Liverpooler Krise: Die Fehler des Jürgen K.

Der FC Liverpool musste gegen die Tottenham Hotspur eine schwere 1:4-Niederlage hinnehmen. Nicht zum ersten Mal in dieser Saison wurde deutlich, was Mannschaft und Trainer fehlt.

Jürgen Klopp steckt mit dem FC Liverpool in der Krise

“Ich will keinen einzelnen Spieler beschuldigen”, sagte Klopp im Anschluss an die herbe Pleite im Wembley Stadium. Ein Rekordpublikum von 80.827 sah weitgehend chancenlose Reds, die sich von ihrer eigenen Defensive im Stich gelassen sahen.

Somit war es für Klopp eben doch an der Zeit, seinen sonst so bedingungslosen Schutz für die Mannschaft zurückzuziehen. Nach 32 Minuten hatte er Dejan Lovren vom Platz geholt: “Er war auch nicht schlechter als Joel Matip.”

Für die öffentliche Kritik an namentlich genannten Spielern wurde Klopp von mehreren TV-Experten heftig kritisiert. Das sei auf der Insel ein absolutes No-Go.

ZumZeitpunkt von Lovrens Auswechslung stand es bereits 2:0. Zweimal hatte Lovren einem langen Ball hinterhersehen müssen, besonders das zweite Gegentor wird ihm einige Albträume bereitet haben. Lovren flog unter einem Zuspiel durch, Harry Kane marschierte hinter ihm in Richtung Tor.

Die Defensive bleibt Achillesferse

Kane, hinlänglich bekannt für seine Torgefahr, flankte auf Heung-Min Son und stellte die Weichen damit auf Sieg. Getroffen hatte er zuvor im Wembley noch nicht – der FC Liverpool machte jedoch auch das möglich.

Die Defensive der Klopp-Mannschaft ist auch weiterhin die kaum zu übersehende Achillesferse. Schon vor einigen Wochen hatte es ein 0:5 gegen Manchester City gegeben.

Egal ob Simon Mignolet oder Loris Karius, egal ob Ragnar Klavan, Joel Matip, Joe Gomez oder eben Lovren – ganz auf dem Niveau Premier League scheint momentan keiner der Akteure zu sein.

Bisher war Klopp stets darum bemüht, dies nicht alleine auf die letzte Reihe seiner Mannschaft zu schieben. Seine Idee ist die Idee vom Kollektiv. Wenn das Pressing vorne nicht greift, kommen die Abwehrspieler ins Schwimmen.


“Das Tor wäre mit mir nicht gefallen”

Doch ein hoher Ball ist ein hoher Ball und wenn ein Innenverteidiger seinen Job ausfüllt, dann klärt er einen solchen. Er springt nicht darunter durch wie Lovren und er köpft ihn nicht unbedrängt vor den eigenen Strafraum wie Matip beim dritten Gegentreffer.

Was ein Trainer damit zu zun hat? Relativ wenig, wie Klopp selbst verdeutlicht. “Wäre ich in dieser Situation auf dem Platz gewesen, wäre Harry nicht an den Ball gekommen – das Tor wäre mit mir auf dem Platz nicht gefallen”, fluchte der 50-Jährige über das erste Gegentor.

Gleichwohl ist Klopp als Trainer jedoch sehr wohl verantwortlich für das Auftreten seiner Mannschaft. Und nicht nur das, in England zählt er auch als eine Art Sportdirektor. Ein entsprechender Transfer ist im Sommer jedoch nicht geglückt.

Defensiv-Transfer blieben aus

Trotz bereits bekannter Defizite in der Abwehr verpassten die Reds es, diese Schwachstelle mit einem Transfer auszuräumen. Alex Oxlade-Chamberlain und Mohamed Salah kosteten viel Geld, sind aber klare Offensivakteure.

Die eigentlichen Ziele Virgil van Dijk und Naby Keita wurden verpasst – im Fall von Keita zumindest vorerst. “Manche Leute glauben an Transfers, ich glaube an Training“, hatte er kurz nach seinem Einstand in England verlauten lassen.

Worte, die den ehemaligen Trainer von Borussia Dortmund langsam einholen. Klopp wird gemessen an der Euphorie, die er bei seinem Amtsantritt auslöste. Die Fans erwarteten einen Messias, einen Visionär und erfreuten sich lange am neuen Fußball vom Festland.


Entwicklung stimmt nicht

Diesen spielt Liverpool noch immer, allerdings nicht mehr exklusiv. Manchester City und Manchester United überfahren die Liga derzeit mit furiosem Angriffsfußball, Antonio Conte hat beim FC Chelsea schon in der letzten Saison die italienische Variabilität eingeführt.

Und Klopp? Der hat es verpasst, seine Mannschaft entsprechend zu entwickeln. Mannschaften wie der FC Watford stehen inzwischen vor den Reds, die den schlechtesten Start seit 1964 hingelegt haben und derzeit auf dem neunten Rang rangieren.

Nur ein Wert, der Klopp gar nicht gefallen wird. Vorgänger Brendan Rodgers wurde die anfällige Defensive zum Verhängnis. Doch unter Klopp sind die Reds statistisch gesehen noch schlechter. In seinen ersten 77 Spielen als Liverpool-Coach kassierte die Mannschaft 98 Gegentore, unter Rodgers waren es 94. Mit 58 individuellen Fehlern ist Liverpool in den letzten beiden Jahren das zweitschlechteste Premier-League-Team, nur Swansea war mit 59 Fehlern noch anfälliger.

Die Kunst eines Trainers ist es auch immer, mit dem Spielermaterial umzugehen, das verfügbar ist. Es ist zumindest nach den letzten Auftritten fraglich, ob die Defensive die hohen Ansprüche des Systems Klopp noch erfüllen kann.


Bayern-Gerüchte relativieren sich

“Über die Top Vier müssen wir heute nicht reden, wir sind Neunter“, stellte ein niedergeschlagener und sich in Ironie flüchtender Klopp im Anschluss an die Partie fest. Dabei war das eigentlich das Ziel gewesen: Die Reds wieder in die Spitzengruppe führen.

Natürlich gilt diese Zielsetzung langfristig und noch sind ein Großteil der Punkte zu vergeben, doch zwölf Punkte Rückstand auf den Tabellenführer nach neun Spieltagen sprechen eine deutliche Sprache.

Nicht zuletzt dürfte die derzeitige Performance des FC Liverpool auch die immer wieder kursierenden Gerüchte rund um den FC Bayern München und Klopp relativieren. Der hat derzeit ganz andere Sorgen als eine mögliche Nachfolge von Jupp Heynckes.

Video: Klopps katastrophale Statistik als Liverpool-Coach