Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schlaganfall: Wie Covid-19 unser Nervensystem angreift

Franziska Telser
·Lesedauer: 8 Min.

Ungefähr eine Woche nachdem Markus Kunze seine Covid-19-Erkrankung überstanden hat, merkt er beim Treppensteigen, dass etwas anders ist als sonst. Er arbeitet in der vierten Etage eines mehrstöckigen Hauses. Um sich fit zu halten, nimmt er meist die Treppe statt des Aufzugs. Jetzt aber stolpert er immer wieder, hat Koordinierungsprobleme, muss sich deutlich mehr auf die Stufen konzentrieren. „Ich habe mich gefühlt wie ein Gerät, das kalibriert werden muss“, sagt er. „Als wäre ich nicht mehr richtig ausgerichtet.“

Mittlerweile ist es knapp sechs Monate her, dass Kunze sich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert hat. Seine Symptome: Geschmacks- und Geruchssinn waren weg. Kunze bekam Husten, Schnupfen und Fieber — um die 39 Grad. „Ich fühlte mich nicht gut“, sagt er. „Aber es war kein schlimmer Verlauf.“ Nach ein paar Tagen durfte er das Haus wieder verlassen. Gedanken über Nachwirkungen machte er sich keine.

Dass etwas mit seinem Kopf nicht stimmt bemerkt er erst, als er körperlich eigentlich wieder fit ist. Zuerst ist es die Treppe. Dann fällt ihm lautes Vorlesen schwer, und er kann keine Texte mehr überfliegen. In seinem Job muss er viel am Computer schreiben. „Statt drei Fehlern auf einer Seite habe ich auf einmal drei in einem Satz gehabt“, sagt er. Vieles braucht nun deutlich mehr Konzentration. Auch Autofahren gehört dazu. „Normalerweise habe ich mein Umfeld 360 Grad im Scanbereich“, sagt er. „Jetzt muss ich mir viermal 90 Grad zusammensetzen.“

Kunze ist kein Einzelfall. Zwar ist SARS-CoV-2 ein Atemwegserreger, eine Covid-19-Erkrankung kann aber auch Schäden in anderen Bereichen des Körpers als der Lunge verursachen. Werden Gehirn und Nervenbahnen in Mitleidenschaft gezogen, sprechen Mediziner von Neuro-Covid. Dazu gibt es mittlerweile zahlreiche wissenschaftliche Studien. Häufig treten neurologische Symptome bereits während der Akutphase der Erkrankung auf. Viele davon halten auch nach der Viruserkrankung noch an.

Geruchs- und Geschmackssinn gehen häufig verloren

Eine sehr typische Begleiterscheinung scheint der Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns zu sein, von dem auch Kunze berichtet. In einer europäischen Studie gaben mehr als 85 Prozent von 419 untersuchten Covid-19-Patienten an, dass sie davon betroffen seien. Alle hatten einen milden bis moderaten Verlauf der Krankheit. Zehn Prozent der Fälle berichteten sogar, dass Riechstörungen vor allen weiteren Symptomen aufgetreten waren.

Weitere Symptome, die immer wieder beobachtet werden, sind laut der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) Kopfschmerzen, Muskelschmerzen oder das sogenannte Fatigue-Syndrom — eine starke dauerhafte Erschöpfung. Gerade bei schweren Verläufen kommt es aber auch zu deutlich ernsteren Schädigungen, wie zum Beispiel Bewusstseinsstörungen, Hirnblutungen, Schlaganfällen oder dem Guillain-Barré-Syndrom (Muskelschwäche durch Autoimmunreaktion).

Erste Berichte über Neuro-Covid kamen aus Wuhan

Dass Corona auch unser Nervensystem beeinflussen kann, zeigten bereits erste Berichte aus Wuhan, wo das Virus im Dezember 2019 ausgebrochen war. Im April vergangenen Jahres publizierten chinesische Forschende auf dem Fachportal "Jama Neurology" eine Fallserie, in der sie 214 Covid-19-Patienten untersucht hatten. Mehr als ein Drittel von ihnen hatte neurologische Auffälligkeiten. Darunter waren Schwindel und Kopfschmerzen (53 Patienten) — aber auch Schlaganfälle (sechs Patienten) und Muskelschäden (23 Patienten).

Schwerwiegende neurologische Komplikationen in Zusammenhang mit Covid-19 konnten auch Wissenschaftler in einer großangelegte Analyse in New York beobachten. Von März bis Mai vergangenen Jahres haben die Forschenden rund 4.500 Betroffene begleitet, die im Krankenhaus behandelt werden mussten. Bei 13,5 Prozent stellten sie Symptome wie Verwirrtheit, Störungen des Bewusstseins, Schlaganfälle, epileptische Anfälle oder Lähmungen fest.

Ergebnisse, die auch eine deutsche Studie der Universität Duisburg-Essen widerspiegelt. Für ihre Untersuchung haben die Forschenden Daten von 102 hospitalisierten Patienten im Alter von 20 bis 95 Jahren ausgewertet. Bei 60 Prozent von ihnen traten neurologische Symptome auf, bei rund 23 Prozent davon waren diese schwer. „Das waren mehr, als wir erwartet haben“, sagt Mark Stettner, Oberarzt der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen und Autor der Studie.

Mehrere Ursachen für Neuro-Covid denkbar

Woran aber liegt es, dass ein Atemwegserreger auch unser Gehirn angreift? Forschende gehen davon aus, dass es weniger das Virus selbst ist, das unserem Nervensystem schadet — sondern es vielmehr die Prozesse sind, die es in unserem Körper auslöst. „Ein direkter Angriff der Nervenzellen durch das Virus findet wahrscheinlich nicht oder zumindest nur in Einzelfällen statt“, sagt Christoph Kleinschnitz, Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen und ebenfalls an der Studie zu Neuro-Covid beteiligt. In Ausnahmefällen — Stichwort Verlust des Geruchsinns — könne die sogenannte Riechbahn zwar direkt infiziert werden. Die meisten anderen neurologischen Komplikationen hätten aber andere Ursachen.

Kleinschnitz verweist auf eine Untersuchung aus Hamburg. Neuropathologen hatten sich in dieser die Gehirne von 43 verstorbenen Covid-19-Patienten näher angeschaut. In jedem zweiten fanden die Forschenden zwar das Virus, allerdings nur in einer derart kleinen Menge, dass die Gehirne keine Veränderungen gegenüber denen aufzeigten, in denen gar keine Viren festgestellt wurden. Was die Neuropathologen allerdings beobachteten war eine Immunantwort, die auf einen Zusammenhang zwischen den Entzündungsstellen im Gehirn und den neurologischen Symptomen hinweist. Für Experten ein bekanntes Phänomen: Denn eine Überreaktion des Immunsystems wurde schon häufig in Verbindung mit den verschiedenen Komplikationen durch das Virus gebracht.

Vorstellbar ist laut Kleinschnitz als Ursache aber auch, dass Immunzellen durch die Erkrankung leichter ins Gehirn gelangen oder dass sich Antikörper gegen das körpereigene Nervengewebe richten. Zudem können neurologische Komplikationen auch Begleiterscheinungen einer schweren und langen Intensivtherapie sein, die mit maschineller Beatmung und Blutverdünnung einhergeht. All das könne wiederum Schlaganfälle oder Hirnblutungen bedingen, sagt Kleinschnitz.

Verständnis ist die Grundlage für erfolgreiche Erkennung und Therapie

Ganz geklärt ist es also noch nicht, wann welcher Prozess bei welchem Patienten zu Symptomen von Neuro-Covid führt. Mithilfe der vorhandenen Ergebnisse können die Mediziner aber immerhin Risikoprofile für Neuro-Covid definieren. „Das hilft uns, die Patienten bestmöglich zu überwachen“, sagt der Oberarzt Stettner aus Essen. In ihrer Studie hatten er und Kleinschnitz zum Beispiel beobachten können, dass fast 80 Prozent der schwer von Neuro-Covid betroffenen Patienten bereits vorher neurologische Vorerkrankungen hatten. Diese Patienten hatten auch eine hohe Sterblichkeitsrate. Außerdem stellten sie fest, dass je heftiger sich Covid-19 auf die Atemwege auswirkt, desto schwerer verläuft auch Neuro-Covid.

Eine mögliche Erklärung dazu, warum manche Patienten neurologische Symptome entwickeln und andere nicht, liefert auch ein Kooperationsprojekt der Universitäten Münster und Duisburg-Essen, an dem Stettner ebenfalls beteiligt war. Ein Team aus Wissenschaftlern stellte hier fest, das jene, die eher an Neuro-Covid erkranken als andere, eine verminderte Immunantwort auf SARS-Cov-2 im Nervensystem haben.

Ein detailliertes Verständnis von Neuro-Covid ist die Grundlage für eine erfolgreiche Erkennung und Therapie der Krankheit. „Um etwas zu behandeln, muss man verstehen, wie es dazu kommt“, sagt Stettner. Wenn man etwa davon ausgeht, das Virus schwäche das Immunsystem, würde man dieses im Therapieansatz eher stärken. Stellt man dagegen die Hypothese auf, die neurologischen Komplikationen entstünden, weil das Immunsystem überreagiert, dann würde man natürlich eher versuchen, es auszubremsen.

Langanhaltende Beschwerden nach überstandener Erkrankung

Besonders knifflig wird es, wenn Symptome nicht im Laufe der akuten Erkrankung auftauchen, sondern erst im Nachhinein — das sogenannte Post-Covid-Syndrom. Die Beschwerden also, die auch Kunze beschreibt. „Das ist nochmal eine ganz andere Baustelle“, sagt Stettner.

In sogenannten Post-Covid-Ambulanzen werden Patienten mit diesen Beschwerden behandelt und das Phänomen genau studiert. Auch die Neurologische Klinik der Universitätsmedizin Essen hat eine solche Spezialambulanz eingerichtet. Der Ansturm ist groß. „Es gibt viele Patienten mit einem asymptomatischen oder moderaten Verlauf, die später von neurologischen Beeinträchtigungen berichten“, sagt Stettner. Dazu gehören häufig die beschriebene ausgeprägte Müdigkeit und Erschöpfung (Fatigue). Oder eben kognitive Störungen, wie die Symptome von Kunze. Selten berichten Patienten laut Stettner auch über andere Begleiterscheinungen wie Kribbeln in den Beinen, Gangstörungen oder andere neurologische Ausfälle.

Das Post-Covid-Syndrom, auch Long-Covid genannt, beschäftigt Mediziner und Wissenschaftler schon seit Längerem. Erste Hinweise auf langanhaltende Symptome nach einer akuten Corona-Erkrankung habe es laut der DGN bereits im Sommer 2020 gegeben. Mittlerweile ist bekannt, das Betroffene vor allem von neurologischen Komplikationen berichten.

Niederländisch-belgische Forschende werteten drei Monate nach Krankheitsbeginn die anhaltenden Symptome von 2.113 Covid-19-Patienten aus, von denen 112 stationär behandelt worden waren. Während der akuten Erkrankung litten 95 von ihnen unter Fatigue, drei Monate danach noch 87 Prozent. Damit war Müdigkeit die häufigste Komplikation — sogar noch häufiger als Kurzatmigkeit.

In einer britischen Studie haben Forschende 163 Covid-19-Patienten im Median 83 Tage nachverfolgt. Die am häufigsten beobachteten Langzeitfolgen waren hier Fatigue (39 Prozent), Schlafstörungen (24 Prozent) und Schmerzen (20 Prozent). Das Erstaunliche: Auch Patienten mit milden Verläufen waren von den Long-Covid-Symptomen betroffen.

Diagnosen sind schwierig

Das große Problem, vor dem Mediziner derzeit stehen: „Klinisch und wissenschaftlich sind neurologische Erkrankungen im Zusammenhang mit Covid-19 Neuland “, sagt Stettner. Denn während Mediziner zum Beispiel einen Schlaganfall ganz leicht in einer Computertomografie sehen können, ist ein solch klarer Befund bei kognitiven Störungen oder Fatigue deutlich seltener. „In vielen Fällen ist ein MRT und auch viele andere Untersuchungen unauffällig“, sagt Stettner. „Trotzdem versuchen wir natürlich, diese schwierige Frage zu beantworten.“

Über seinen Hausarzt ist auch Kunze in die Post-Covid-Ambulanz und zu Mark Stettner gekommen. Er sei offenbar ein typischer Fall, sagt er. Kunze unterzieht sich mehreren Tests, eine Untersuchung seines Gehirnwassers steht an. „Ich will ja, dass alles wieder so ist, wie es vorher war“, sagt er. Zwar könne er viel ausgleichen, indem er sich einfach stärker auf bestimmte Dinge konzentriere. Er habe aber auch Angst, dass ihn die neurologischen Folgen seiner Covid-19-Erkrankung irgendwann einschränken könnten.

Wirklich viel gebessert habe sich in den vergangenen Monaten für ihn nicht. „Die Gleichgewichtsstörungen sind einigermaßen weg“, sagt er. „Mehr aber nicht.“ Vielmehr entdecke er immer mal wieder etwas Neues, dass nicht mehr so reibungslos funktioniert. Sudokus lösen zum Beispiel. Trotzdem ist Kunze optimistisch, irgendwann seine vollen kognitiven Fähigkeiten zurückzubekommen — er braucht vielleicht nur noch ein bisschen Zeit und Hilfe.