Müller darf nicht mehr unantastbar sein

Florian Plettenberg
SPORT1-Chefreporter Digital Florian Plettenberg hält den Zeitpunkt für gekommen, Thomas Müller eine Pause zu gönnen

Mit der Aussage, dass Thomas Müller immer spielen müsse, versah Trainer-Legende Louis van Gaal den damals 21-jährigen Müller einst in München mit dem Etikett der Unantastbarkeit.

Mit eben jener Unantastbarkeit muss in der Nationalmannschaft nun vorerst Schluss sein. Denn Müller ist bei dieser WM nicht mehr der Müller früherer Tage - schon gar nicht auf der rechten Außenbahn. Nur sechs Treffer in 22 Einsätzen (vier davon im Herbst 2016) seit der EM vor zwei Jahren belegen dies.

Seine bisherigen WM-Leistungen auch: Gegen Mexiko gewann er nur 29 Prozent seiner Zweikämpfe, verlor alle sieben Offensiv-Duelle. Er hatte mit 15 Ballverlusten mit Abstand die meisten auf dem Platz und schoss nicht einmal aufs Tor.

Gegen Schweden waren es immerhin 55 Prozent gewonnene Duelle. Allerdings setzte er sich offensiv erneut kaum durch, entschied dort nur 29 Prozent seiner Zweikämpfe für sich und brachte nur einen Torabschluss zustande: Müller fehlt es derzeit an Durchschlagskraft und Torgefahr.

Was ihn immer auszeichnete, war seine Trefferquote, seine unorthodoxe Spielweise, die unvorhersehbaren Laufwege und seine Unbekümmertheit. Auch deshalb ist der 28-Jährige beim Bundestrainer seit 2010 eine feste Größe. Aber genau diese Stärken ruft Müller derzeit nicht ab.


Liegt die Müller-Krise am System oder an ihm selbst? Für mich ist es eine Mischung aus beidem:

Er klebt derzeit zu sehr auf der Außenlinie und kommt kaum in Tornähe, weil das Zentrum oft dicht ist. Allerdings hadert er ungewohnt oft mit sich selbst, setzte gegen Schweden nach Ballverlusten mehrfach nicht nach. Teils unbedrängt landeten seine Flanken im Nirwana.

Löw darf daher keine Scheu haben, Müller im nächsten Endspiel gegen Südkorea (am Mittwoch ab 16 Uhr im LIVETICKER) auf die Bank zu setzen. Auch, um für Julian Brandt Platz zu machen, der derzeit frischer und unbekümmerter wirkt.

Müller ist in Topform unersetzlich. Aber nur noch dann, weil die Konkurrenz mittlerweile zu gut ist. Da er aber vor allem ehrgeizig und mannschaftsdienlich ist, bin ich davon überzeugt, dass Müller von der Bank wieder zur Löwschen Geheimwaffe werden kann.


Für alle aufstrebenden Reservisten wäre es - vor allem nach der Degradierung der ebenfalls formschwachen Weltmeister Mesut Özil und Sami Khedira - ein weiteres Zeichen dafür, dass Löw den ausgerufenen Konkurrenzkampf tatsächlich umsetzt.

Mehr Glaubwürdigkeit kann ein Trainer kaum gewinnen, mehr Leistung kann er kaum provozieren. Auch nicht bei Müller. 

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