„Loyalster Führer“ sitzt jetzt im Aufsichtsrat

Seit Wochen wurde über die Aufnahme Gerhard Schröders in den Rosneft-Aufsichtsrat diskutiert. Nun ist es so weit: Der Altkanzler rückt damit nah an die Mächtigen im Kreml heran. Rosneft-Präsident Igor Setschin ist voll des Lobes.


Schwere blaue Teppiche und Vorhänge, massive Kristallleuchter, dezent-graue Marmorsäulen und elektronische Einlasssperren: Schon im Eingangsbereich betont das auf der Petersburger Wassiljewski-Insel gelegene Business-Hotel „Gorny“ seinen distinguierten und geschäftlichen Charakter. Genau das passende Ambiente für die außerordentliche Aktionärsversammlung von Rosneft, denn auch Russlands größter Ölkonzern will sich international einen seriösen Anstrich geben.

Dazu soll unter anderem Gerhard Schröder beitragen. Der Altbundeskanzler stellte sich am Freitag zur Wahl in den Aufsichtsrat – eine Kandidatur, die in den vergangenen Monaten speziell in Deutschland große Diskussionen hervorrief: Schröders Nachfolgerin Angela Merkel warf ihm vor, die westlichen Sanktionen zu untergraben und auch SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz versuchte im Laufe des Wahlkampfs, sich von seinem Parteigenossen zu distanzieren: Nachdem er dessen Job bei Rosneft zunächst noch Schröders „Privatsache“ genannt hatte, meinte er später, ein Kanzler sei auch nach dem Ausscheiden aus dem Amt „nur bedingt Privatmann“.

Das historisch schlechte Abschneiden der SPD (20,5 Prozent) bei der Bundestagswahl auf Schröders Rosneft-Engagement zurückzuführen, wäre falsch. Die Verantwortung dafür liegt bei der aktuellen Parteispitze und nicht bei deren 73-jährigem Ex-Vorsitzendem. Fakt ist aber: Die mediale Debatte darum hat nicht dazu beigetragen, die Politik allgemein und die SPD speziell in vorteilhaftes Licht zu rücken.

Schröder ließ sich von der Diskussion um sein Amt bei dem mehrheitlich staatlichen und auf westlichen Sanktionslisten stehenden Ölkonzern nie irritieren: Trotz der Kritik hielt er unbeirrt an dem ihm zugedachten Aufsichtsratsposten fest. „Es geht um mein Leben und darüber bestimme ich und nicht die deutsche Presse“, wies er die Vorwürfe der Kumpanei zurück. Missbrauchen lassen werde er sich nicht, glaubt Schröder; auch nicht von Wladimir Putin, zu dem der nach wie vor offen freundschaftlichen Kontakt pflegt. Es sei aber falsch, Russland wirtschaftlich und politisch zu isolieren und in Muster des Kalten Kriegs zurück zu verfallen, begründete er seine Haltung bei dem gleichen Auftritt in Rotenburg.

Der Empfang, den er nun in St. Petersburg erhielt, war mindestens genauso warm wie in der niedersächsischen Heimat: Immerhin hatte der Konzern seinen Aufsichtsrat um zwei Plätze – von neun auf elf – erweitert, um den früheren Kanzler aufnehmen zu können. Rosneft-Präsident Igor Setschin – ebenfalls ein enger Vertrauter Putins – stellte Schröder, dessen Kandidatur am Vorabend in der russischen Regierung durchgewinkt wurde, den Aktionären persönlich vor und nannte ihn „den gegenüber Moskau loyalsten [politischen] Führer“. Als Kanzler habe er viel für die Annäherung zwischen Deutschland und Russland getan und dabei auch wichtige bilaterale Energieprojekte angeschoben, würdigte Setschin den Altkanzler für dessen Einsatz bei der Verwirklichung der Ostseepipeline. Dass Schröder kurz nach seiner Amtszeit den lukrativen Job als Chef des von Gazprom kontrollierten Pipelineprojekts übernahm, hatte seinerzeit in Deutschland Staub aufgewirbelt. Für Setschin kein Problem.




Der Rosneft-Präsident sah auch keinen Interessenkonflikt darin, dass Schröder mit dem Projekt Nord Stream 2 weiterhin für Rosnefts größten innerrussischen Konkurrenten Gazprom tätig ist. „Im Gegenteil; ich denke, das hilft dem Konzern bei seiner Tätigkeit in jeder Hinsicht“, antwortete er auf Anfrage der Aktionäre. Der Einstieg Schröders werde zur „Entwicklung des internationalen Konzerngeschäfts, einer steigenden Präsenz in Europa und zum Aufbau konstruktiver Beziehungen zu westlichen Partnern“ beitragen, versprach er.

Und so war die Wahl Schröders am Ende lediglich Formsache: Zusammen mit Russlands Energieminister Alexander Nowak zog Schröder in den erweiterten Aufsichtsrat ein. Er wolle seine Erfahrungen zum Wohle des Unternehmens einsetzen. „Ich möchte allen Aktionären danken, die sich für meinen Einstieg in den Aufsichtsrat ausgesprochen haben“, kommentierte Schröder die Wahl anschließend.

Schröder werde vor allem repräsentative Funktion für Rosneft haben, ist Stanislaw Mitrachowitsch, Experte der russischen „Stiftung für nationale Energiesicherheit“, überzeugt: „Es ist offensichtlich, dass dieser deutsche Politiker keine Instrumente zur Beeinflussung von Entscheidungen hat, die in der EU getroffen werden, trotzdem ist das ein ziemlich symptomatisches Ereignis“, weil es davon zeuge, dass es im Westen Kräfte gebe, die zu einer Zusammenarbeit mit Russland bereit seien, sagte er. „Schröder hat einen Namen, darum ist die Aktion auch ein Zeichen für westliche Geschäftsleute“, meint Mitrachowitsch.

Rosneft kann positive PR im Westen gut gebrauchen: Das Unternehmen hat seit der Zerschlagung von Yukos, für die Setschin – damals noch in der Kremlverwaltung tätig – verantwortlich gemacht wird und auf dessen Trümmern der Konzern aufgebaut wurde, Imageprobleme. Zahlreiche weitere Skandale und Affären, unter anderem aktuell ein dubioser Rechtsstreit mit der Investmentgesellschaft Afk Sistema und der intransparente Verkauf von 19,5 Prozent der Rosneft-Aktien im Vorjahr haben den Ruf nicht verbessert.

Zumindest die deutschen Unternehmer in Russland sehen das Schröder-Engagement bei Rosneft deutlich unkritischer als die deutschen Medien. Schröder sei einfach nur als Wahlkampfthema ausgeschlachtet worden, heißt es aus Wirtschaftskreisen.