Die Macht der Vermesser – wie Normen unser Leben bestimmen

Ob Bratwurst oder Blockchain – für fast alles gibt es eine DIN. Sind die Normen Grundpfeiler der Marktwirtschaft oder Symbol der Entmündigung?

Wenn Heino Paga morgens zur Arbeit fährt und pünktlich um 6.30 Uhr am DIN-Platz in Berlin-Tiergarten aus seinem Auto steigt, ist es oft noch dunkel. Dank Norm DIN 67528 (Beleuchtung öffentlicher Parkbauten) sieht er trotzdem genug.

Mit seinen 1,90 Metern muss Paga schon aufpassen, um sich nicht zu stoßen. Etwa am Türrahmen zum Eingang des Deutschen Instituts für Normung (DIN), wo er arbeitet. Früher ist ihm das ein paar Mal passiert, sagt der Wirtschaftsingenieur. Doch seit DIN 18040–1 in Kraft ist, muss die Tür mindestens 205 Zentimeter hoch sein, das hat ihm manche Beule erspart.

Schon von außen wirkt das Hauptgebäude des DIN äußerst strukturiert: ein dunkler Stahlbau mit symmetrisch angeordneten Fenstern. Doch wenn der 42-jährige Brandenburger dort eintritt, findet er sich in einem hellen und modernen Foyer. Er passiert Säulen, an denen der Slogan „open minded – open for change“ haftet. Bildschirme, die anzeigen, wo die nächsten Normungssitzungen stattfinden, elektrische Tafeln, die erklären, warum Standards die Effizienz verbessern. Bevor er in den Aufzug steigt, der ihn in sein Büro im 6. Stock bringen wird, muss Paga noch eine Treppe meistern.


Zum Glück regelt DIN 18065 unter anderem die Laufbreite und das Steigungsverhältnis von Stufen, sodass Paga und seine Kollegen nicht stolpern. Den sicheren Transport im Lift regeln dann gleich zehn Normen. DIN 51130 (Prüfverfahren zur Ermittlung rutschhemmender Eigenschaften) sorgt dafür, dass Paga auf dem Fliesenboden am Liftausgang nicht ausgleitet, und DIN EN 16516 etwa dafür, dass der dunkle Flurteppich, der zu seinem Büro führt, kein Benzol oder Formaldehyd  ausdünstet. Normen, Normen, Normen.

Meist fallen sie erst auf, wenn sie fehlen. Und doch sind und wirken sie fast überall. Ohne sie würde Papier nicht in den Drucker passen (DIN A4, A3, A5), würden Kreditkarten nicht in den Geldbeutel, Container nicht auf Schiffe, Würstchen ständig durch Grillgitter plumpsen, Säuglinge an verschluckten Schnullern ersticken.

Vor hundert Jahren brachte das DIN die erste Norm heraus. DIN 1 passte auf ein einziges Blatt Papier und regelte die Maße von Kegelstiften, einem Verbindungsteil im Maschinenbau. Inzwischen sind knapp 34.000 Normen und Standards unter Leitung des DIN entstanden. Gemessen an der Anzahl internationaler Normungssekretariate mit DIN-Beteiligung ist es das weltweit führende Normungsinstitut. Etwa 30 Prozent der in Europa geltenden Normen gehen aus deutscher Sekretariatsführung hervor, weltweit sind es 20 Prozent. 85 Prozent aller Norm-Projekte haben aktuell einen europäischen oder internationalen Hintergrund.

Ohne Normen wären Handel, internationaler Warenverkehr, die Globalisierung wie wir sie heute kennen, nicht denkbar. Gerade die exportorientierte deutsche Wirtschaft könnte ohne gemeinsame Standards einpacken. Gleichzeitig lastet auf Normen der Verdacht, anstelle von Harmonisierung Handelsbarrieren zu schaffen. „Wer den Standard hat, beherrscht den Markt“, lautet ein Grundsatz.

Gerade in Zeiten, in denen die USA sich dem Protektionismus verschreiben und China auf dem Weg zur globalen Wirtschaftsmacht die Seidenstraße 2.0 plant, können Normen und Standards auf elegante wie subtile Art die heimische Wirtschaft vor lästigen Wettbewerbern schützen.

Ausgerechnet in diesen Zeiten steht das DIN – für die einen der Inbegriff deutschen Regelungsfurors und Vereinheitlichungsfiebers, für die anderen Hidden Champion der Marktwirtschaft – mit der Digitalisierung vermutlich vor der größten Herausforderung seit seiner Gründung im Dezember 1917. Brauchte die Wirtschaft damals Standards für Schrauben, Muttern, Gewinde, bedarf es heute Lösungen für die Blockchain, selbstfahrende Autos, Schnittstellen für Stromnetze, die mit Klimaanlagen oder Kühlschränken kommunizieren.

Lange Vorlaufzeiten werden zum Problem

Es kann bis zu drei Jahre dauern, ehe eine Norm definiert ist – deutlich zu lang für immer kürzere Innovationszyklen und hastige Disruptionsrhythmen. Zusätzlich drängt eine Reihe anderer Akteure, etwa das Industrielle Internet-Konsortium (IIC) aus den USA, mit eigenen Digitalstandards in den Markt und könnte dem DIN die Relevanz und damit den Anspruch aufs Normensetting wegschnappen.

„Das ist eine echte Herausforderung für das Institut“, sagt Knut Blind, Professor für Innovationsökonomie an der TU Berlin. Er hat sein Forschungsleben Genese und Management von Normen gewidmet und kennt das DIN genau. „Es muss agiler werden und sich wandeln, hin zum Anbieter von IT-Standards in Kombination mit den ursprünglichen Kernthemen, wie dem Maschinenbau. Ein Beispiel dafür sind die Standards im Kontext von Industrie 4.0.“

Doch der Prozess ist nicht im Galopp zu haben. Normen erarbeitet das DIN, das als privatwirtschaftlich organisierter Verein im Auftrag der Bundesrepublik wirkt, nicht allein. Um den Prozess von der Idee bis zur fertigen Norm begleiten zu können, hat das Institut ein Netzwerk aus 33.500 Experten aus Wirtschaft, Forschung, der Verbraucherseite und öffentlicher Hand zusammengestellt, die über den Sinn und Unsinn neuer Regelungen streiten, bevor das DIN diese veröffentlicht und ihre Anwendung empfiehlt.

Die Projektmanager des Instituts versammeln – etwa auf Anfrage eines Unternehmens – „alle interessierten Kreise“ an einer für sie relevanten Norm und moderieren den Prozess. Es gilt das Konsensprinzip.


Bei einer Norm für die Sicherheit von Schulranzen sitzen sich etwa Hersteller von fluoreszierenden und lumineszierenden Flächen gegenüber, dazu Schulranzenanbieter wie Scout, ein Prüfinstitut wie der TÜV, das testet, ob die Ranzen das Licht im Straßenverkehr tatsächlich reflektieren, dazu Verbraucher.

An einem Freitag im Mai sitzen etwa zehn Männer und Frauen zusammen – darunter Vertreter des Umweltministeriums, einer Zertifizierungsgesellschaft, einer Energieberatung, einer Umweltschutzorganisation, des Bundesverbandes für Energiewirtschaft, einer Hochschule und mehrerer Unternehmen aus der Rohstoff- und Stahlproduktion.

Es geht um „Grundlagen des Umweltschutzes“. Begriffe wie „abgestimmter Input“, „Problemfelder“, „Ansatzpunkte“, „Sektorforen“, „Speichertechnologien“, „Verkehrsinfrastrukturen“ hängen schwer in der klimatisierten Luft. Der Obmann, ein DIN-Projektmanager, der die Tagung moderiert, berichtet über internationale Normungsprojekte, anschließend wird der Ausschuss über ISO 50003 diskutieren, eine Norm, nach der zertifizierte Unternehmen die Verbesserung ihrer Energieeffizienz nachweisen müssen. Ein Thema für echte Liebhaber – oder eben Betroffene.

Die Beteiligten debattieren bis ins kleinste Detail. Einer stört sich an der Formulierung „beständig anhaltender Trend“. Das könne bedeuten, dass Firmen zwischendurch bei der Energieeffizienz eine Pause einlegten. Sei nicht viel eher eine „beständig ansteigende Effizienzleistung“ gemeint? „Oder besser, eine nicht unterbrochene Effizienzleistung?“, hakt das nächste Mitglied ein.

„Der Unternehmer muss zeigen, dass er ganz bewusst einen Prozess managt“, mault ein anderer, die Ellbogen schwer auf dem Tisch, in breitem Thüringer Dialekt. Er selbst etwa sei von Natur aus faul. Als Firmeninhaber würde er sich über solche Sätze freuen. Das gefällt wiederum der Unternehmensseite am Sitzungstisch nicht; man könne die Dinge jetzt auch überinterpretieren, heißt es trocken.

Nach fast einer Stunde, in der sich der Obmann ausführlich rechtfertigt, warum er an einer Stelle das Konditional verwendet hat, und in der der Ausschuss hauptsächlich einen Satz wälzt, knetet, zerlegt und wieder zusammensetzt, einigen sich die Mitglieder auf eine „ununterbrochene Steigerung der Energieeffizienz oder Effizienzleistung“. Es wurde damit wohlgemerkt noch keine Norm verabschiedet, lediglich eine Stellungnahme.

Das Beispiel zeigt, wie hart und langwierig am DIN selbst um den Wortlaut in vermeintlich nebensächlichen Dokumenten gefeilscht und gerungen wird. Schließlich gibt es ohne Konsens keinen Standard, und anders als etwa ein Koalitionsvertrag müssen Normentexte präzise bleiben.


Redundanzen oder Widersprüche zu bestehenden Regelungen würden spätestens Heino Paga auffallen, der nur ein paar Etagen über dem Raum sitzt, in dem der Umweltausschuss gerade tagt. Er leitet am DIN die Gruppe Prozessqualität und Prüfung, oder einfacher: die „DIN-Normenpolizei“.

Paga, den seine Kollegen auch mal „den Erbsenzähler“ nennen, einen Titel, den man sich innerhalb eines Deutschen Instituts für Normung besonders hart verdienen muss, weiß wohl, dass ein Schrägstrich zuweilen Ergebnis eines mühevoll, mitunter über Jahre errungenen Konsenses sein kann. Er würde ihn trotzdem aus einem fast fertigen Normenentwurf tilgen, wenn sonst Missverständnisse entstehen könnten.

Mit seinem Rauschebart erinnert Paga ein wenig an einen saudischen Religionspolizisten. Pagas heilige Schrift ist aber nicht der Koran, sondern DIN 820–2. Das Dokument regelt, wie eine Norm aufgebaut, gestaltet und verfasst sein muss. Darin finden sich sogar Hinweise für Hilfsverben – etwa wann seine Normenpolizisten im Text „dürfen“ und wann sie „sollen“ oder „müssen“ zu verwenden haben.

Pagas Schreibtisch ist blitzblank geräumt, dort wie auch in seinem Büro findet sich nichts, worauf man auch verzichten könnte – so wie in einer sauber verfassten Norm eben. Aus der verbannt der Normenpapst nicht nur schiefe Formulierungen, er bremst auch manche Normer in ihrem Elan: Wenn etwa in einen Normentext über „das Prüfverfahren von Naturstein“ als Fleckenverursacher neben Rotwein, Ketchup oder Cola auch Blut steht „frisch vom Laborpersonal“, schreitet Paga ein.

Wenn einer den Geist der Normung atmet, ist es Paga. „Normen bedeuten mir viel. Sicherheit, Klarheit, sie machen Produkte günstiger“, sagt er mit sanfter Stimme. Eine Welt ohne Normen, was wäre das für ein babylonischer Zustand! Wer schon mal fluchend vor seinem Staubsauger gekniet hat, weil der Beutel wieder nicht passt, der weiß, was Paga meint. Die Staubsaugerhersteller verdienen an der Kakofonie immer neuer Beutelformate. Dasselbe gilt für Ladegeräte von Herstellern wie Apple. Ein Graus für Paga.

Schon die Römer hätten Wasserleitungen genormt, dasselbe gilt für Amphoren, die Container der Antike. Außerdem werde die Welt komplexer, Normen machten alles einfacher, davon ist Paga überzeugt. Standards und Normen tragen mit 0,8 Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes oder rund 15 Milliarden Euro zum Wachstum hierzulande bei, wie Berechnungen der TU Berlin zeigen. Sie wurden spätestens mit der Industrialisierung für die Wirtschaft unersetzlich. Allein zur vorletzten Jahrhundertwende gab es 25 Varianten für das Ventil einer Dampflok – solche Idiosynkrasien verhinderten das Wachstum.

Und doch reißt die Kritik an den „Normenfanatikern“, den „Entmündigern“ nicht ab. „Ein häufiger Vorwurf lautete“, das schreibt der Technik-Historiker Günther Luxbacher in einem Buch über das DIN, „dass Normen das alltägliche Leben uniformierten, dass sie ‚die Vielfalt des schönen Lebens in eine öde Gleichheit verwandeln‘“. Barbara Ettinger-Brinckmann, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer, klagt über inzwischen 3000 baurelevante Normen – mehr als je zuvor. Man müsse den „Vorschriften-Dschungel“ lichten.


Hans-Otto Kraus vom Beirat der Bundesstiftung Baukultur macht immer neue Bauvorschriften und Standards für teures Wohnen in den Ballungszentren verantwortlich. Sicherheitsbedenken seien nur ein Grund, der andere seien wirtschaftliche Interessen.

Denn das DIN wird nach eigenen Angaben nur zu etwa neun Prozent vom Bund finanziert, der Rest stammt aus eigenen Erträgen wie dem Vertrieb von Normen oder Mitgliedsbeiträgen – ein Anreiz für neue Normen. „Ob eine Norm erarbeitet wird, entscheiden Fachleute aus allen Bereichen der Wirtschaft, nicht das DIN“, widerspricht DIN-Sprecher Oliver Boergen. Unnötige Normen würden am Markt nicht nachgefragt. Zudem überprüfe das DIN Normen spätestens alle fünf Jahre auf Aktualität und ziehe diese wenn nötig zurück.

Wesentlich schwerer wiegt indes der Vorwurf, man könnte Normen missbrauchen, um Handel zu erschweren, statt zu vereinfachen. Sogenannte „nichttarifäre Handelshemmnisse“ wie technische Standards, die auf den Zielmärkten gelten, können exportwilligen Unternehmen teure Konformitäts- oder Anerkennungsverfahren aufzwingen – oder sie komplett aus dem Markt blocken. So versuchten die US-Autobauer Ford und General Motors in den 1930er-Jahren, in den deutschen Ford- und Opel-Werken das amerikanische Maßsystem mit Zoll und Fuß einzuführen.

Streit um internationale Standards

Zu deutsch-französischen Querelen kam es im langjährigen „Steckerclinch“. Es fehlten einheitliche Standards für die Ladestecker von Elektroautos, die Franzosen wehrten sich erbittert gegen die deutschen Steckerformate. Den Streit beendete erst die Europäische Kommission, die 2014 den sogenannten „Typ-2-Stecker“ durchsetzte, das vom deutschen Unternehmen Mennekes entwickelte Modell. Eine Entscheidung, die bei den Sauerländern die Sektkorken knallen ließ.

Unabhängig von Trumps Strafzöllen müssen sich deutsche Autobauer an US-Standards anpassen, ob bei der Farbe der Blinker oder den Eigenschaften von Scheibenwischern. Doch auch in Deutschland müssen ausländische Unternehmen solche Hindernisse überwinden. Ein transatlantisches Freihandelsabkommen wie TTIP hätte den Austausch erleichtern können. Doch in Deutschland gingen Hundertausende wegen Schiedsgerichten und amerikanischer „Chlorhühnchen“ auf die Straße.

Mit China betritt nun ein weiterer mächtiger Akteur das Normenterrain. „Bisher waren die Chinesen eher Beobachter. Doch nun spielen sie massiv mit, etwa bei der Internationalen Organisation für Normung (ISO) in Genf, wo sie ihre Inhalte in globale Standards einbringen wollen“, sagt Innovationsökonom Blind. Das sei eine große Herausforderung für Deutschland und Europa. Chinas strategisches Ziel sei es, bald große Teile der Weltwirtschaft mit seinen Standards abzudecken, warnt Blind.

Früher gab es einen Wettbewerb um Patente, heute sind Standards wichtiger. Mit ihnen, sagt Blind, „kann man gerade in Zeiten von Industrie 4.0 ganze Ökosysteme mitmanagen“. Das sei wichtiger als Einzeltechnologien zu schützen, die sich am Ende vielleicht gar nicht durchsetzten. Der Stecker für das Elektroauto sei ein Beispiel – an ihm hängen gleichzeitig die Autos, die Infrastruktur mit der Ladestation oder die Energieversorger.

Auch in Sachen Blockchain oder 5G, des Mobilfunkstandards, der sich auf Smartphones, aber auch auf autonomes Fahren oder Industrie 4.0 auswirken wird, sind die Chinesen schon aktiv. Deutschland muss sich beeilen, hier mitzuhalten, „damit am Ende nicht womöglich die deutschen Verbraucher Lösungen akzeptieren müssen, die nicht den eigenen Sicherheitsbedürfnissen entsprechen“, sagt Blind.

Jemanden wie Heino Paga schmerzt es, wenn seine geliebten Normen für Machtspielchen herhalten müssen. Sollen sie doch für Sicherheit sorgen, nicht für Unsicherheit. In der Hand hält er einen Kugelschreiber, der nach ISO 12757-1 mindestens 300 Meter Schreiblänge überdauern wird.

Ein „Kontrollfreak“, sei er nicht, sagt Paga, aber er hinterfrage nun einmal gern und interessiere sich auch fürs Kleingedruckte. Als er etwa vor einigen Jahren sein Haus baute, warf ihm die Behörde vor, zu hoch gebaut zu haben. Doch Paga hatte den Bebauungsplan und alle relevanten Vorschriften genau durchgearbeitet. Aus seiner Sicht irrte nicht er, sondern das Bauamt. Seine Antwort waren sieben eng beschriebene Seiten, auf denen er die Fehler des Amtes auflistete. Paga bekam Recht.