Darum könnte Heynckes doch noch weitermachen

Martin Volkmar, Stefan Kumberger, Johannes Fischer

Jupp Heynckes kann auch anders als den freundlichen, älteren Herrn zu geben.

Das wussten die Profis des FC Bayern zwar schon nach rund achtwöchiger Zusammenarbeit, aber so deutlich wie am Mittwochabend hatten sie es noch nicht erlebt.

In der Halbzeit des Champions-League-Spiels beim RSC Anderlecht wurde der wütende Heynckes richtig laut, seine klare Ansage war sogar auf den Gängen zu hören.

"Es ist doch klar, dass ich in der Pause ein paar Anweisungen geben musste. Wir haben in der ersten Hälfte sehr schlecht gespielt", sagte der Chefrainer. "Dann muss man die Dinge ganz deutlich ansprechen."

Verärgert über den "Jupp-Föhn" war offenbar niemand. "Es ist klar, dass er nach der ersten Halbzeit nicht zufrieden war. Dann kann er auch lauter werden", meinte Sven Ulreich.

Autorität bei Bayern unumstritten

Heynckes' Autorität ist unumstritten – kein Wunder angesichts des Erfolgs von neun Siegen in Serie seit seiner Rückkehr nach München. Stattdessen werden die Rufe lauter, den 72-Jährigen länger als bis zum nächsten Sommer zu binden.

"Es gibt keinen besseren Trainer auf dem Markt. Es wäre die beste Lösung, wenn er bleibt", hatte Sky-Experte Lothar Matthäus Anfang der Woche gefordert – und damit einen Stein ins Rollen gebracht.

Denn die Bayern-Profis sehen es offenbar genauso wie der frühere FCB-Kapitän. "Ich glaube, die ganze Mannschaft hat diese Meinung. Wir würden uns alle freuen", sagte Ersatz-Kapitän Jerome Boateng nach dem 2:1 in Anderlecht zu SPORT1: "Er ist kurzfristig eingesprungen und macht das bis jetzt unglaublich toll, wie er uns führt. Aber wir wissen auch, dass es seine Entscheidung ist."

Ähnlich hatte sich zuvor schon Arjen Robben geäußert. "Natürlich können wir uns das vorstellen. Er weiß, was im Fußball heutzutage gefragt ist ", sagte er der Bild.

Und auch Robert Lewandowski schloss sich auf SPORT1-Nachfrage an. "Wir spielen gut, wir gewinnen und es wäre auch gut, wenn wir schon vor der neuen Saison wissen, ob Jupp bleibt oder jemand anderes kommt", erklärte der Torjäger.

Helmer: "Weiß nicht, ob er nein sagen kann"

SPORT1-Experte Thomas Helmer kann sich vorstellen, dass diese Aussagen Wirkung erzielen. "Natürlich, wenn ihn seine Spieler darum bitten, ist es für ihn eine ganz schwierige Situation", sagte der Doppelpass-Moderator und frühere Bayern-Spielführer:

"Wenn alle einen bitten… ich weiß nicht, wie schlecht er nein sagen kann. Bei mir wäre es so, dass ich sagen würde: Okay, dann versuche ich es nochmal ein Jahr."

Der ehemalige Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld erklärte im Gespräch mit SPORT1: "Es ist fantastisch, was der Jupp da leistet. Meine Hochachtung vor ihm, dass er das Amt wieder übernommen hat. Die Art und Weise, wie er das meistert und ruhig und besonnen die richtigen Entscheidungen trifft, da ziehe ich den Hut vor. Es macht Spaß den Bayern wieder zuzuschauen. Wenn Jupp große Freude empfindet, warum sollte er im nächsten Sommer nicht weitermachen?"


Führungsspieler und Fachmänner hat Heynckes also mit seiner Arbeit voll und ganz überzeugt. Einzig die Bosse mauern - noch.

"Wir haben das kundgetan bei der Vorstellung von Jupp, wie der Fahrplan bei uns ist und daran hat sich nichts geändert. Ich halte mich an die Dinge, wie wir sie abgesprochen haben", erklärte Karl-Heinz Rummenigge.

Allerdings sagte der Vorstandsboss nicht, dass eine Verlängerung mit Heynckes kein Thema sei. Es ist keinesfalls ausgeschlossen nach der Erfolgsserie der letzten Wochen, dass der Rückkehrer plötzlich zum Favoriten wird.

Nachfolgersuche kompliziert

Fakt ist: Die Nachfolgersuche gestaltet sich kompliziert. Nach dem Italiener Carlo Ancelotti und dem Spanier Pep Guardiola soll möglichst wieder ein deutscher Trainer her, doch der Markt ist begrenzt.

Mit Thomas Tuchel kam man schon nach der Trennung von Ancelotti nicht zusammen, die Sturheit und die aus Dortmund kolportierten menschlichen Schwächen könnten ungeachtet seiner fachlichen Qualitäten zum K.o.-Kriterium für Tuchel werden.

Bei Julian Nagelsmann mehren sich die Stimmen, dass der Shootingstar aus Hoffenheim noch zu jung und zu unerfahren für einen internationalen Topklub wie den FC Bayern sei. Zudem steht er ebenso unter Vertrag wie der gleichfalls gehandelte Ralph Hasenhüttl bei RB Leipzig.

Und bei Joachim Löw ist eher unwahrscheinlich, dass er nach der WM in Russland aufhört und dann vor allem ohne Pause sofort den stressigen Job in München antreten würde.


Viel mehr ernsthafte Kandidaten drängen sich nicht auf. Also warum nicht vorerst weiter mit Heynckes, auch um zu beobachten wie sich Nagelsmann, Hasenhüttl und vielleicht Schalkes Domenico Tedesco weiterentwickeln?

Dass der Erfolgscoach noch die Fähigkeit und auch die Energie für den Kräfte zehrenden Job beim Rekordmeister besitzt, hat er eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

"Jupp hat einen großen Effekt erzielt"

"Jupp hat ohne Frage einen großen Effekt erzielt. Die Mannschaft ist stabil, hat Spielfreude und macht einen guten Eindruck", lobte Rummenigge. "Man kann hochzufrieden sein. Es wird ja nicht nur gewonnen, sondern auch hoch attraktiver Fußball gespielt."

Das Zusammenspiel mit seinen langjährigen Vertrauten Rummenigge und Uli Hoeneß in der Vereinsführung sowie Peter Hermann, Herrmann Gerland und dem neuen, alten Teamarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt auf dem Platz läuft nahezu reibungslos.

Immer wieder bekommt Heynckes zudem kleine Auszeiten, um sich zu regenerieren. Der Routinier, der knapp vier Jahre seinen Hund Cando auf dem Bauernhof im heimischen Schwalmtal spazieren führte, macht den Eindruck, als wäre er nie weg gewesen.


"Wenn ich körperlich nicht so fit gewesen wäre, hätte ich den Job nicht annehmen können", hat er am Dienstag erklärt. "Es macht mir Spaß, mit der Mannschaft zu arbeiten, weil ich sehe, dass die Arbeit Früchte trägt. Es ist kein Zufall, dass wir Erfolg haben."

Daher zweifelt kaum noch jemand daran, dass Heynckes auch in der Lage wäre, seinen endgültigen Ruhestand ein weiteres Jahr nach hinten zu verschieben. Allerdings hatte er das mehrfach kategorisch ausgeschlossen, zuletzt vor zwei Wochen.

Doch Heynckes hatte auch nach seinem Abschied 2013 ein Comeback kategorisch ausgeschlossen – bis seine Freunde Hoeneß und Rummenigge bei ihm vor der Tür standen und er ihr Bitten nicht ablehnen konnte. Warum sollte es also nicht nochmal so sein?