Wie man heute Küche kauft


Wann haben Sie das letzte Mal eine neue Küche gekauft? Also keine Mikrowelle, sondern eine richtige mit Herd, Hängeschränken und Accessoires wie verzinkte Muskatnussraspler? So ein Projekt kann mehr kosten als manches Dorf in früheren Zonenrandgebieten, weiß Herr K. inzwischen.

Er stand dann mehrere Wochenenden unschlüssig in diversen „Kitchen Labs“ herum, in die ihn seine Frau geschleppt hatte. „Die alte tut‘s doch noch“, behauptete er immer wieder. Aber das ist keine technische, sondern eine ästhetisch-philosophische Frage. Vielleicht ist der Wunsch nach einer neuen Küche etwas sehr Archaisches und unserer Sehnsucht nach einer familiären Feuerstelle geschuldet? Vielleicht liegt es an diesem Cocooning-Ding: Wenn draußen der scharfe Wind von Disruption und Chaos weht, wollen wir uns zu Hause gemütlich an einer selbst gehäckselten Löwenzahnsuppe delektieren.

„Alle haben jetzt eine teure Küche“, erklärte ihm seine Frau und verschwand mal mit einem Bulthaup-, mal Siematic-Repräsentanten in den Backstein-Trakt mit den Kochmodulen. Es galt, viele Fragen zu beantworten, die sie sich bis dahin nie gestellt hatten: Wie sieht das Beleuchtungssystem für den absenkbaren Espresso-Vollautomaten aus, und kann er auch über Alexa sprachgesteuert werden? Haben sie über der keimabweisenden Spüle aus der Nagranit-Line schon den richtigen Water-Dispenser, und was ist das überhaupt? Der „Slide and hide“-Backofen kann jedenfalls sogar backen – und das nach Rezepten, die er sich selbst aus 34 internationalen Datenbanken zieht.

Gut, es brauchte nicht einfach ein paar Möbelpacker zum Aufbau, sondern drei Mechatroniker sowie einen IT-Spezialisten. Und ein Innenarchitekt hat vor Ort noch bei der Farbwahl der Touchscreen-Elemente geholfen, die nur noch in den Varianten „Kupfer“, „Rost“ und „Dresden 45“ verfügbar waren. Aber jetzt steht alles.

Die zwei Meter breite Kühl-Gefrierkombination kann selbstständig die abgelaufene Milch entsorgen sowie neue bestellen, was man via App auch im Urlaub live mitverfolgen kann. Ebenso reagiert die Umluft-Dunstabzugshaube "Hongkong Marina" je nach Geruchsentwicklung nun auf gemischtes Hack ganz anders als etwa auf das Anschmelzen bretonischer Frühlingszwiebeln. An das Induktions-Areal lassen sich mit wenigen Hundert Handgriffen Barbecue-Grill oder Teppanyaki andocken. Und die Spülmaschine in Glaskeramik-Optik passt sich dank 34 stufenlos verstellbarer „Eco Management“-Waschgänge jedem „Verunreinigungs-Typus“ an, wie Herr K. im Handbuch nachlesen könnte, das auf einem Stick mitgeliefert wird. Aber natürlich wird er das nie tun.

„Und, was kochen wir jetzt?“, fragt er seine Frau erwartungsvoll, als sie mit ihrer neuen Küche endlich allein sind. Sie antwortet entsetzt: „Bist du verrückt? Die ist doch nicht zum Kochen da!“

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt’s auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK