Wie man seine Airline verklagt


Zu den anstrengendsten Obliegenheiten, die einen nach dem Urlaub erwarten, gehört der Kampf um die Erstattung der Flugkosten. Denn natürlich waren auch die Flüge von Herrn K. und seiner Familie dieses Jahr alles, nur nicht pünktlich. Kein Flug ist heutzutage noch pünktlich. Und heillos verspätete Maschinen sind wiederum immer noch besser als Annullierungen.

Berger aus dem Marketing prahlte mal, er habe vor rund drei Jahren bei einer Eurowings-Verbindung von Berlin nach Zürich nur 40 Minuten Verspätung gehabt. Frau Stibbenbrook aus der Rechtsabteilung lachte hysterisch, aber auch die anderen konnten es nicht glauben.

Im Falle von Herrn K. gingen die Urlaubs-Hinflüge einen Tag später los als gebucht, was sie aber erst fünf Minuten vorm Abflug via SMS erfuhren. Dafür ließ sich Eurowings routentechnisch etwas einfallen: Man flog erst nach Istanbul, von wo es nach einer eher kurzen Nachtruhe weiter ging über Kairo nach Marseille. Und das liegt immerhin schon sehr nahe an Herrn K.s Urlaubsziel Nizza.

Da solle man sich jetzt mal nicht so haben, meinte eine Hotline-Servicekraft mit dem Einfühlungsvermögen eines Bolzenschussgeräts. Ihr Gepäck blieb natürlich in der Türkei verschollen. 

Der Rückflug verlief dann verhältnismäßig unauffällig: Okay, die Maschine war gar nicht von Eurowings, sondern von einem rumänischen Düngemittel-Multi kurzfristig ausgeliehen. Und an Bord roch es recht streng nach Herbiziden. Dafür hob der Flieger mit nur zwei Stunden Verspätung ab, was eh egal war, weil man den Anschlussflug in Malpensa nicht kriegen konnte, denn der war annulliert worden.


Solche Unpässlichkeiten preist der deutsche Urlauber heute schon mit ein, zumal es dazu das passende Geschäftsmodell gibt: Schon am Tag der Rückkehr bekommt Herr K. mehrere Mails von sogenannten Flugrechte-Portalen, die für ihn auf Provisionsbasis möglichst viel Rückerstattung, Entschädigung oder Schmerzensgeld rausschlagen möchten. „Flugrechte-Anwalt“ scheint Herrn K. einer der Berufe mit echter Perspektive zu sein.

„Fuck you, Eurowings!“, denkt Herr K., als er im Internet seine Forderung an eines der Portale abtritt. Er ballt die Faust, weil er denkt, dass jetzt ein Dutzend hochbezahlter US-Lawyer der Airline die Hölle heiß machen. Wahrscheinlich unterhalten sich da aber auch nur zwei Algorithmen miteinander und karteln irgendeinen Kompromiss aus.

Bald wird das so perfekt durchorganisiert sein, dass man einen Urlaub gar nicht mehr antreten muss, um die Rückerstattung gleich überwiesen zu bekommen. Einfach weil Big Data dann so weit sein wird, dass Ryanair oder Lufthansa schon ein halbes Jahr im Voraus genau wissen, welche Flüge sie annullieren.

Alle werden profitieren: Flugrechte-Portale, Passagiere, Airlines, die Umwelt generell und der Bayerische Wald im Besonderen, wo Herr K. dann Urlaub machen wird, weil man den ohne Flugzeug erreicht.

Es gibt wirklich Schlimmeres nach dem Urlaub als die Erinnerung an Flugverspätungen. Aber davon nächste Woche mehr (Fortsetzung folgt).

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt’s auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK