Lufthansa bietet nicht für Langstrecke der Air Berlin

Bei der insolventen Air Berlin fällt der Gläubigerausschuss heute wichtige Vorentscheidungen. Lufthansa will für höchstens 78 Mittelstreckenjets bieten und die Langstrecke der Berliner links liegen lassen.


Die Lufthansa bietet nicht für die Langstreckenjets des insolventen Konkurrenten Air Berlin. Sein Unternehmen habe ein Angebot über die 38 bereits angemieteten Mittelstrecken-Maschinen und 20 bis 40 weitere Flugzeuge abgegeben, nicht aber für die Langstrecke, sagte Lufthansa-Chef Carsten Spohr am Mittwochabend in Frankfurt. Damit würden viele Arbeitsplätze gerettet, die bei der Tochter Eurowings weiter bestehen sollen. „Wir glauben, bald bis zu 3000 neue Mitarbeiter begrüßen zu können.“

An diesem Donnerstag will der Gläubigerausschuss der Air Berlin über die Zukunft der Fluggesellschaft beraten. Neben Lufthansa haben weitere Fluggesellschaften und Geschäftsleute für Teile oder die ganze Firma Angebote abgegeben. Insgesamt verfügt die Air Berlin mit rund 8000 Mitarbeitern über eine Flotte von 144 Flugzeugen, von denen aber 38 bereits samt Besatzungen an die Eurowings vermietet sind.

Insgesamt betreibt Air Berlin 17 Langstreckenflieger vom Typ Airbus A330. In den vergangenen Wochen hatte die insolvente Airline ihr Langstreckenangebot bereits stark zusammengestrichen. Die Langstrecken von und nach Berlin-Tegel (Verbindungen nach Abu Dhabi, New York, Miami, Chicago, San Francisco und Los Angeles) entfallen komplett. Das Angebot von und nach Düsseldorf wird reduziert. Hier fallen spätestens bis Oktober die Karibikflüge (Curacao, Cancun, Kuba) weg, von den US-Zielen werden noch New York, Fort Myers und im täglichen Wechsel Los Angeles, Miami und San Francisco angeflogen. Was mit den gestrichenen Langstrecken-Verbindungen passiert, ist derzeit unklar.




Spohr wandte sich erneut gegen die Auffassung, dass sein Konzern mit der Teilübernahme von Air Berlin eine Monopolstellung gewinne. Der Marktanteil würde sogar bei einer Komplettübernahme unter 50 Prozent bleiben, sagte der Airline-Chef. Gleichwohl werde nicht für weitere Flugzeuge geboten, um die kartellrechtliche Genehmigung nicht zu gefährden. „Viel mehr glauben wir kartellrechtlich nicht machen zu können.“

Eurowings will eigene Langstreckenflüge aus Berlin

Der Lufthansa-Chef kündigte an, dass Eurowings „aus eigener Kraft“ Langstreckenflüge auch aus Berlin anbieten werde. Bislang startet die Gesellschaft ihre Überseeflüge ausschließlich von Köln aus. Starts ab Düsseldorf und München sind bereits angekündigt worden.

Lufthansa agiert Spohr zufolge aus einer starken wirtschaftlichen Position. Das Geschäftsjahr 2017 laufe „noch deutlich besser“ als die beiden vorangegangenen Rekordjahre, sagte der Vorstandschef. Bisher peilte der Manager ein operatives Ergebnis oberhalb der 1,75 Milliarden Euro von 2016 an. Im ersten Halbjahr hatte die Lufthansa bereits so gut abgeschnitten wie nie zuvor und ihr operatives Ergebnis im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt.




Dennoch arbeitet das Management an weiteren Kostensenkungen, und Spohr erwartet bei den Einnahmen in Zukunft weiteren Druck: „Der Abwärtstrend bei den Ticketpreisen ist im Moment gebrochen, aber langfristig gehen wir weiter von fallenden Ticketpreisen aus.“

Positives erwartet er allerdings im Dauer-Tarifstreit mit den Piloten. Dieser werde voraussichtlich noch im September endgültig mit der Vertragsunterzeichnung beigelegt.


Die Fusionswelle unter den Fluggesellschaften in Europa dürfte nach Spohrs Ansicht weitergehen. „Die Konsolidierung wird kommen, und Lufthansa will dabei eine Rolle spielen. Und Air Berlin wird dabei nicht der letzte Schritt sein.“ So steht derzeit auch die ehemalige italienische Staatsfluglinie Alitalia zum Verkauf. Die seit langem defizitäre Gesellschaft hatte schon vor Air Berlin Insolvenz angemeldet, nachdem die gemeinsame Haupteignerin Etihad die finanzielle Unterstützung entzogen hatte - ähnlich wie bei Air Berlin.

KONTEXT

Das ist Air Berlin

Boom der Billigflieger

Die 1978 gegründete Fluggesellschaft Air Berlin ist mit dem Boom der Billigflieger groß geworden. Erfolg hatte Deutschlands zweigrößte Airline zunächst mit Flügen von Berlin nach Mallorca. 2002 nahm sie Linienflüge in europäische Städte ins Programm.

Zu viel gewollt

Nach einem radikalen Expansionskurs geriet das Unternehmen in eine Krise. Seit 2008 schreibt Air Berlin - mit einer Ausnahme durch den Verkauf des Vielfliegerprogramms - rote Zahlen. Im Jahr 2016 betrug der Verlust rund 782 Millionen Euro, der Schuldenberg wuchs auf knapp 1,2 Milliarden Euro. Jahrelang hielt der arabische Großaktionär Etihad, der 29,2 Prozent der Anteile besitzt, die Airline mit Finanzspritzen in der Luft.

Flug in die Insolvenz

Im August 2017 zieht Etihad die Reißleine: Der Hauptaktionär erklärt, keine weitere finanzielle Unterstützung zur Verfügung zu stellen. Air Berlin stellt daraufhin beim zuständigen Amtsgericht Berlin-Charlottenburg einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung.

Wie geht es nun weiter?

Schon vor dem Insolvenzantrag gab es Gespräche mit der Lufthansa über eine Übernahme von Teilen der Air Berlin - eine Komplettübernahme würden die Wettbewerbshüter unterbinden, fürchten die Verantwortlichen. Air Berlin verhandelt aber mit weiteren Unternehmen. Als Interessenten gelten Condor, Easyjet und der Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl.

Mögliche Hürden

Eine Übernahme müsste aller Voraussicht nach noch einmal von den EU-Wettbewerbsprüfern unter die Lupe genommen werden. Die EU-Kommission ist bei Firmenzusammenschlüssen zuständig, wenn der Umsatz aller Beteiligten zusammen mindestens fünf Milliarden Euro beträgt. Doch es gibt Unwägbarkeiten: Ryanair hat Beschwerde beim Bundeskartellamt und bei den EU-Wettbewerbshütern eingelegt. Germania will einen Verkauf an Lufthansa gerichtlich verhindern.