"Made in Germany" soll Arbeitsplatzverluste durch E-Mobilität abfedern

Vor einem Spitzentreffen zum Strukturwandel der Autobranche im Kanzleramt hat der Verband der Automobilindustrie (VDA) Milliardenhilfen vom Staat verlangt. "Zehn bis 20 Milliarden" für Autobauer und Zulieferer seien nötig

Der Wandel hin zur Elektromobilität bedeutet für die deutsche Autoindustrie eine historische Umwälzung - ein Beratergremium der Bundesregierung hat nun errechnet, welche Folgen dies für die Arbeitsplätze in der Branche haben könnte. Im Extremfall, wenn sehr viele E-Autos aus dem Ausland importiert werden müssten, könnte es im Jahr 2030 fast 410.000 Arbeitsplätze weniger geben, wie aus einem am Montag veröffentlichten Bericht hervorgeht. Gleichwohl gehen die Autoren davon aus, dass dieses Szenario dank einer besseren Entwicklung inländischer E-Autos und Batterien abgewendet werden kann.

Der Zwischenbericht wurde von der Nationalen Plattform Zukunft der Mobilität (NPM) veröffentlicht, die die Bundesregierung im September 2018 eingesetzt hatte, um über die Umbrüche im Verkehrssektor zu beraten - auch vor dem Hintergrund der Klimaziele. Die NPM besteht aus sechs Arbeitsgruppen mit externen Experten. Der aktuelle Bericht stammt von der Arbeitsgruppe 4, die sich mit den Themen "Sicherung des Mobilitäts- und Produktionsstandortes, Batteriezellproduktion, Rohstoffe und Recycling, Bildung und Qualifizierung" befasst.

Die Automobilindustrie sehe sich wegen des tiefgreifenden Wandels mit "vielen Herausforderungen konfrontiert", schreiben die Autoren. So bedeutet die Umstellung auf E-Autos, dass Bauteile von Verbrennungsmotoren nur noch in geringerer Zahl oder gar nicht mehr benötigt werden. Auf der anderen Seite entstehen bei Elektronik, Software oder Datenplattformen neue Jobpotenziale. Allerdings gibt es hier auch starke Konkurrenz - vor allem die US-Digitalriesen, die immer stärker auch bei Mobilitätdiensten mitmischen wollen.

Für ihren Beschäftigungsausblick stützen die Autoren sich auf Studien des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und des Fraunhofer-Instituts Arbeitswissenschaft und Organisation aus dem Jahr 2018. Ergänzt wurde dies um das angestrebte Ziel, dass bis 2030 bis zu zehn Millionen Elektrofahrzeuge auf Deutschlands Straßen unterwegs sein sollen. Zum Vergleich: Ende 2019 lag der Bestand an reinen Elektro-Pkw laut Kraftfahrt-Bundesamt bei gut 83.000.

Basierend auf der "pessimistischen" Annahme eines sehr hohen Importbedarfs errechnen die Autoren einen Wegfall von 410.000 Jobs in den kommenden zehn Jahren. Zugleich fügen sie an, dass es seit 2018 eine "rapide Entwicklung und einige sehr grundlegende Investitionsentscheidungen für die Elektromobilität gegeben" habe. Die deutschen Autobauer kündigten inzwischen milliardenschwere Elektro-Offensiven und eine ganze Reihe neuer Modelle an. Daher spricht aus Sicht der Arbeitsgruppe 4 "mittlerweile vieles für eine optimistischere Einschätzung der Fähigkeiten deutscher Hersteller, die heimische Nachfrage nach Elektroautos in Zukunft in einem höheren Ausmaß zu befriedigen".

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann, Leiter der Arbeitsgruppe 4, forderte im "Handelsblatt", die Politik müsse den Wandel begleiten. Nötig seien die Erleichterung des Zugangs zur Kurzarbeit und die Verbindung von Kurzarbeit und Qualifizierung. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) forderte im "Handelsblatt", die Beschäftigten von heute müssten über Qualifizierung "die Chance haben, auch die Arbeit von morgen erledigen zu können".

Der ökologisch orientierte Verkehrsclub Deutschland (VCD) kritisierte, "Schreckensszenarien zum Arbeitsplatzabbau in der Autoindustrie helfen der Verkehrswende nicht". Die Industrie habe zu lange am alten Geschäftsmodell mit Verbrennungsmotoren festgehalten. Andere Mobilitätsbranchen suchten unterdessen händeringend Personal: "Nicht nur Busfahrer und Zugführer sind Mangelware, auch Elektroniker, Ingenieure, IT-Spezialisten und Servicekräfte fehlen", erklärte VCD-Experte Michael Müller-Görnert.