„Vielleicht habe ich zu sehr auf mein Talent gesetzt"

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„Vielleicht habe ich zu sehr auf mein Talent gesetzt"
„Vielleicht habe ich zu sehr auf mein Talent gesetzt"

15 Jahre war Sidney Sam Fußballprofi. In Deutschland spielte er unter anderem für den Hamburger SV, Bayer Leverkusen und Schalke 04. Zuletzt stand der frühere Nationalspieler beim türkischen Erstligisten Antalyaspor unter Vertrag.

In diesem Sommer beendete Sam seine aktive Laufbahn. Im ersten Interview nach seinem Entschluss spricht der 33-Jährige bei SPORT1 über Höhen und Tiefen seiner Karriere. (DATEN: Die Tabelle der Bundesliga)

SPORT1: Herr Sam, Sie haben Ihre Karriere beendet. Warum?

Sidney Sam: Ich habe mich länger damit auseinandergesetzt und das nicht von heute auf morgen beschlossen. Dass ich aufhören möchte, damit habe ich mich schon seit einiger Zeit beschäftigt. Ich habe mir intensiv überlegt, wie es weitergehen soll. Physisch war ich schon noch in der Lage, Fußball spielen zu können. Ich war in den vergangenen Jahren selten verletzt und hatte mich da stabilisiert. Aber ich muss ehrlich sein, denn es gab kaum noch Angebote von anderen Klubs, die interessant waren. Und ich wollte in Deutschland bleiben. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

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Sam: „Natürlich habe ich sehr gehadert“

SPORT1: Hatten Sie am Ende die Lust auf Fußball verloren?

Sam: (überlegt etwas) Ich war immer einer, der alles professionell durchziehen will. Aber natürlich habe ich am Ende in der Türkei sehr gehadert, ob ich weiterspielen soll. Das ging über Monate. Dann kam der Urlaub und ich habe mich auch professionell fit gehalten - über mehrere Monate. Leider war später bei den Angeboten nichts Interessantes für mich dabei. Nach dem Studium wollte ich mich einfach neu orientieren. Ich bin jetzt völlig zufrieden mit der Entscheidung.

SPORT1: Lassen Sie uns über Ihre Karriere sprechen. Wer war Ihr bester Trainer und mit wem hatten Sie ein Problem?

Sam: Jupp Heynckes zusammen mit Peter Hermann als Duo in Leverkusen und Marco Kurz in Kaiserslautern. Beim FCK war ich noch jung und konnte in die Bundesliga aufsteigen. Das hat mich sehr geprägt. Im Jugendbereich waren es beim Hamburger SV Thomas Doll und Karsten Bäron, die mich sehr unterstützt haben. Menschlich lief mit meinen Trainern immer alles korrekt ab. Schlecht behandelt hat mich kein Trainer.

Sam: „Das war umso enttäuschender“

SPORT1: Sie haben mal bei Instagram folgenden Spruch gepostet: „Es zählt nicht, wer du warst, als du hingefallen bist, sondern wer du wurdest, als du wieder aufgestanden bist“. Sind Sie so oft hingefallen?

Sam: Da muss ich ernst zurückblicken. Jeder weiß, dass meine Zeit bei Schalke (2014-2017, Anm. d. Red.) nicht gut war. Das war umso enttäuschender, weil ich in Leverkusen Nationalspieler wurde. Den Wechsel zu den Königsblauen hatte ich mir sicherlich anders vorgestellt.

SPORT1: Was war los?

Sam: Ich kam dahin und war leider am Anfang nur verletzt. Das hat sich so durchgezogen. Sicherlich auf beiden Seiten sehr enttäuschend.

„Ich war nie ein Söldner“

SPORT1: Für viele waren Sie der Söldner.

Sam: Leider wird man da schnell in eine Schublade gesteckt, man hat mich plötzlich in einem völlig falschen Bild gesehen. Die Außendarstellung war sehr negativ. Ich war nie ein Söldner. Aber ich war außen vor und konnte nirgendwohin wechseln, das sah natürlich schlecht aus.

SPORT1: Die Trainer auf Schalke haben Ihnen damals nicht geholfen?

Sam: Ich war mit den Trainern ständig im Austausch, während meiner Verletzungsphase, die ich auf Schalke hatte, waren alle bemüht, um mich wieder fit zu kriegen.

SPORT1: War Schalke der Tiefpunkt in Ihrer Karriere? (SERVICE: Bundesliga-Spielplan zum Ausdrucken)

Sam: Nein. Es war aber für beide sehr enttäuschend.

SPORT1: Wie zufrieden sind Sie denn insgesamt mit Ihrer Karriere?

Sam: Ich kann schon stolz darauf sein, was ich erreicht habe. Sicherlich wäre da mehr gegangen, wenn es nicht die Verletzungen gegeben hätte. Nach Schalke habe ich versucht, den Schritt über die 2. Liga beim VfL Bochum (2017-2019, Anm. d. Red.) zu gehen. Wir wollten aufsteigen, hatten eine richtig gute Mannschaft, leider haben wir es nicht geschafft. Ich habe mich aber in Bochum sehr wohl gefühlt und bin dem VfL und seinen Fans total dankbar. Ich schätze die Menschen in Bochum sehr. Es war eine tolle Zeit. Nach Bochum war ich dann das erste Mal vereinslos, nach einiger Zeit habe ich den Anruf von Christian Möckel (damaliger Sportdirektor vom SC Altach, d. Red.) bekommen, ohne zu zögern, habe ich dort unterschrieben, es war eine fantastische Zeit, habe dort wieder mein Spaß am Fußball gefunden und tolle Menschen kennen gelernt.

SPORT1: Sie klingen begeistert.

Sam: Stimmt. Altach hat sich sehr bemüht. Es war nicht der größte Verein, aber ein Verein mit tollen Bedingungen und tollen Menschen. Ich wollte einfach wieder spielen und nochmal Spaß haben am Fußball. Nach dem einen Jahr kam das Angebot aus der Türkei (2020, Anm. d. Red.) und das hat dann auch alles funktioniert. Aber nach der Zeit bei Antalyaspor wollte ich nicht wieder in die Arbeitslosigkeit rutschen. Ich bin reifer geworden und hatte mir fest vorgenommen, unbedingt mein Sportmanagement-Studium (dauerte vier Monate, d. Red.) zu beenden. Das hat mir unheimlich geholfen.

SPORT1: Haben Sie nach Bochum gemerkt, dass die Tür in Deutschland für Sie zu ist?

Sam: Zumindest habe ich gemerkt, dass es in der 1. Liga schwer wird für mich. Mit 30. Und als ehemaliger Nationalspieler hatte ich sicherlich einen anderen Anspruch an mich selbst.

„Vielleicht habe ich zu sehr auf mein Talent gesetzt“

SPORT1: Aber warum haben Sie nicht mehr die Kurve gekriegt? Welche Fehler haben Sie gemacht?

Sam: Ich hätte früher in jungen Jahren gezielter an meinem Körper und an meiner Gesundheit arbeiten müssen. Mir hat einfach die Erfahrung gefehlt und vielleicht habe ich zu sehr auf mein Talent gesetzt.

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SPORT1: Macht Sie der Blick zurück traurig?

Sam: Nein, traurig nicht, aber man hatte sich mehr erhofft von allen Seiten. Ich hatte da (bei Schalke, Anm. d. Red.) die Chance, in der Champions League zu spielen. Mit einer super Truppe, was die Qualität des Kaders betrifft. Doch ich hätte mehr erreichen können. Dass das dann so negativ lief, war natürlich schade. Leider war das Kapitel Schalke schon enttäuschend. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)

SPORT1: Kommen wir zu etwas Positivem. Was war Ihr Karriere-Highlight?

Sam: Das war sicherlich die Zeit, als ich in der Champions League mit Bayer Leverkusen (Dort spielte Sam von 2010-2014, Anm. d. Red.) erfolgreich war. Ich erinnere mich gerne an das Heimspiel gegen Valencia, das wir 2:1 gewinnen konnten. Ein echtes Schlüsselspiel. Oder auch an das Spiel gegen meinen Ex-Klub Kaiserslautern, in dem ich ein Traumtor (Tor des Jahres, d. Red.) per Volleyschuss aus 30 Metern geschossen habe. Toll war auch die WM-Quali mit der Nationalmannschaft, weil ich da ein ganzes Jahr komplett dabei sein konnte. Dafür danke ich Jogi Löw noch heute. Das war wirklich schön. Leider habe ich mich dann verletzt und konnte 2014 nicht mit zur WM. Aber ich war ein Teil der Mannschaft.

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SPORT1: Waren Sie eigentlich ein pflegeleichter Profi? Eher nicht, oder?

Sam: Eigentlich schon. Ich habe natürlich meine Emotionen gezeigt, wenn es gut lief oder auch mal nicht so gut. Ich war immer neugierig und wollte so viel wie möglich von den Trainern und Verantwortlichen lernen und aufsaugen.

Fast bei Eintracht Frankfurt, doch dann...

SPORT1: Nach Ihrem Aus bei Schalke wären Sie fast bei Eintracht Frankfurt gelandet, sind aber durch den Medizincheck gefallen. War das wirklich so?

Sam: Ja. Als Profi mit 27 Jahren hat man schon seine Wehwehchen, leider hatte sich Eintracht Frankfurt gegen eine Verpflichtung entschieden.

SPORT1: Die Eintracht wäre aber ein schöner Neuanfang gewesen, oder?

Sam: Absolut. Das wäre sensationell gewesen. Das ist ein großer Verein mit einem tollen Stadion und frenetischen Fans. Ich hatte mich damals schon nach einer Wohnung umgeschaut, doch leider kam es nicht zustande.

SPORT1: Wie war denn Ihre Zeit in der Türkei zusammen mit Lukas Podolski?

Sam: Es war total entspannt mit Poldi. Die Türkei ist seine zweite Heimat, das hat er immer wieder gesagt. Wir wohnten in der gleichen Gegend und haben uns gut verstanden. Das war alles top. Wir sind sowas wie Freunde geworden. Unsere Frauen verstehen sich gut und unsere Kinder sind auch befreundet. Es ist ein freundschaftliches Familien-Ding. Poldi war immer gut drauf, man hat nie gemerkt, wenn er mal down war. Er war immer positiv.

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Sam: „Trotzdem kann ich stolz sein“

SPORT1: Sie haben rund fünf Länderspiele auf dem Zettel. Bereuen Sie, dass mit Ihrem Talent nicht mehr dazu kamen?

Sam: Wie gesagt, ich hätte schon früher mehr und gezielter an meinem Körper arbeiten müssen - aufgrund von Verletzungen. Deshalb habe ich auch die WM 2014 verpasst. Es wäre sicherlich mehr drin gewesen, trotzdem kann ich stolz darauf sein, was ich erreicht habe.

SPORT1: Was kommt jetzt?

Sam: Ich möchte Trainer werden, habe total Bock drauf, den jungen Spielern meine Erfahrungswerte mitzugeben. Ich werde mir die Zeit nehmen dafür.

SPORT1: Hat Sie der Rückblick nachdenklich gemacht?

Sam: Na klar. Das hat mich jetzt schon berührt, über meine Karriere zu sprechen. Es war ein Lebensabschnitt und alles nochmal Revue passieren zu lassen, macht mich schon nachdenklich. Aufzuhören ist nie einfach. Aber ich freue mich unheimlich auf die neue Herausforderung.

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