London teilte im Fall Skripal in beispielloser Weise Geheiminformationen

Polizei am Anschlagsort in Salisbury

Im Fall Skripal hat Großbritannien offenbar in nie da gewesener Weise Geheimdienstinformationen mit seinen Verbündeten geteilt. Die britische Regierung habe ihre Partner auf beispiellose Weise in ihre Erkenntnisse zu dem Giftanschlag eingeweiht, teilte am Dienstag ein hochrangiger Regierungsvertreter in London mit. Unterdessen stieg die Zahl der Staaten, die infolge des Vorfalls von Anfang März diplomatische Maßnahmen gegen Russland ergriffen haben, weiter an.

Der britische Regierungsvertreter wertete die Weitergabe von "Geheiminformationen von nie da gewesenem Niveau" als Erfolg: Sie habe zu den zahlreichen Ausweisungen von russischen Diplomaten geführt, erklärte er.

London hatte lange auf solche Strafmaßnahmen gedrungen, ehe die EU-Partner auf dem Brüsseler Gipfel vergangene Woche dem Drängen nachgaben. Premierministerin Theresa May hatte die Partner dort in einer vertraulichen Sitzung über die britischen Erkenntnisse unterrichtet.

Als Reaktion auf den Giftanschlag auf den früheren russischen Doppelagenten Sergej Skripal in Großbritannien haben bis Mittwoch 26 Staaten, darunter Deutschland und die USA, die Ausreise von russischen Diplomaten angeordnet. Auch die Nato entzog sieben russischen Diplomaten die Akkreditierung. Insgesamt sind fast 150 Russen von den Ausweisungen betroffen, darunter 23 in Großbritannien.

Auch Luxemburg gab am Mittwoch bekannt, dass es seinen Botschafter aus Moskau für Beratungen abziehen werde. "Im Zusammenhang mit dem Angriff von Salisbury steht die luxemburgische Regierung völlig solidarisch hinter Großbritannien", hieß es in einer Mitteilung des Außenministeriums, das damit eine Kehrtwende vollzog. Noch am Dienstag hatte das Großherzogtum mitgeteilt, es werde nicht dem Beispiel der 18 EU-Staaten folgen, die bisher russische Diplomaten ausgewiesen haben.

Bulgarien, das derzeit die Präsidentschaft im Rat der Europäischen Union innehat, verzichtete auf Ausweisungen und kündigte stattdessen Rücksprache mit seinem Botschafter in Russland an. Österreich hatte mit der Begründung Maßnahmen gegen Russland abgelehnt, dass es lieber als Brücke zwischen Ost und West dienen wolle. Die EU-Mitglieder Griechenland, Zypern, Malta, Slowenien, die Slowakei und Portugal haben bisher ebenfalls nichts unternommen.

US-Verteidigungsminister Jim Mattis sagte am Dienstag, die Vergiftung des ehemaligen Agenten in Großbritannien sei Teil der russischen Strategie, Einsätze im Ausland auszuführen und dann die Verantwortung dafür abzustreiten. Mattis verglich den Vorfall in Salisbury mit der russischen Annexion der Krim im Jahr 2014 mithilfe militärischer Kräfte ohne Hoheitszeichen. Russland versuche so "die Einigkeit der westlichen Allianz" zu brechen, sagte er.

Kritik am Vorgehen des Westens gegen Russland kam vom früheren EU-Kommissar Günter Verheugen. Die Vorwürfe gegen Moskau basierten auf "Annahmen" und nicht auf "gesichertem Wissen", sagte Verheugen im ZDF-"Morgenmagazin". Er sprach vom "Beginn einer schweren internationalen Krise" und bezweifelte die Glaubwürdigkeit des britischen Außenministers Boris Johnson. Der habe während der Brexit-Kampagne "so viel gelogen, dass man kaum noch mitkommen kann".

Die britische Regierung und ihre westlichen Verbündeten machen Moskau für den Angriff auf Skripal und seine Tochter Julia am 4. März im englischen Salisbury verantwortlich. Beide liegen weiterhin in einem lebensbedrohlichen Zustand im Krankenhaus. Russland weist die Vorwürfe entschieden zurück und kündigte eine Reaktion auf die Ausweisungen an.

Russlands Staatschef Wladimir Putin ist offenbar trotz der jüngsten Eskalation an einem Treffen mit US-Präsident Donald Trump interessiert. Russland stehe einer solchen Begegnung nach wie vor "offen" gegenüber, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow.