Löws Suche: Wer vereint Potenzial, Talent und Erfahrung?

Das DFB-Team hat mit den Spielen in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2018 gegen Tschechien und Norwegen lösbare Aufgaben vor der Brust. Bundestrainer Joachim Löw hat die größte Herausforderung vielleicht schon vor den Partien gemeistert: Die Kaderzusammenstellung.

Nicht zum ersten Mal mahnte Löw in den letzten Wochen den Pool an deutschen Spielern. Ein klares Stilmittel des Bundestrainers war es in der Vergangenheit schon immer gewesen, vor wichtigen und wegweisenden Perioden einen harten Konkurrenzkampf auszurufen.

Das erfolgte vor der WM 2014 in Brasilien und wurde nun wenige Tage vor dem Duell mit dem wohl härtesten Gruppengegner wiederholt. Löw sprach allerdings zum ersten Mal in seiner Amtszeit vom “härtesten Konkurrenzkampf“, den er bisher beim DFB erlebt habe.

Daran ist der 57-Jährige zu großen Teilen selbst schuld. Falls man wirklich von Schuld sprechen sollte, denn letztlich offenbart sich nur eine der großen Stärken Deutschlands. Die enorme Leistungsdichte auf sehr gutem bis gutem Niveau sucht ihresgleichen.


Keine Rollenspieler mehr

Löw wusste in der Vergangenheit stets, wie er damit umzugehen hat. Während der WM 2014 fanden noch Rollenspieler wie Kevin Großkreutz oder Lukas Podolski ihren Platz, beim Confed Cup gönnte er zahlreichen Leistungsträgern eine Pause.

Gewissermaßen steht dem DFB ein Kader von 50 oder mehr Spielern zur Verfügung. So kann sich Löw den Luxus erlauben, Spieler wie Benedikt Höwedes nicht in den Kader zu berufen, da sie karrierebestimmende Entscheidungen zu treffen haben. Auch der angeschlagene Manuel Neuer, vielleicht der beste Torwart der Welt, darf problemlos pausieren.

Löw kann es sich auch erlauben, einen Spieler wie Sandro Wagner nicht zu berücksichtigen. Somit steht für die Spiele gegen Tschechien und Norwegen ein Kader, der aus vielen Richtungen zusammengestellt wurde, letztlich aber doch ein typischer Löw-Kader ist.

Zwischen Vertrauen und Tests

Spieler wie Julian Draxler von Paris Saint-Germain oder Thomas Müller vom FC Bayern München finden trotz fehlender Einsatzzeiten beim DFB-Team unverändertes Vertrauen vor. Gleichwohl dürfen sich junge Talente beweisen.

Die Nominierungen von Amin Younes (Ajax Amsterdam) oder Benjamin Henrichs (Bayer Leverkusen) zeigen, dass Löw auch gewillt ist, über den Tellerrand zu blicken und alternative Lösungswege zu bestreiten. Shkodran Mustafi lässt grüßen.

Der Innenverteidiger wurde einst unter Kopfschütteln nominiert und verdankt Löws Blick für Qualität ein Stück weit seine Karriere, die ihn bis zum FC Arsenal führte. Gleiche Wirkung kann die Nationalmannschaft nun auf neue Gesichter entfalten.


Drei Kader zur Verfügung

Das ist das Spannende am Kader für die anstehende Spiele: Wem vertraut Löw, wem gibt Löw dringend benötigte Spielpraxis und wen testet der Bundestrainer? Gewissermaßen stehen ihm immerhin drei ganze Kader zur Verfügung.

Da wären die Helden von 2014 und zum Teil 2016 – längst nicht mehr komplett. Da wäre der Kader des Confed Cups und die Mannschaft, die aus der U21 nach oben drängt. Die Kunst auf dem Weg nach Russland wird es sein, aus diesen drei Teilen ein harmonisches Ganzes zu formen.

“Potenzial, Talent und bislang gezeigte Leistungen“ treffen aufeinander, stellte Löw selbst fest. Letztlich werden alle Spieler diese drei Faktoren in sich vereinen müssen, um sich einen der begehrten Plätze im Flieger nach Moskau zu sichern.

Der komplette DFB-Kader:

Tor: Bernd Leno (Bayer 04 Leverkusen), Marc-André ter Stegen (FC Barcelona), Kevin Trapp (Paris Saint-Germain)

Abwehr: Matthias Ginter (Borussia Mönchengladbach), Jonas Hector (1. FC Köln), Benjamin Henrichs (Bayer 04 Leverkusen), Mats Hummels (FC Bayern München), Joshua Kimmich (FC Bayern München), Antonio Rüdiger (FC Chelsea), Niklas Süle (FC Bayern München)

Mittelfeld/Angriff: Julian Brandt (Bayer 04 Leverkusen), Emre Can (FC Liverpool), Julian Draxler (Paris Saint-Germain), Serge Gnabry (TSG 1899 Hoffenheim), Mario Gomez (VfL Wolfsburg), Leon Goretzka (FC Schalke 04), Sami Khedira (Juventus Turin), Toni Kroos (Real Madrid), Thomas Müller (FC Bayern München), Mesut Özil (FC Arsenal), Sebastian Rudy (FC Bayern München), Lars Stindl (Borussia Mönchengladbach), Timo Werner (RB Leipzig), Amin Younes (Ajax Amsterdam)