Lostopf-Trick: Wie Polen das FIFA-System überlistete

Martin Hoffmann

Es könnte schon richtig knifflig werden für Deutschland.

Bei der Auslosung für die WM 2018 in Russland (ab 16 Uhr im LIVETICKER) lauern Gegner, die dem Titelverteidiger eine sehr unangenehme Gruppenphase bescheren können. England zum Beispiel, der ewige Rivale. Und sogar Spanien, die einstigen Dominatoren des Weltfußballs.


Der Weltmeister von 2010 hat es diesmal nur in Lostopf 2 geschafft - und schwebt damit als Angstszenario über den acht Gruppenköpfen: Gastgeber Russland, Deutschland, Brasilien, Portugal, Argentinien, Belgien, Frankreich, Polen.

Polen?

Polen trickste das System aus

Tatsächlich ist der Mannschaft um Bayern-Star Robert Lewandowski schon vor der WM ein Aufsehen erregender Coup gelungen.

In der FIFA-Weltrangliste - die die Grundlage für die Lostöpfe bildet - haben die Polen sich zwischenzeitlich an Spanien vorbeigeschoben. Sie waren auf einmal Sechster, wo sie vier Jahre zuvor noch 76. waren.

Grund für den großen Aufschwung war eine starke WM-Qualifikation, einerseits. Andererseits steckte auch ein einfacher Trick dahinter, mit dem die Polen einen Fehler im Ranglisten-System gezielt ausgenutzt haben.


Mechanismus der FIFA-Weltrangliste hat Tücken

Man muss wissen: Hinter dem FIFA-Ranking steckt ein komplizierter mathematischer Mechanismus, der alle Länderspielergebnisse der vergangenen vier Jahre verrechnet.

P = M x I x T x C lautet die Formel. Die Punktzahl P ergibt sich aus der Multiplikation des Match-Ergebnisses (M), der Bedeutung des Spiels (Importance, I), der Stärke des gegnerischen Teams (T) und dem Niveau des Kontinentalverbands (C).


Der Jahres-Durchschnittswert dieser Multiplikation ist die Grundlage der Rangliste. Der P-Wert von 2017 wird zusammengezählt mit denen der vergangenen drei Jahre, wobei diese umso weniger gewichtet werden, je länger sie her sind (50 statt 100 Prozent für 2016, 30 für 2015, 20 für 2014).

Freundschaftsspiele wirken verhängnisvoll

Klingt alles gut durchdacht, hat aber zum Teil absurde Tücken im Detail.

Eine davon sorgt dafür, dass die Teams dafür bestraft werden, wenn sie Spiele gewinnen: Ein Sieg in einem Freundschaftsspiel senkt durch den niedrigen I-Wert den Schnitt.

Das hat einerseits seinen Sinn, weil es verhindert, dass Teams sich durch gezielte Ansetzungen von Freundschaftsspielen gegen schwache Gegner im Ranking nach oben pushen.

Andererseits hat es aber den aberwitzigen Effekt, dass es Mannschaften für Untätigkeit belohnt - dafür, dass sie überhaupt keine Spiele bestreiten, zu denen sie nicht verpflichtet sind.

Tests erst nach dem Lostopf-Stichtag

Polen hat genau das getan: Bis zum 9. November 2017 hat es in diesem Jahr kein einziges Freundschaftsspiel vereinbart.

Der Verband vermied damit, dass die hoch gewichtete WM-Quali-Bilanz 2017 (fünf Siege in sechs Spielen) getrübt wurde - im schlimmsten Fall durch eine Testspielniederlage, für die es in der Ranking-Formel in jedem Fall null Punkte und damit einen saftigen Abzug gegeben hätte.

Genau das ist den Spaniern passiert, die in der WM-Quali trotz starker Gruppe unbesiegt geblieben waren (neun Siege, ein Remis) - sich durch ihre Test-Bilanz zwischen 2016 und Oktober 2017 (vier Remis und eine Niederlage in neun Spielen) aber den Schnitt verhagelten.

Erst nach dem Stichtag für die Lostopf-Einteilung setzte Polen wieder zwei Tests gegen Uruguay und Mexiko an (0:0, 0:1) und rutschte dadurch prompt wieder hinter die Spanier.


Polen folgte damit dem Beispiel von Wales und Rumänien, die sich vor der WM-Qualifikation durch völlige beziehungsweise weitgehende Vermeidung von Testspielen im Ranking nach oben beförderten - und damit in Lostopf 1.

FIFA kündigt Reform an

Nun sind es Lewandowski und Co., die vom Systemfehler profitieren, während andere Nationen darunter leiden.

Russland zum Beispiel wird bei der Lostopfzusammenstellung für die WM-Qualifikation 2022 zwangsläufig dafür bestraft, dass es in den vergangenen Jahren nur Freundschaftsspiele bestritt - obwohl ihnen als Gastgeber 2018 gar nichts anderes übrig blieb. Die Russen sind aktuell nur 65. der Weltrangliste, zwischen Haiti (57.) und den Kapverden (68.).


Womöglich aber erspart die FIFA den Russen dieses Schicksal noch. Sie hat kürzlich erklärt, nach der WM-Quali eine Reform in Erwägung zu ziehen, "um die Weltrangliste zu verbessern".

Es ist abzusehen, dass das eine komplizierte Aufgabe sein wird. Aber auch eine unvermeidliche.