Maischberger: Bürgermeister berichtet von Häme nach Messerattacke

Die Gäste bei Maischberger (v.l.n.r.): Journalist Jan Fleischhauer, Justizminister Heiko Maas (SPD), CDU-Kommunalpolitiker Andreas Hollstein, AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel und Kriminologe Christian Pfeiffer. (Bild: WDR/Max Kohr)

Kurz nach einem gewaltsamen Übergriff auf den Kommunalpolitiker Andreas Hollstein nutzt Sandra Maischberger die Gelegenheit, um in ihrer Sendung über die politische und gesellschaftliche Stimmung in Deutschland zu diskutieren.

Zwei Tage nachdem er vor einem Döner-Imbiss mit einem Messer angegriffen wurde, war Altenas Bürgermeister Andreas Hollstein, zu Gast bei „Maischberger“. Der saarländische CDU-Politiker, der infolge der Attacke ein großes Pflaster am Hals trägt, wurde von einem 56-Jährigen verletzt, dem seine liberale Flüchtlingspolitik missfiel.

Passend zum Thema der Sendung, „Verroht unsere Gesellschaft?“, erzählt der Kommunalpolitiker von der Häme, die ihm nach dem Angriff im Internet entgegenschlug. „Schade, dass er [der Täter] es nicht vollbracht hat“, habe man ihm geschrieben. Er solle darauf achten, „die Armlänge Abstand“ einzuhalten. Von einer AfD-Wählerin erhielt er die Nachricht: „Wenn Ihre Frau deutsch kochen würde, bräuchten Sie nicht zum Döner gehen. Dann wäre das nicht passiert.“

Zwei Tage nach einer Messerattacke noch sichtbar gezeichnet: Andreas Hollstein. (Bild: WDR/Max Kohr)

Überraschenderweise ist es jedoch gerade Hollstein, der während der Sendung an einem sachlichen und fairen Dialog interessiert ist, und auch die AfD nicht als Sündenbock für die aufgeheizte Stimmung in Deutschland abstempeln will. „Das sind einzelne Menschen, das ist nicht die Verantwortung von Parteien. Aber wenn so mit Menschen umgegangen wird, dann machen wir in diesem Land was falsch“, erklärt er.

Die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel stimmt ihm zu. Gewalt, ob von links oder rechts, verurteile ihre Partei. „Man muss wieder zu einem Modus Vivendi finden, in dem man sachlich und vernünftig miteinander diskutieren kann“, sagt sie, fällt im weiteren Verlauf der Sendung jedoch vor allem durch Anfeindungen gegen andere Gäste auf. Als Kriminalitätsforscher Christian Pfeiffer erklärt, dass statistisch kein Anstieg der Ausländerkriminalität zu erkennen sei, fällt sie ihm prustend ins Wort: „Die Bezeichnung Kriminologe, bei allem Respekt, spottet jeder Beschreibung.“

Nachdem die ersten 20 Minuten des „Maischberger“-Talks sich ganz um Andreas Hollstein und die Gründe und Folgen der Attacke auf ihn drehen, verkommt die Sendung in Folge immer mehr zum Partei-Kampf zwischen Alice Weidel und Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD), die sich in flüchtlingspolitischen Fragen und wirren Schuldzuweisungen verlieren, die nur noch wenig mit der Grundfragestellung der Sendung zu tun haben.

Durchgehend uneinig: Alice Weidel und Christian Pfeiffer. (Bild: WDR/Max Kohr)

„Das Prinzip der AfD ist doch, Menschen gegeneinander aufzuhetzen und damit nimmt sie mindestens billigend in Kauf, dass die Sitten auch verrohen und das Menschen, die vielleicht labil sind über eine verbale Enthemmung dazu kommen, dass es auch zu körperlicher Gewalt kommt“, resümiert Maas. Mehr oder weniger stimmen ihm dabei alle Gäste der Sendung zu. Die Alleinverantwortung will man der Partei zwar nicht geben, eine Mitschuld an der aufgeheizten Stimmung verleugnet jedoch auch keiner.

Am versöhnlichsten zeigt sich hier „Spiegel“-Autor Jan Fleischhauer. Er zieht den Vergleich, dass auch Heinrich Böll nicht für die Taten der RAF verantwortlich gemacht wurde. Vielmehr sieht er die sozialen Medien in der Verantwortung, die heutzutage primäre Informationsquelle für viele Menschen sind: In einem Selbstexperiment gab er sich auf Facebook als AfD-Sympathisant aus. Der Algorithmus der Plattform lieferte ihm anschließend ausschließlich Nachrichteninhalte, die das Bild vermittelten „die Muslime haben uns übernommen.“ Der Journalist folgerte: „Wenn ich dann in die Tagesschau schaue oder ausnahmsweise mal in die Süddeutsche und finde das alles gar nicht beschrieben, dass ich dann das Gefühl habe, das ist Lügenpresse, das kann man den Menschen ja nicht mal vorwerfen.“

Wie es nun zur Verrohung der Gesellschaft gekommen ist und ob es faktisch überhaupt eine solche gibt, ist nach dem über einstündigen Talk weiterhin unklar – die Antwort variiert je nach Perspektive des Gesprächspartners. Das klarste und wichtigste Statement des Abends liefert einmal mehr Altena-Bürgermeister Andreas Hollstein mit seinen Schlussworten: „Ich wünsche das jedem Kommunalpolitiker und jedem Ehrenamtler, dass er unangetastet bleibt. Ich glaube, das ist das Wesentliche in diesem Land, ungeachtet politischen Streits.“