"Madrid liegt in Trümmern"

Lukas von Hoyer
·Lesedauer: 3 Min.

"Madrid liegt in Trümmern", titelte die spanische Sportzeitung Marca am Montag nach einem ungewohnten Schauspiel gewohnt martialisch.

Real Madrid war am Sonntagabend beim FC Valencia untergegangen. Das 1:4 im legendären Estadio Mestalla stellt den Tiefpunkt der Achterbahnfahrt des Saisonstarts dar. Noch nie haben die Königlichen höher gegen die Fledermäuse verloren, noch nie hat Real unter Trainer Zinedine Zidane vier Gegentore kassiert.

"Dafür gibt es keine Erklärungen oder Ausreden", wirkte die französische Fußball-Legende nach der Partie in Valencia ratlos. Für ihn ist es mit die heftigste Niederlage, die er mit Real je hinnehmen musste - als Spieler und Trainer.

"Es ist ein Tag zum Vergessen", sagte der bemitleidenswerte Real-Keeper Thibaut Courtois nach dem Abpfiff. Der Belgier forderte, dass seine Mannschaft unbedingt zur defensiven Stabilität zurückkehren muss.

Tatsächlich ist das Ausmaß dieser Pleite groß. Das zeigen schon die schlimmsten Zahlen, die Real unter Trainer Zidane bislang zu bieten hat.

Die Defensive wackelt

Das Kuriose ist, dass Real die beiden wohl schwersten Spiele der Saison - im Clásico beim FC Barcelona und in der Champions League gegen Inter Mailand - beide gewonnen hat und trotzdem alles andere als gut dasteht. In La Liga rangiert der Klub aus der spanischen Hauptstadt auf Platz vier, in der Königsklasse - dem Lieblingswettbewerb - droht nach vier Punkten aus drei Spielen das Aus in der Gruppenphase.

Die Siegquote liegt insgesamt bei nur 54 Prozent - Tiefstwert unter Zizou.

Das größte Problem findet sich augenscheinlich in der Defensive. Real hat in den letzten sieben Spielen immer mindestens ein Gegentor kassiert. In elf Pflichtspielen in Liga und Champions League musste Courtois 16 Mal hinter sich greifen - und das, obwohl der Belgier derzeit überragend hält.

Insgesamt beläuft sich der Gegentor-Schnitt in dieser Spielzeit auf 1,45 pro Partie. So hoch war er unter Zidane noch nie. In der vergangenen Saison war die Abwehr noch der Garant für die gewonnene Meisterschaft gewesen. Nur 25 Treffer in 38 Partien hatten die Königlichen zugelassen. Das wirkt bereits weit weg.

Die Offensive ist eindimensional

Nun ist es oftmals so, dass Top-Teams eine wacklige Defensive mit einem Offensivfeuerwerk überspielen können - der FC Bayern ist dafür momentan das beste Beispiel. Bei Real sucht man ein solches allerdings vergeblich.

Die Offensive der Galaktischen wirkt behäbig, langsam und wenig durchschlagskräftig. Die Torausbeute liegt bei 1,91 Treffern pro Partie. Dieser Wert liegt noch unter dem der letzten Spielzeit, in der Real auch schon für eine zu harmlose Offensive kritisiert wurde.

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Karim Benzema ist - mal wieder - der Einzige, der dauerhaft Gefahr für das gegnerische Tor ausstrahlt. Der 32 Jahre alte Franzose erzielte sechs Treffer, hinter ihm folgen Fede Valverde und Vinícius Junior mit jeweils zwei Toren. Eden Hazard - zunächst von Muskelverletzungen ausgebremst, dann vom Corona-Virus - steht derweil bei einer einzigen Bude.

Die Offensive ist eindimensional und hat wenig mit dem Glanz vergangener Tage zu tun. Attraktives Offensivspiel sucht man bei Real ohnehin bereits seit längerer Zeit meist vergebens.

Marcelo als Sinnbild der Krise

Als Sinnbild für den verblassten Glanz vergangener Tage steht Marcelo. Es ist nicht lange her, da galt der Brasilianer als einer der besten Außenverteidiger der Welt. Mittlerweile ist er eine Schwachstelle der Königlichen.

Bei Zidanes klassischem Rotations-Prinzip erhielt Marcelo in Valencia wieder den Vorzug vor Ferland Mendy. Der 32-Jährige gehörte allerdings einmal mehr zu den schwächsten Akteuren auf dem Rasen.

Von den fünf Spielen, in denen der Linksverteidiger auf dem Feld stand, verlor Real drei und kassierte außerdem drei Mal so viele Gegentore wie mit Mendy. Marcelo aufzustellen sei derzeit "wie russisches Roulette zu spielen", schreibt die Marca.

Zidane wird sich nicht nur bezüglich seiner Rotation Fragen gefallen lassen müssen. "Ich bin der Verantwortliche", sagte der 48-Jährige nach der Klatsche in Valencia richtigerweise. Seine Ära bei Real Madrid steht auf dem Prüfstand.