Müller: Pep hat nach 10 Minuten "alles geändert"

Martin Hoffmann
·Lesedauer: 5 Min.
Müller: Pep hat nach 10 Minuten "alles geändert"
Müller: Pep hat nach 10 Minuten "alles geändert"

Den meisten Engländern muss man nicht erklären, was eine "Bratwurst" ist, ein "Doppelganger" oder ein "Dachshund": Diese deutschen Wörter haben es neben einigen anderen in den englischen Sprachgebrauch geschafft - und womöglich bleibt ihnen auch ein weiteres in Erinnerung.

"Der Raumdeuter", so stellt die Mail on Sunday heute Thomas Müller vom FC Bayern München auf Deutsch vor.

In einem großen, via Zoom geführten Interview erklärt der 31-Jährige dort dem internationalen Publikum, was es sich unter einem "interpreter of space" vorzustellen hat - und amüsierte seinen Interviewpartner Rob Draper dabei auf seine ihm eigene Art auch mit einer Zombie-Imitation ("Er macht Grimassen in die Kamera, lehnt sich alarmierend nah an den Laptop und macht 'Urrrrrghhhh!'") - als er eine Spielsituation erklärte, in der Abwehrspieler zu zombiehaft auf den Ball starrten.

Zudem sprach er auch über den deutsch-englischen Konflikt um DFB-Debütant Jamal Musiala, seine Erfahrungen mit Pep Guardiola - und warum er sein eigenes Image als etwas zu sehr mythisch aufgeladen empfindet.

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Thomas Müller über seine besonderen Qualitäten:

"Man kann sie coachen, definitiv. Die Leute mach ein größeres Ding daraus, um sich oder anderen zu erklären, dass ein Spieler ohne besondere Physis, Technik oder Dribbelstärke so effizient ist. Vielleicht haben Leute mir in meinen jüngeren Jahren zugeschaut, gesehen, wie ich zwei Tore geschossen habe und sich gefragt: Wie ist das möglich? Also haben sie sich eine Art Mythos ausgedacht, um etwas Besonderes daraus zu machen, was aber eigentlich logisch ist."

Über die logische Erklärung seines Erfolgs:

"Vielleicht ist es besonders, dass ich es immer wieder und wieder tue. Jeder gute Offensivspieler kennt Spielzüge, die gefährlich für den Gegner sind, aber sind vielleicht nicht stark genug, ihn 50 Mal zu machen. Vielleicht verliert man den Ball 49 Mal. Fußball ist ein Spiel voller Fehler. Man muss es wieder und wieder versuchen. Und beim 51. Mal gelingt dir dann das Tor, weil ein Verteidiger den Fehler macht. Es so zu betrachten ist logischer, als dass ich ein angeborenes Talent hätte."

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Über die Zeit unter Pep Guardiola:

"Es war unser Pfund, dass Pep nach unserem großen Sieg 2013 gekommen ist. Jupp Heynckes ist in Ruhestand gegangen und Pep hat alles getan, um erfolgreich zu sein. Wir hatten also keine Zeit, uns auf unseren Lorbeeren auszuruhen, denn Pep hat uns in jeder Trainingseinheit in den Arsch getreten, weil er der ganzen Welt zeigen wollte, dass er es auch in dieser neuen Liga packen würde. Das war in dieser Zeit wichtig, um Meister zu werden."

Über Guardiolas Taktik:

"Pep Guardiola hatte immer einen Plan mit uns. Und nach zehn Minuten hatten wir vier oder fünf weitere Pläne, weil er alles geändert hat. Er hat den Gegner studiert und gedacht: 'Oh, mein erster Plan war nicht gut genug oder hat nicht funktioniert'. Als er bei uns war, hat Pep Guardiola gesagt: 'Ich bringe dich bis an den Strafraum, danach musst du mir dein Talent und dein Gespür zeigen. Er hat bis 20 Meter vor dem Tor alles geplant, dann hatten wir dort Franck Ribéry, Arjen Robben, Mario Gomez, Mario Mandzukic, Mario Götze, mich, Douglas Costa und er hat uns gesagt: 'Ich bringe euch bis an diese Linie, dann müsst ihr euren Job machen."

Zum Thema "Laptoptrainer":

"Das Spiel entwickelt sich, auch abseits des Platzes, die Trainer versuchen systematischer zu sein, sie sind besser auf Details vorbereitet. Vielleicht hat es früher eher ausgereicht, der Mannschaft ein gutes Gefühl zu geben, mit den Spielern gut zu können, sie starkzureden, aber ich glaube, Taktik ist wichtiger, das Geschäft systematischer geworden."

Über die Jahre nach Guardiola:

"Nach Pep hatten wir zwei oder drei Jahre, in der andere Teams ihre Chance hatten - so wie auch im vergangenen. Wir hatten schwache Momente, auch schwache Wochen, aber sie haben es nicht ausgenutzt. Vielleicht hatten wir ein bisschen Glück, ich kann es nicht erklären. Vielleicht waren wir aber auch einfach besser."

Über Jamal Musiala:

"Ich weiß nicht, ob wir ihn England gestohlen haben. Ich hab in seinen Stammbaum geschaut und hab da kein englisches Blut gesehen. Wir sind sehr froh, dass Jamal sich für Deutschland entschieden hat. Sein Langzeitvertrag beim FC Bayern und seine Entscheidung für das deutsche Nationalteam: Das passt sehr gut."

Über ein mögliches DFB-Comeback bei der EM 2021:

"Ich hoffe, es gibt eine Chance, dass wir uns bei der EM sehen, aber wir müssen sehen, was die nächsten Wochen bringen."

Über den Vergleich Bundesliga - Premier League:

"Ich bin ein großer Fan der Premier League, weil es da so viele große Teams gibt, aber ich weiß nicht, ob die Qualität letztlich wirklich besser ist. Wenn wir gegen englische Teams spielen, habe ich nicht das Gefühl, dass sie super-superstark sind. […] Es ist die größte Liga der Welt, ja. Aber das heißt nicht, dass die fünf besten Teams locker jeden internationalen Wettbewerb gewinnen würde. Wenn der Vierte der Premier League gegen den Vierten der Bundesliga spielt, ist alles offen."

Über den Druck beim FC Bayern und im Fußball an sich:

"Du wirst in einem Jahr beim FC Bayern drei Jahre älter. Die Intensität ist sehr hoch, auch medial. Jedes unserer Freundschaftsspiele läuft im deutschen Fernsehen, du hast keine Ruhezeit. Jeder Fehlpass, jeder Fehlschuss hat zur Folge, dass alle sagen: 'Oh, Thomas Müller spielt nicht gut.' Das ist stressig, aber ich liebe es. Wenn man lange in der Branche ist, wird man etwas süchtig nach diesem Druck und es ist schwer, nach der Karriere etwas zu finden, was dir dasselbe Adrenalin gibt. Aber was soll das sein? In die Berge fliegen und mit Skiern aus einem Hubschrauber zu springen? Ich weiß es nicht."