Lynk&Co-Chef Alain Visser im Motor1.com-Interview: "Unser wichtigster Konkurrent ist Uber"

feedback@motor1.com (Stefan Wagner)
Lynk&Co Alain Visser

Lynk&Co-Kopf Alain Visser spricht über seine Europa-Strategie, wie man mit Carsharing Geld verdient und warum er beim autonomen Fahren skeptisch ist

Motor1.com: Finden Sie, dass herkömmliche Autohersteller am Kunden vorbei entwickeln?

Alain Visser: Ich glaube, die Autoindustrie macht seit 100 Jahren das gleiche. Aber selbst der Kunde von vor fünf Jahren ist kaum vergleichbar mit dem Kunden von heute. Das heißt, es gibt eine Industrie, die immer wieder das gleiche tut, und eine Kundschaft, die das extrem hinterfragt. Es gibt nur eine Industrie, in der es noch keinen wirklichen Online-Handel gibt und das ist die Autoindustrie. Und das ist der Start von Lynk&Co: Was will der Kunde heute und wie passt man das Auto-Konzept darauf an?

 

Motor1.com: Wie wird man einen Lynk&Co kaufen? Kauft man ihn überhaupt noch?

Alain Visser: Kurz gesagt: Statt Autos zu verkaufen, verkaufen wir Mobilität. Wir sind quasi das Netflix oder Spotify der Autoindustrie. Das Abonnement ist dabei ein sehr wichtiges Konzept. Das Problem ist: Seit wir im Oktober 2016 das Modell gelauncht haben, haben das viele andere Marken auch getan. Aber bei den meisten hat es nicht viel mit einem Abo zu tun, sondern es ist eine andere Form des Leasings.

Wir verkaufen wirklich Mobilität. Wir sehen, dass gerade viele junge, moderne Kunden bereit sind, monatlich relativ viel Geld auszugeben für Mobilität. Sei es für Uber, für Taxis oder den öffentlichen Nahverkehr. Aber sie sind nicht bereit, 20.000 Euro für ein neues Auto auszugeben oder selbst 500 Euro im Monat für die nächsten 24 Monate. Sie wollen sich nicht für einen längeren Zeitraum binden. Deswegen sagen wir: Der Kunde bezahlt Summe X – der Betrag steht noch nicht fest, aber er muss überschaubar sein – und er verpflichtet sich immer nur für einen Monat.

 Die Studie 03 zeigt, wie eine kompakte Lynk&Co-Limousine aussehen könnte

Lynk&Co 03 Concept
Lynk&Co 03 Concept
Lynk&Co 03 Concept

Motor1.com: Das klingt sehr ambitioniert. Wie wollen Sie Verfügbarkeit und Kosten in den Griff bekommen?

Alain Visser: Ein fundamentaler Punkt für uns ist: Wir verzichten auf die enorme, völlig verwirrende Anzahl von Optionen, der sich der Kunde mittlerweile beim Autokauf gegenübersieht. Wir werden in Europa maximal acht Varianten für jedes Auto haben. Die Auswahl ist sehr einfach, es gibt keine Optionen, die Autos sind voll ausgestattet. Das heißt auch: Wir sind die einzige Marke, bei der Sie das Auto heute bestellen und in maximal ein bis zwei Tagen, nicht in drei bis vier Monaten, können Sie damit nach Hause fahren.

Enorm industrierelevant ist auch: Kein Discount, ein Preis. Ein H&M-T-Shirt für zehn Euro kostet in jedem Store das gleiche. Ein 100.000-Euro-Luxus-Auto hat bei jedem Händler einen anderen Preis. Das ist keine Premium-Erfahrung. Wir ändern das. Und die einzige Möglichkeit, das zu tun ist, dass wir keine Händler, sondern unsere eigenen Stores haben.

 

Motor1.com: Was spart man denn durch den Verzicht auf Händler?

Alain Visser: Es ist Wahnsinn. Die durchschnittliche Händler-Marge weltweit ist 15 Prozent. Darüber hinaus geben die Hersteller im Schnitt zehn bis 15 Prozent Nachlass, um das Volumen zu pushen. Sprich: Das heutige Distributionsmodell kostet etwa 25 Prozent. Mit unserem System sparen wir mindestens zehn Prozent von diesen Kosten. Aber wahrscheinlich mehr. Das heißt, wir werden vollausgestattete Premium-Fahrzeuge zu einem sehr konkurrenzfähigen Preis anbieten können.

 

Motor1.com: Die Wartung soll bei Volvo-Händlern stattfinden. Sind die nicht verärgert darüber, dass ihr Modell deren klassisches Geschäft hintergeht?

Alain Visser: Das ist noch nicht entschieden, aber es ist unsere klare Absicht die Wartung bei Volvo-Partnern durchzuführen. Die sind zufrieden, weil sie aufgrund der hohen Volvo-Qualität ohnehin immer weniger Arbeit haben. Und wie Sie wissen, verdient der Händler mehr an der Wartung als am Verkauf. Da sehe ich keinen Konflikt.

 

Motor1.com: Der moderne Kunde hat immer weniger Zeit, will sich nicht groß mit lästigen Dingen wie Wartung oder Reparatur auseinandersetzen. Sie planen einen umfassenden Hol- und Bringservice. Ist das nicht unglaublich personal- und damit kostenintensiv?

Alain Visser: Wir haben das durchgerechnet. Und die Kosten sind akzeptabel. Wir haben noch nicht festgelegt, wer das macht. Das könnte auch der Volvo-Händler machen. Dann natürlich immer mit Lynk&Co-Branding. Für uns sind die Kosten in Ordnung und der Kundenvorteil ist enorm. Das ist auch alles in unserem Abo-Preis mit einkalkuliert.

 

Motor1.com: Was passiert, wenn ein Lynk&Co-Fahrzeug länger in der Werkstatt steht?

Alain Visser: Dann bekommt der Kunde einen anderen Lynk&Co bereitgestellt.

 

Motor1.com: Bisher bietet kein Hersteller ein eigenes Carsharing-Modell. Für Lynk&Co ist das ein entscheidender Punkt. Ihre Fahrzeuge sind die ersten mit eingebautem Share-Button. Wie muss man sich Ihr Modell vorstellen?

Alain Visser: Ein Beispiel: Sie bezahlen 500 Euro im Monat für Ihr Fahrzeug. Aber Sie reisen, sind fünf Tage pro Monat im Ausland. Ihr Auto steht am Flughafen, Sie kommen am Flughafen an, geben Ihr Auto über den Share-Button im Zentraldisplay frei. Sie setzen – sagen wir mal – 30 Euro pro Tag an, Ihr Auto wird fünf Tage lang benutzt. Sie können mit unserer Schlüsseltechnologie das Auto verfügbar machen für andere Lynk&Co-Mitglieder, das müssen nicht zwangsläufig Lynk&Co-Kunden sein. So haben Sie Ihre monatlichen Kosten bereits auf 350 Euro gesenkt.

 

Motor1.com: Wie funktioniert die Umsetzung?

Alain Visser: Ich bin kein Ingenieur, glauben Sie mir. Aber die technische Umsetzung ist sehr einfach. Die Schlüsseltechnologie haben wir. Worauf wir aktuell den Fokus legen, sind Dinge wie Versicherung. Aber Carsharing ist ja nichts Neues. Das ist relativ einfach. Die Frage ist nur: Wie groß wird das alles sein? Wir sehen in Europa, dass Carsharing noch immer sehr klein ist. Ich bin da selbst ein Skeptiker. Ich glaube, der Europäer ist da im Moment noch nicht so offen, sein Auto zu teilen. Aber ich glaube, das ist eine Frage der Zeit. Wenn man schon bereit ist, sein Haus über Airbnb zu sharen, wird man das auch mit seinem Auto machen.

 Der Lynk&Co 02 wird ein Kompakt-Crossover

Lynk&Co 02
Lynk&Co 02
Lynk&Co 02

Motor1.com: Byton-Chef Carsten Breitfeld hat gesagt, digitale Dienste wie Nutzerdaten-Sammlung oder das Anbieten von In-car-Unterhaltungsangeboten Dritter würden mittelfristig einen großen Teil des Unternehmensgeschäfts ausmachen. Ist das bei Lynk&Co auch geplant?

Alain Visser: Ja, absolut. Wir haben ein offenes Format und wir laden andere Firmen und Organisationen ein, ihre Dienstleistungskonzepte anzubieten. Ich vergleiche es gerne mit dem iPhone vor zehn Jahren. Wir haben nicht die Arroganz zu sagen, dass wir alles selbst entwickeln können. Wir haben das vor einigen Monaten gestartet und manche teils extreme Ideen. Aber wir sind noch in der Selektionsphase, welche Dienste wir zur Einführung anbieten. Für uns ist das eine wichtige Sache, denn es geht darum, nicht nur ein Auto, sondern Dienstleistungen anzubieten. Welchen Anteil diese Dienste an unserem Geschäft haben werden, kann ich aber noch nicht sagen.

 

Motor1.com: Wann kommt Ihr erstes Auto, der Lynk&Co 01, nach Europa? Und wann geht es in den USA los?

Alain Visser: Wir planen Anfang 2020 nach Europa zu kommen. Wir starten in Amsterdam. Für die USA haben wir noch keinen konkreten Plan, aber wir gehen davon aus, dass es ein Jahr später sein wird. Und unser Fokus liegt hier sehr deutlich auf Kalifornien.

 

Motor1.com: Der Lynk&Co 01 ist ein Kompakt-SUV. Welche Konkurrenten sehen Sie in Europa? Oder kann man bei Ihrem Modell überhaupt noch von klassischen Auto-Konkurrenten sprechen?

Alain Visser: Von der Produktseite her haben wir das Auto klar positioniert gegen Audi, Lexus und Co. Was die Marke betrifft, haben wir gesagt: Ja, da sind auch Automobilhersteller dabei. Aber wir sagen auch: Uber ist für uns einer der wichtigsten Konkurrenten, wir müssen außerhalb der Automobilindustrie denken. Wir sehen uns eigentlich als neue Mobilitätsmarke und nicht unbedingt als neue Automarke.

 

Motor1.com: Welche Motoren wird es in Europa geben?

Alain Visser: Wir werden anfangs in Europa Benzin-Plug-in-Hybride und -Hybride haben. Keine Diesel. Und ausschließlich Automatikgetriebe. Ein Jahr später werden wir dann vollelektrische Fahrzeuge anbieten.

 

Motor1.com: Wie sieht der Fahrplan in Europa bis etwa 2022 aus?

Alain Visser: Anfang 2020 starten wir wie gesagt in Amsterdam. Dann werden wir alle sechs Monate in drei zusätzlichen europäischen Großstädten starten. London, Berlin, Mailand. Dann Barcelona, Brüssel und so weiter. Immer in Innenstadt-Lage, nie in den Randbezirken oder Automeilen, wie man das von herkömmlichen Autohändlern kennt. Es wird pro Land einen 300 bis 500 Quadratmeter großen Flagship-Store geben. Dazu kommen in Europa etwa 20 Pop-up-Stores, die immer herumreisen, 700 Stops machen. In den fünf größten Städten wechseln sie wöchentlich den Standort. In kleineren Städten werden Sie sie ein bis zwei Wochen im Monat finden. Bei allen Stores geht es mehr um das Markenerlebnis als darum, möglichst viele Autos auszustellen. Sie werden sich stark von normalen Autohäusern, auch von Tesla-Stores, unterscheiden.

 

Motor1.com: Das klingt fast nach Wanderzirkus. Ist der Logistik-Aufwand nicht immens?

Alain Visser: Was die Kosten betrifft, klingt das zunächst enorm. Unsere Verkaufsorganisation für ganz Europa besteht aber nur aus etwa 300 Personen. Laut unseren Daten benötigt jede andere Marke hierfür etwa 5.000 Leute. Das heißt auch dadurch sparen wir enorm viele Kosten.

 

Motor1.com: Kann ich einen Lynk&Co eigentlich auch kaufen?

Alain Visser: Nun, wir haben entschieden, unsere Kommunikation voll auf das Abo-Modell auszurichten, aber wenn Kunden das Auto kaufen wollen, dann können sie das tun.

 

Lynk&Co Alain Visser

Motor1.com: Finden Sie eigentlich, dass Dinge wie Fahrdynamik und Fahrspaß noch wichtig sind?

Alain Visser: Interessante Frage. Ich bin ja auch ein Automann seit 32 Jahren. Aber natürlich: Der junge Kunde von heute ist viel weniger interessiert an PS, Drehmoment, 0-100 km/h und so weiter. Ich weiß, in Deutschland ist es noch ein wenig anders, aber auch hier wird es weniger. Der Kunde ist immer weniger Autofreak. Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, dass es noch immer sehr viele Menschen gibt, die gerne Autofahren.

 

Motor1.com: Was bedeutet das fürs autonome Fahren?

Alain Visser: Autonomes Fahren hat sehr viel Potenzial für erstens die Autobahn (langweiliges 120 fahren), zweitens für den Stau und drittens für den Stadtverkehr, wo man kaum vorankommt. Aber ich glaube, dass es sehr viele Situationen gibt, wo der Kunde einfach fahren will, weil es Spaß macht. Deswegen ist voll autonomes Fahren ohne Lenkrad eher eine technologische Sache als ein Kundenbedürfnis. Natürlich ist es für Lynk&Co, wie für jede andere Marke, wichtig. Ich persönlich denke aber, dass autonomes Fahren überbewertet wird.

 

Motor1.com: Die Technologie schreitet so schnell voran. Kaum hat man neue Assistenzsysteme oder ein neues Infotainment, ist es auch schon wieder veraltet. Wie wollen Sie dem als Zukunftsmarke entgegenwirken?

Alain Visser: Wir werden Over-the-Air-Updates anbieten, das ist für uns absolut wichtig. Und das ist natürlich auch das Tolle am Abo-Modell: Anstatt ein Auto zu kaufen und dann sechs Jahre die gleiche Technologie zu haben, haben Sie immer Zugriff auf die neueste Technologie, die wir dann auch updaten können.

 

Motor1.com: In Europa haben die Menschen wohl nicht unbedingt auf noch eine neue Automarke gewartet. Was macht Sie zuversichtlich, dass Lynk&Co auch in Europa funktionieren wird?

Alain Visser: Eine neue Marke zu starten, die funktioniert wie alle anderen Marken, ist ein unglaublich großes Risiko. Denn warum soll ein Kunde ein Auto von einer Marke kaufen, die sich noch nicht bewiesen hat? Aber ich glaube, das Risiko wird viel kleiner, wenn wir sagen, wir bieten etwas anderes an. Wir sind keine neue Plattenfirma, die andere CDs anbietet, wir bieten Musik an. Ich glaube, es gibt da ein Bedürfnis. Trotzdem sagen wir nicht: Alle anderen Hersteller machen etwas falsch und wir machen es richtig. Wir machen es anders. Und wir glauben, es gibt sehr viele Kunden, die dafür offen sind. Ich bin also sehr zuversichtlich, dass unser Konzept eine sehr große Kundengruppe anspricht. Auch in Europa. Auch in Deutschland.

 

Motor1.com: Wie stark ist dieser Glaube mit dem alles beherrschenden Thema SUV verbunden? Ihre ersten beiden Fahrzeuge werden SUVs sein …

Alain Visser: Wir haben sehr viele Fahrzeuge im Portfolio. Mehr als wir eigentlich brauchen. In Europa sind wir noch voll in der Diskussion, welche Fahrzeuge wir eigentlich anbieten. Lassen Sie sich einfach überraschen. Aber nur so viel: Wir glauben nicht, dass es die Vielfalt von Fahrzeugen ist, die das Volumen ausmachen wird. Vielleicht ist es sogar umgekehrt.

 

Motor1.com: Herr Visser, vielen Dank für das Gespräch.