Maischberger: Große Koalition ist wie Fußpilz

„Die Partei finde ich sehr befremdlich, um es mal vorsichtig zu sagen. Die Wähler kann ich nicht alle per se verdammen”, urteilt TV-Moderator Johannes B. Kerner.

Sandra Maischberger macht sich auf die Suche nach einer Antwort auf die Frage, warum die Wähler bei dieser Bundestagswahl länger als sonst unentschlossen bleiben. Im Studio: drei Top-Journalisten und Politiker von SPD und CDU. Perfekte Voraussetzungen – oder?

Wer regelmäßig die Talkshows der öffentlich-rechtlichen Sender einschaltet, kam in den letzten Wochen an zwei grundlegenden Erkenntnissen nicht vorbei. Erstens: es ist bald Bundestagswahl. Kaum eine Sendung vergeht, in der nicht die unerschütterlichen oder weniger unerschütterlichen Ideale der deutschen Parteien diskutiert werden, von wichtigen und weniger wichtigen Vertretern. Und zweitens: alles ist wahnsinnig kompliziert – für die Parteien, die gewählt werden wollen, die Wähler, die sie wählen sollen, und für die Journalisten, die darüber berichten müssen.

Endlich Licht ins Dunkel der allgemeinen politischen Verwirrung zu bringen, dafür tritt in der ARD am Mittwoch Sandra Maischberger an. „Der verwirrte Wähler: Welche Partei steht noch wofür?“, heißt die Folge. Die Frage klären sollen an diesem Abend fünf Gäste. Moderator Johannes B. Kerner, die durch ihren viralen Kommentar zur Flüchtlingskrise berühmt gewordene ARD-Journalistin Anja Reschke und Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer diskutieren mit dem ehemaligen Hamburger CDU-Bürgermeister Ole von Beust und dem Sturmgeschütz der Sozialdemokratie, Ralf Stegner, darüber, warum der durchschnittliche Wähler sich bei dieser Wahl noch nicht entschieden hat, wem er seine Stimme geben soll.

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Dass die Sendung so zum Scheitern verurteilt ist, wird schon wenige Minuten nach Beginn klar. Man fragt sich ernsthaft, was sich die Redaktion dabei gedacht hat: Drei der einflussreichsten Journalisten Deutschlands und zwei Vertreter aus dem oberen Kader der beiden großen Volksparteien diskutieren die Frage, warum Menschen außerhalb des Medien- und Politikkarussells verunsichert sind. Abgekoppelter von der Realität geht’s kaum.

Johannes B. Kerners Mitleid mit Helmut Schmidt

Damit das Ganze aber trotzdem einen Anschein von Bürgernähe hat, wird Johannes B. Kerner gleich zu Anfang gefragt, was er 1983, bei seiner ersten Wahl gewählt hat – und muss auch im Verlauf der Sendung immer wieder als „Vertreter der Wählerschaft“ herhalten. Seine Antwort auf die Frage gleicht einer Entschuldigung. Er habe 1983 SPD gewählt – aber nur, weil alle so gemein zu Helmut Schmidt waren, damals. Danach habe er auch „dies und jenes sonst“ gewählt. Alles ausgeglichen also – als wäre schlimm, hätte der Moderator aus ideologischen Gründen eine bestimmte Partei gestimmt.

Einer nach dem anderen dürfen dann die Gäste ihre Theorien über die Unentschlossenheit der Wähler äußern. Reschke glaubt, große Überraschung, an eine Entfremdung zwischen Teilen der Wähler und den deutschen Politikern. Spiegel-Journalist Fleischhauer kritisiert Merkel. Sie habe die CDU sozialdemokratisiert und vergrünt und so Parteigrenzen verschwimmen lassen. Neu sind diese Analysen bei Weitem nicht.

Es gebe, anders als damals bei Schmidt und Kohl, heute keine weltanschauliche Konfrontation mehr zwischen den großen Parteien, sagt der ehemalige Hamburger Bürgermeister Beust und Kerner merkt an, dass er beim TV-Duell zwischen Merkel und Schulz den Wettstreit vermisst habe. „Ich hätte gerne die große Idee!“, ruft er enthusiastisch ins Studio.

Da die aber leider im diesjährigen Wahlkampf keiner hat, wird munter weiter schwadroniert.

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Abdriften in die Angst vor den Rechtspopulisten

Warum die Unentschlossenheit? Eine Umfrage bringt kurz die normalen Wähler in die Sendung. Zufrieden stellende Antworten liefern sie keine: Kein Profil, verändertes Angebot, Ist eh egal was man wählt. Die Verwirrung bleibt.

Die Sendung driftet dann dorthin ab, wohin zurzeit alle politischen Talkshows abzudriften scheinen. In viel zu vielen Minuten werden die Merkel-muss-Weg-Rufer besprochen, die besorgten Bürger, die patriotischen Europäer und Alternativen für Deutschland. Kurz gesagt: auch diese Sendung treibt der Rechtsruck vor sich her. Leider.

Anja Reschke nennt den Aufstieg der AfD eine „tiefe Krise der Demokratie“ und warnt davor, einfach nur weiter zuzusehen. Fleischhauer sucht die Schuld für den Aufstieg der AfD bei der CDU. Die habe auf die sozialdemokratische Seite rüber und so den Weg für eine rechtspopulistische Partei wie die AfD freigemacht. Michael Kunert, Wahlforscher und Chef der Infratest dimap, der inzwischen dazu gestoßen ist, sieht Merkels Politik der Alternativlosigkeit als Grund für den Aufstieg der Alternative für Deutschland.

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Nach viel zu langer Zeit löst sich schließlich die Diskussion vom Thema Rechtspopulismus und konzentriert sich erneut auf die Frage der “verwirrten Wähler“. Eine wirkliche Antwort finden Maischberger und ihre Gäste an diesem Abend aber nicht.

Stegner sagt: GroKo ist wie Fußpilz

Am nächsten kommt ihr noch Wahlforscher Kunert. So verwirrt sei der Wähler gar nicht, sagt er, er könne schon zwischen Grünen und AfD, zwischen Die Linke und der FDP unterscheiden. Allein die großen Volksparteien hätten in ihrer gemeinsamen Koalition an Profil verloren.

Ralf Stegner gibt ihm Recht und pfeffert das wahrscheinlich einprägsamste Zitat des Abends in die Runde. Die große Koalition, sagt er, hätte in der SPD einen ähnlichen Status wie Fußpilz: Keiner wolle sie, passieren könne sie aber leider trotzdem.

Nach 75 Minuten beendet Sandra Maischberger eine weitestgehend ergebnis- und erkenntnislose Runde. Es werde auf jeden Fall spannend sagt sie, und dankt ihren Kollegen.

Worin ja im Grunde das ganze Problem der Sendung liegt. Zu erwarten, dass eine Sendung, in der Johannes B. Kerner repräsentativ für den Durchschnittswähler steht, Antworten finden kann, grenzt an Wahnsinn. (jl)

Foto: WDR/Max Kohr

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