Eine Mahnung für Magdeburg: Mit diesen Problemen kämpfen die Standorte neuer, subventionierter Chipfabriken in den USA

Computer, Handys und Autos – dafür braucht man Halbleiter. Und die werden mittlerweile vorwiegend in Asien hergestellt. - Copyright: Saul Loeb/Pool/Getty Images; Rachel Mendelson/Insider
Computer, Handys und Autos – dafür braucht man Halbleiter. Und die werden mittlerweile vorwiegend in Asien hergestellt. - Copyright: Saul Loeb/Pool/Getty Images; Rachel Mendelson/Insider

Unsere Welt funktioniert mit Computerchips. Vom Telefon in eurer Hand über den Kühlschrank in eurer Küche bis zu Produktionsanlagen der Autoindustrie und Raketensystemen der Militärs – unsere digital geprägte Wirtschaft und Gesellschaft beruht auf winzigen, komplizierten Bauteilen, die als Halbleiter bekannt sind.

Die Herstellung von Halbleitern ist anspruchsvoll, besonders die Produktion der modernsten Chips. Sie erfordert riesige, empfindliche Maschinen, schwer zu beschaffende Rohstoffe und viel Know-how. Für die Produktion dieser Chips sorgt derzeit ein komplexes Geflecht von Herstellern und Zulieferern rund um den Globus – mit einigen wichtigen Engpässen. So entfallen auf das taiwanische Unternehmen TSMC 90 Prozent der Produktion der hochwertigsten Chips.

Die extreme Bedeutung von Halbleitern und ihr heikler Herstellungsprozess haben Chips zur wichtigsten Arena in dem neuen Wettlauf zwischen den USA und China um die Zukunft der Technologie gemacht. Während der erste Kalte Krieg zwischen Ost und West durch die Entwicklung von Atomwaffen definiert wurde, wird dieser Kalte Krieg durch den Computerchip definiert.

"Die Strategen in Peking und Washington sind sich im Klaren, dass alle fortschrittlichen Technologien – vom maschinellen Lernen bis zu Raketensystemen, von automatisierten Fahrzeugen bis zu bewaffneten Drohnen – hochmoderne Chips erfordern", schreibt Chris Miller, Professor für internationale Geschichte an der Tufts University, in seinem Buch "Chip War".

Die USA haben auf die neue Rivalität mit China sowie den Chipmangel rund um die Corona-Pandemie mit einem Vorstoß reagiert, um die Produktion von Halbleitern in die USA zu verlagern. Doch die Realität an den Standorten der geplanten Chipfabriken ist weit weniger glamourös als die patriotischen Töne rund um die Bestrebungen, mit China einen geopolitischen Rivalen auszustechen.

Der Blick auf die Baustellen in den US-Bundesstaaten Ohio und Arizona lohnt auch Beispiel für eine ähnliche Ansiedlung in Deutschland. In der Nähe von Magdeburg will der US-Hersteller Intel ein großes Chipwerk bauen. Zunächst waren 17 Milliarden Euro Investitionen geplant. Aber es werden wohl mehr als 20 Milliarden werden. Auf einem 1000 Hektar großen Areal sollen zunächst einmal 7000 Bauarbeiter arbeiten. Später sollen dort 3000 Arbeitsplätze entstehen. Das Intel-Werk soll Strahlkraft über den Standort hinaus haben. Die Ansiedlung ist der zweite Coup nach dem Bau der Tesla-Fabrik in der Nähe Berlins. Und hier wie da fließen Milliarden an Subventionen von verschiedenen staatlichen Ebenen. Magdeburg könnte stolzer kaum sein, sich im Standortwettbewerb gegen viele Konkurrenten in Europa durchgesetzt zu haben.

Auch in den USA hatte schon die Ankündigung der nationalen Chip-Offensive eine Goldgräberstimmung unter den Bundesstaaten, Distrikten und Städten ausgelöst und alte Streitigkeiten aufleben lassen, wie man am besten Arbeitsplätze schafft. Lokal haben sich die Kämpfe um Wohnraum, öffentliche Schulen und die Förderung von Unternehmen verschärft.

Die Wiederbelebung wirtschaftlich angeschlagener Landesteile ist zwar ein hehres Ziel, doch das rasante Tempo von Amerikas Chip-Feldzug führt dazu, dass Milliarden staatlicher Dollar an Unternehmen fließen, während viele Kommunen mit unterfinanzierten öffentlichen Einrichtungen dastehen. Im Bestreben, die Zukunft der Technologie zu erobern, ignorieren Regierungen Probleme von heute – und lassen viele ihrer Wähler im Stich.

Aufbau des "Silicon Heartland"

Die Position der USA als Halbleiter-Macht schwindet seit Jahrzehnten. Nach Angaben des Branchenverbandes Semiconductor Industry Association sank der Anteil der in den USA hergestellten Chips von 37 Prozent im Jahr 1990 auf nur noch zwölf Prozent im Jahr 2020. Um diesen Trend umzukehren, setzen die Regierungen alle Hebel in Bewegung, um Chip-Hersteller zur Ansiedlung neuer Fabriken in den USA zu bewegen. Auf Bundesebene verabschiedete der Kongress im August das CHIPS-Gesetz, das 280 Milliarden Dollar zur Verfügung stellt, um die inländische Forschung und Fertigung von Halbleitern zu beschleunigen.

Dieses Geld sowie weitere Anreize der Bundesstaaten und Kommunen zeigen auch bereits Wirkung. Intel, Amerikas führender Halbleiterhersteller, baut für 20 Milliarden Dollar in einem Vorort von Columbus im Bundesstaat Ohio die größte Chipfabrik der Welt. Sie soll nach Intel-Angaben ab 2025 mindestens 3000 Menschen beschäftigen wird.

"Wir haben dazu beigetragen, das Silicon Valley zu etablieren", sagte Pat Gelsinger, CEO von Intel, dem Magazin "Time", als er die Anlage im Januar 2022 ankündigte, "jetzt werden wir das Silicon Heartland aufbauen".

Intel hat 38 andere Standorte in den USA in Betracht gezogen, bevor es sich für New Albany entschied. Neben der Nähe zu reichlich Süßwasser, das für die Herstellung von Chips benötigt wird, ist der Standort ideal für die neue Mittelklasse-Belegschaft des Werks. In dem wohlhabenden Vorort befinden sich Rechenzentren von Amazon, Google und Facebook, und das durchschnittliche Haushaltseinkommen liegt über 200.000 Dollar. Ersten Berichten zufolge wird das Durchschnittsgehalt im Werk bei 135.000 Dollar liegen, wobei 70 Prozent der Arbeitsplätze aus Fertigungstechnikern bestehen, eine Position, die mindestens eine zweijährige Ausbildung in einem der MINT-Fächer (Mathemaik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) erfordert.

US-Präsident Joe Biden auf der Baustelle des Intel-Werks in Ohio. Foto: SAUL LOEB/AFP/Getty Images

In dem Bestreben, das Etikett "Rust Belt" (Rostgürtel) abzulegen, haben die Verantowrtlichen von Ohio nicht gezögert, dem Werk von Intel, der größten privaten Investition in der Geschichte des Bundesstaates, den roten Teppich auszulegen. Noch vor der Ankündigung Intels verabschiedete das  Parlament im Juni 2021 einen Finanzhaushalt mit Anreizen zur Förderung von Megaprojekten. In letzter Minute wurden im Haushalt 2022/2023 Steuergutschriften sowie eine Reduzierung oder der vollständige Verzicht auf Grundsteuern für Projekte mit einem Investitionsvolumen von mehr als einer Milliarde Dollar hinzugefügt.

"Wir sind jetzt im Spiel für diese Projekte", sagte der stellvertretende Gouverneur von Ohio, Jon Husted. "Eine Woche nach der Bekanntgabe der Intel-Entscheidung kündigte Ohio ein zusätzliches Anreizpaket in Höhe von zwei Milliarden Dollar an, das größte in der Geschichte des Bundesstaates. In diesem Paket gibt Ohio 700 Millionen Dollar für den Ausbau der nahe gelegenen Autobahn und andere Projekte für die  Infrastruktur aus, 600 Millionen Dollar für das Werk selbst und weitere 650 Millionen Dollar für Einkommenssteueranreize.

Auf lokaler Ebene gewährte New Albany Intel den längsten Grundsteuererlass in seiner Geschichte - 30 Jahre ohne Grundsteuern – und annektierte eine Nachbargemeinde, um überhaupt genügend Platz für das 1000 Hektar große Werk innerhalb der Stadt zu haben. "New Albany ist eine strategisch geplante Gemeinde, und dieses Projekt passt in unser Gewerbegebiet, in dem bereits 19.000 Menschen arbeiten", sagte Bürgermeister Sloan Spalding. Zusammenfassend begünstigt der Staat Intels Fabik durch Subventionen auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene mit mehreren Milliarden Dollar.

Was bekommt die Stadt im Gegenzug?

Doch wie bei jeder Subvention sind auch die Bemühungen, Intel anzulocken, mit Abstrichen an anderer Stelle verbunden. Im Gegensatz zur Bundesregierung, die einen großen Spielraum bei der Finanzierung ihrer Initiativen und der Aufnahme von Schulden hat, sind die Bundesstaaten und kommunalen Behörden stärker eingeschränkt. Wenn Unternehmen Geld erhalten oder weniger Steuern zahlen, fehlt das Geld für andere Initiativen oder öffentliche Dienstleistungen.

In der Theorie sollten die vielen neuen Arbeitsplätze, die durch Intel geschaffen werden, weitere kleine Unternehmen und Steuerzahler in die Region bringen. Für das Werk in Columbus schätzt Intel 10.000 Arbeitsplätze zusätzlich zum eigenen Werk. Das würde die Steuerbasis erhöhen, neue Ausgaben ermöglichen und neues Wachstum ermöglichen. Doch Forscher der Ohio State University fanden bereits im Jahr 2020 in einer Studie heraus, dass diese Art von Programmen "traditionelle öffentliche Einrichtungen wie Schulen, die in hohem Maße auf Grundsteuern angewiesen sind, um ihren Finanzbedarf zu decken", schaden, anstatt die Basis für alle zu vergrößern.

Schon vor dem Intel-Werk war die Region Columbus für ähnliche Deals bekannt. In den letzten Jahren gewährte die Stadt Bauunternehmern Steuererleichterungen als Anreiz für den Bau von Wohnungen. Allein 2021 entgingen den Schulen der Stadt dadurch 51 Millionen Dollar. Mit den Steuererleichterungen sollte ein das Wohnungsproblem angegangen werden, weil die Bevölkerung von Zentral-Ohio bis zum jahr 2050 von zwei auf drei Millionen Menschen wachsen wird. Die Analyse ergab jedoch, dass die Steuervergünstigungen wenig zur Lösung des Wohnungsproblems beitrugen und gleichzeitig die Mittel der Stadt aufzehrten.

Foto: SAUL LOEB/AFP/Getty Images

"Während die Programme dazu beigetragen haben, einen Zustrom wohlhabender Haushalte in die Ermäßigungsgebiete zu fördern, verschlechtern sie die öffentlichen Ressourcen, die den fast 30.000 Kindern in den Ermäßigungsgebieten zur Verfügung stehen (von denen mehr als die Hälfte in Haushalten mit einem Einkommen unter der Armutsgrenze leben)".

Die Budgetverschiebung - und die sich verschlechternde Ausstattung lokaler Schulen – löste 2022 Proteste der Lehrergewerkschaft aus. Der Kampf gipfelte im August in einem dreitägigen Streik von 4500 Lehrern, dem ersten Streik der Gewerkschaft seit 1975, der erst endete, nachdem die Schulbehörde einem Dreijahresvertrag zugestimmt hatte, der einige grundlegende Ausstattungen garantierte, wie eine Klimaanlage in allen Schulgebäuden bis 2025.

Der Konflikt dürfte sich verschärfen, da die Stadt noch mehr Grundsteuererleichterungen als Anreiz für den Bau von Wohnungen für die 3000 Werksarbeiter und 7000 temporären Bauarbeiter des Intel-Werks gewähren will. Laut der Vermietungsplattform Zumper ist die Durchschnittsmiete für eine Ein-Zimmer-Wohnung in Columbus von 600 Dollar im Jahr 2015 auf fast 1000 Dollar im Jahr 2023 angestiegen.

Die Programme der Stadt verlangen von Bauträgern, dass sie einen Teil günstigere Wohnungen in ausgewiesenen Zonen bauen. Das Problem bei dieser Politik, die als "Community Reinvestment Area Program" bezeichnet wird, ist jedoch, dass die Stadt die "bezahlbaren" Mietpreise auf der Grundlage von stadtweiten Daten festlegt, was dazu führt, dass geförderte "erschwingliche Wohnungen" doppelt so viel kosten wie die Durchschnittsmiete in einkommensschwächeren Vierteln.

So liegt das Durchschnittseinkommen in Columbus bei 57.800 Dollar, das durchschnittliche Haushaltseinkommen im Stadtteil South Linden jedoch bei 28.610 Dollar. Eine in Linden errichtete Wohnsiedlung würde weit teurer als das, was sich durchschnittliche Bewohner des Viertels leisten könnten. Die Richtlinie sieht auch eine Option vor, mit der sich Bauträger mit einer Gebühr von der Pflicht freikaufen können, "erschwinglichen" Einheiten zu bauen.

Mitchell Toomey, ein Organisator von Affordable Housing Columbus, sagte, dass die Politik zwar Anreize für Wohnungen schaffe, die für ein sechsstelliges Gehalt erschwinglich seien, nicht aber für Arbeitnehmer mit mittlerem und niedrigem Einkommen. Die Politik mache es "den Leuten aus dem Intel-Werk mit ihren mittleren bis hohen Einkommen sogar leichter, Einheimische zu verdrängen."

Kleine Chips, großer Wasserbedarf

Auch dank des CHIPS-Gesetzes ist Zentral-Ohio nicht die einzige Region, die um das Halbleitergeschäft buhlt. Chip-Fabriken werden auch in New York und Texas gebaut, und zwei Werke außerhalb von Phoenix werden erheblich erweitert. Doch gerade die Chipfabriken in Phoenix werfen ein weiteres Problem auf.

Für die Herstellung von Halbleitern verbrauchen die Chipfabriken täglich Millionen Liter Wasser. Es mag daher seltsam erscheinen, dass ausgerechnet Arizona – berühmt für seine Wüste und seine jahrzehntelange Wasserkrise – zum Zentrum der aufstrebenden amerikanischen Chipindustrie wird. Befürworter der Anlagen sehen den Kompromiss zwischen neuen Arbeitsplätzen und Wasserverbrauch positiv. Intel beschäftigt bereits mehr als 10.000 Menschen in Arizona und trug 2019 mit 3,9 Milliarden Dollar zum BIP von Arizona bei.

Trotz der Tatsache, dass die Werke die größten Wasserverbraucher im Bundesstaat sein werden, sagen die Chiphersteller, dass ein Großteil dieses Wassers wiederverwendet werden kann: Intels Daten zeigen, dass etwa 80 Prozent des Wasserverbrauchs des Werks in Arizona im Jahr 2020 später wiederverwertet werde "Angesichts all der Möglichkeiten, wie wir unser Wasser verwenden könnten, sind Halbleiterwerke, die den größten Teil ihres Verbrauchs wiederverwerten, keine schlechte Investition", kommentierte die Journalistin Joanna Allhands in der Arizona Republic. Sarah Porter, die Leiterin des Kyl Center for Water Policy der Arizona State University, erklärte, dass bei Halbleiterfabriken je einer Million Gallonen Wasser 200 gut bezahlte Arbeitsplätze geschaffen werden können, während ein Golfplatz für die gleiche Menge Wasser nur 50 schlecht bezahlte Arbeitsplätze bieten würde.

Diese Kosten-Nutzen-Analyse geht jedoch nicht auf die langfristige Belastung ein, die die Fabriken für die bereits belasteten Wasserressourcen der Region bedeuten könnten. Der Wasserverbrauch von Intel im Jahr 2020 entspricht etwa 14 Millionen Gallonen pro Tag. Selbst wenn 80 Prozent davon wiederverwendet würden, gingen immer noch rund 2,8 Millionen Gallonen pro Tag verloren.

Kritiker sehen den übermäßigen Wasserverbrauch und die Wohnungsprobleme alles andere als positiv.  Rashad Shabazz, Geografieprofessor an der Arizona State University und Autor des Buches "Spatializing Blackness", sagt, der Wunsch, das neue Silicon Valley zu werden, und Arbeitsplätze zu schaffen, überwiege die Sorgen um Wohnraum, Schulen und Wasser. "Das passiert, wenn sich Politiker und Bauunternehmer zusammentun, um Politik zu gestalten", sagte er. "Keiner von beiden hat die Weitsicht, das Gesamtbild zu sehen und die Auswirkungen zu verstehen, die dies auf die Umwelt, die Schulen, die Infrastruktur und das Wasser haben wird."

Die Kosten der Renationalisierung

Selbst wenn die massiven Investitionen in die Chip-Produktion, die heimische Halbleiterindustrie stärken, werden die USA weiter auf andere Länder angewiesen sein, um den Herstellungsprozess abzuschließen. Montage und Verpackung werden weiterhin ins Ausland verlagert. Der Technologie, die in den US-Fabriken genutzt wird, wird den fortschrittlichen Chips, die Taiwan produzieren kann, um Jahre hinterherhinken. In der Zwischenzeit werden Unternehmen wie Intel und TSMC im Rahmen des Chip-Kriegs mit China Anreize in Höhe von mehreren Milliarden Dollar erhalten.

Es stellt sich die Frage, ob die Verlagerung der Technologieproduktion auf nachhaltigere und gerechtere Weise erfolgen kann - ohne dass besonders verletzliche Arbeitskräfte verdrängt, benachteiligt oder umgelenkt werden. Ob es einen Weg gibt, Arbeitsplätze zurückzubringen und gleichzeitig Mittel für Schulen zu sichern und die Wasserversorgung der Gemeinden nicht zu gefährden, ist offen. Ashik Siddique, ein Forscher des Institute for Policy Studies, schrieb, die parteiübergreifende Unterstützung für die Verlagerung der Chipherstellung "zeigt, dass es offenbar die dringendste Priorität unserer Regierung ist, einen Vorsprung vor China zu erlangen".

Taylor Dorrell ist Schriftsteller und Fotograf und lebt in Columbus, Ohio.

Der Artikel wurde aus dem Englischen übersetzt. Das Original lest ihr hier