirkungsvoller, „Macht und Einfluss indirekt auszuüben“. die zentrale Aussage gilt wie eine Binse: „Es sollte sonnenklar sein, wer das Sagen hat – aber diese Einsicht muss das Ergebnis von Respekt und Vertrauen sein und nicht von Angst.“



Wer sich die Karriere von Carlo Ancelotti anschaut, entdeckt recht schnell, dass so ein Führungsstil ein hohes Maß an Vertrauen von der jeweiligen Vereinsführung erfordert. Beim AC Mailand genoss der Trainer dieses Vertrauen nahezu unbegrenzt und konnte hier über Jahre hinweg Erfolge feiern - von 2001 bis 2009.

Doch bei den meisten anderen Stationen durfte Ancelotti trotz so manchem Titel nicht sehr lange bleiben: Beim AC Reggiana, AC Parma, Juventus Turin, FC Chelsea, Paris Saint-Germain, Real Madrid und nun beim FC Bayern ließen ihn die Club-Chefs nie mehr als maximal zwei Jahre gewähren. Nur selten hörte man danach ein schlechtes Wort von ehemaligen Spielern. Im Gegenteil: Selbst große Diven wie Zlatan Ibrahimovic, David Beckham oder Christiano Ronaldo sprechen extrem positiv von ihrem ehemaligen Trainer.




In Deutschland wird Carlo Ancelotti bald Fußballgeschichte sein. Was bleibt ist sein Ansatz des unbedingten Vertrauens. Jeder Kicker muss dem Führungsspieler vertrauen, dem wiederrum der Trainer. Aber auch der Coach braucht das unbedingte Vertrauen der Führung eines Vereins. Bei den Bayern war es nach der 0:3-Pleite in Paris am Mittwoch endgültig futsch. Bei so manchem anderen Coach hätte es klappen können, zumindest über eine gewisse Zeit so noch eine gute Saison zu spielen – aber nicht bei Ancelotti. Es war insofern die absolut richtige Entscheidung, sich zu trennen.

Ancelottis Art passt ideal in die neue Arbeitswelt

Für viele Führungskräfte wird Ancelottis Stil nicht 1:1 übertragbar sein. Aber man kann viel von ihm lernen: Der Italiener ist ein Großmeister darin, loslassen zu können. Er ist nicht eitel und schaut nicht im Gram auf Vergangenes zurück. Er hakt Niederlagen ab und steht wieder auf. Es wäre keine Überraschung, dass er auch jetzt schnell wieder einen neuen Job finden würde. Vermutlich sogar üppig dotiert in China.

Grundsätzlich passt Ancelottis Ansatz des maximalen Vertrauens sehr gut in die neue Arbeitswelt: Wo Hierarchien abgebaut werden und Mitarbeiter auf Selbstbestimmung drängen, braucht es Führungskräfte, die nicht auf Kontrolle aus sind. Doch gerade hier zeigt sich, dass die Kultur der gesamten Firma – und auch der FC Bayern München ist ein Unternehmen – dazu passen muss. In der heutigen Fußballbranche scheint Ancelottis Stil nicht mehr zu passen: Alles wird gemessen, bewertet und verglichen. Zeit für Experimente gibt es kaum noch. Selbst eine Niederlage in einem Gruppenspiel, die objektiv betrachtet praktisch keine Auswirkung hat, kann im schnelllebigem Mediengetöse zu einem Image-Gau führen und muss eilig korrigiert werden.


Den Spielern des FC Bayern wird anhaften, dass sie mit Ancelottis Vertrauen nicht gut umgehen konnten. Dass sie seine „nette“ Art vielleicht sogar ausgenutzt haben. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie nun unter strengerer Beobachtung wieder besser kicken werden.