"Wir haben uns nicht am Telefon gegenseitig vollgeweint"

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"Wir haben uns nicht am Telefon gegenseitig vollgeweint"
"Wir haben uns nicht am Telefon gegenseitig vollgeweint"

Nach der historischen 0:5-Pleite bei Borussia Mönchengladbach ist mit dem DFB-Pokal der erste große Titel der Saison bereits außer Reichweite des FC Bayern.

Nach Gala-Auftritten zuvor kam die Niederlage überraschend, die Art und Weise war sogar erschreckend. Ein großer Rückschlag für Bayern-Coach Julian Nagelsmann, der die Schmach wegen seiner Corona-Infektion aus dem Home Office mitansehen musste.

Auch beim Gastspiel bei Union Berlin am Samstag wird der 34-Jährige noch von Zuhause zugucken müssen. Er hofft auf ein Comeback am kommenden Dienstag in der Königsklasse. Doch greift Nagelsmann nach dem Debakel aus der Ferne durch, wie lief die Aufarbeitung der Geschehnisse und wie soll eine Reaktion gelingen? Antworten auf diese Fragen gab er beim Pressetalk am Freitagmittag. Außerdem stellte er eine Forderung an seine Mannschaft. Die PK zum Nachlesen.

+++ Das war‘s +++

Nagelsmann verabschiedet sich. Die PK ist beendet.

+++ Welche Rolle spielt Psychologe Pelka? +++

„Am Ende bestimme ich es nicht, der Maximilian Pelka heißt nicht umsonst Doc. Man spricht nicht viel über diese Dinge, das ist Teil des Jobs eines Psychologen. Max wird immer selbst entscheiden, auf welche Spieler er zugeht und wie intensiv er mit wem spricht. Er ist kein Plakativ-Psychologe, der nach einer Niederlage plötzlich mit allen spricht. Das ist ein laufender Prozess. Ich frage da nicht nach und mache es ihm mit der Schweigepflicht leicht. Ich melde mich nur, wenn ich glaube, dass ein Spieler den ein oder anderen Kniff braucht, um mit einer Situation klarzukommen.“

+++ Nagelsmann spricht von neuer Erfahrung +++

„Wenn du als Mannschaft und Mensch an Muster gewöhnt ist, und dann ist es komplett anders, dann kann der Mensch als Gewöhnungstier nicht so schnell rauskommen. Es war eine neue Erfahrung, dass alles schiefgeht. Und damit können wir das Mittwoch-Buch schließen.“

+++ Wer übernimmt Verantwortung? +++

„Ich muss keinen beauftragen. Es ist Berufsbild von Führungsspielern und Co-Trainern, viel mit Spielern zu sprechen. Sie wissen, dass Gespräche helfen, aus solche Situationen rauszubekommen. Ich versuche, Einfluss zu nehmen. Ab Dienstag bin ich dann hoffentlich auch wieder da.“

+++ Wie weit ist Nianzou? +++

„Tanguy ist ein großes Talent mit viel Potenzial. Er muss seine Fehlerquote in Trainings und Testspielen heruntersetzen. Das ist in dem Alter normal. Fehler als Innenverteidiger haben eine große Tragweite. Es bedarf Zeit in der Entwicklung. Er ist ein Spieler, von dem ich viel halte, auch wenn er derzeit keinen leichten Stand hat.“

+++ Nagelsmann wird philosophisch +++

„Wir waren uns einig, dass uns das nicht mehr passieren sollte. Nicht wegen der öffentlichen Meinung, sondern weil es wehtut. Das ist das Entscheidende. Es geht nicht um Wiedergutmachung. Momente im Leben sind von einer Einmaligkeit geprägt. Man kann Dinge nicht mehr ausmerzen, die in der Vergangenheit sind. Das Leben wirft manchmal Steine und die sind unterschiedlich schwer. Der schwere Stein von Mittwoch wird dort immer liegen. Es geht darum, jetzt eine stabile Leistung zu zeigen und ein gutes Spiel zu machen.“

+++ „Einer der traurigsten Momente meiner Karriere“ +++

„Wir sind alles Menschen und es war mit der Finalniederlage gegen Dortmund im letzten Jahr einer der traurigsten Momente in meiner Karriere. Spieler von Bayern München haben in ihrem Karriereverlauf selten solche Nackenschläge. Es ist etwas Besonderes, das schüttelst du nicht einfach ab. Wir haben uns am Telefon aber nicht vollgeweint. Wir haben Dinge offen angesprochen und den Spielern Lösungen an die Hand zu geben. Ich hatte bei allen Spielern das Gefühl, dass wir das aus den Köpfen auch wieder rausbekommen. Wir müssen bei Union an die Leistungsgrenze gehen. Wir sollten mit maximaler Intensität in das Spiel gehen.“ (Bundesliga: Union Berlin - FC Bayern, Sa. ab 15.30 Uhr im LIVETICKER)

+++ Wie hoch ist der Druck nun? +++

Auf SPORT1-Nachfrage: „Der Druck hat sich nicht groß geändert, den habe ich bei Bayern München immer. Ich weiß, wie das Geschäft funktioniert, ich weiß, wie die Medien funktionieren und ich weiß, wie Bayern München funktioniert. Ich habe aber bei jedem Klub Druck gehabt. Es gab keinen wo gesagt wurde, es ist egal, wenn wir heute verlieren. Es ist wichtig, in jedes Spiel mit 100 Prozent reinzugehen. Dass wir menschlich sind, das hat man gemerkt. Der Druck ist nun aber nicht höher als vorher, auch wenn ich weiß, dass solche Ergebnisse einmalig sein sollten, wenn man eine Halbwertszeit bei Bayern haben will.“

+++ „Ich habe viel rumgeschrien“ +++

„Es ist nichts in meiner Küche geflogen. In Hoffenheim habe ich mal eine Flasche geworfen, da habe ich schlechte Erfahrungen gemacht. Die Küche sieht aus wie vorher, ich hoffe, man hört die Spülmaschine nicht, die läuft gerade. Ich habe am Mittwoch aber viel rumgeschrien, die Nachbarn werden sich auch gefragt haben, was da los ist. Ich habe viel mit Hasan und Oliver Kahn geschrieben und telefoniert. Ich habe gesagt, was meine Lehren daraus sind, habe aber auch sie viel gefragt. Sie haben als Ex-Profis viel erlebt. Ich habe auch den Spielern zugehört, um zu wissen, was ihnen auf dem Herzen liegt. Ich werde morgen wieder ein paar Worte an das Team per Teams richten, vor der Abfahrt. Und dann werden wir hoffentlich ein gutes Auswärtsspiel machen.“

+++ Wie sehr fehlt der Mannschaft der Trainer? +++

„Es geht um eine Ansprache. Wir haben keine Mannschaft, die erfahren ist, mit solchen Verläufen umzugehen. Das bin ich auch nicht. Wenn du nah am Spiel hast, dann kannst du eingreifen. Ich habe das per Video gemacht, aber es ist anders. Das kann jeder Lehrer bestätigen, der nur noch digital unterrichten konnte. In Momenten, wo es nicht läuft, ist die große Distanz ein komisches Gefühl.“

+++ Bekommt Upamecano eine Pause? +++

„Awoniyi ist ein ähnlicher Stürmertyp. Es ist im Bereich des möglichen, dass wir Upa auch mal eine Pause geben. Er hat viel gespielt. Das ist aber nicht sicher und es geht nicht um Konsequenzen aus der Leistung am Mittwoch.“

+++ Nagelsmann nimmt Upamecano in Schutz +++

„Er arbeitet viel mit einem Körper und seiner Geschwindigkeit. Wenn er gegen Gegner spielt, die selbst schnell sind, wie Embolo, dann muss er seinen Stil ändern. Er ist ein junger Spieler. Das sind Lerneffekte, die er braucht. Er ist ein intelligenter Bursche. Er ist ein junger Spieler und wird das lernen.“

+++ Unruhe als Grund für die Pleite? +++

„Unruhe tut nie gut, ich glaube aber, dass wir auch nicht gewonnen hätten, wenn die Themen nicht gewesen wären. Es kamen zu viele Dinge zusammen. Genau wie ich gesagt habe, dass wir nicht gewonnen hätten, wenn ich dabei gewesen wäre. Du kannst deine Rolle für drei Wochen nicht verändern, das ist normal. Ein Co-Trainer kann keine Show abziehen, da es der Rolle nicht entspricht.“

+++ „Ich lasse keinen Spieler wegen einer schlechten Leistung draußen“ +++

Wir haben immer wieder rotiert in den letzten Wochen. Vor der Saison wird der Kader in der Breite kritisiert und wenn man dann wenig rotiert, ist es auch seltsam. Es braucht ein stabiles Konstrukt und eine Balance. Wir haben einen oder zwei extreme Dauerbrenner mit Joshua Kimmich, Manuel Neuer und vielleicht noch Lewy. Wir versuchen mit objektiven Daten zu überlegen, ob ein Spieler spielen sollte. Wir haben das mit einigen Wechseln gut hinbekommen. Wenn du ein Gespräch mit einem Spieler hast und der sagt, dass er bei 100 Prozent ist, dann ist es schwer, ihn draußen zu lassen. Hinterher ist man immer schlauer. Wir haben unabhängig vom Ergebnis Überlegungen zu rotieren. Ich lasse keinen Spieler wegen einer schlechten Leistung draußen. Wir waren alle nicht gut - außer Manu.“

+++ Nagelsmann analysiert das Debakel +++

„Ich saß Zuhause vor dem Fernseher. Wir haben gezeigt, dass wir Menschen und keine Maschinen sind. Uns sind Fehler passiert, die in Kombination mit einem guten Gegner schnell zu drei Gegentoren geführt haben. Wir haben gezeigt, dass wir auch ein bisschen verwundbar sind. Da müssen wir Lehren für die Zukunft ziehen. Es geht auch um die Art und Weise, wie wir ausscheiden. Es war historisch, da müssen wir die kritischen Worte empfangen. Wir müssen jetzt den Fokus darauf legen, was wir in Zukunft beeinflussen müssen. Wir sind fehlbar und machen auch mal an einem Tag sehr viel nicht richtig. Es ist viel zusammengekommen. Wir dürfen uns nicht ablenken lassen. Wir müssen immer beweisen, dass wir zu einem der besten Teams in Europa gehören und nicht Kreisliga sind. Ich wäre gerne live dabei gewesen, ich glaube aber nicht, dass wir das Spiel dann gewonnen hätten. Wir waren alle überrascht, wie die Dinge gekommen sind. Das sollte jetzt etwas Einmaliges sein. Wir haben die Chance, nun wieder aufzustehen. Ich denke schon, dass es eine Reaktion gibt.“

+++ Goretzka droht auszufallen +++

„Leon hat einen Tritt unterhalb des Knöchels bekommen. Es ist eine Fleischwunde, da werden wir gucken, ob er dabei sein kann. Ich habe mit ihm telefoniert, es ist schon besser. Ich gehe davon aus, dass er spielen kann. Es fällt sonst wohl kein Spieler aus, das werden wir heute nach dem Training aber besser wissen.“

+++ „Mir geht‘s gut“ +++

Nagelsmann ist da: „Mir gehts gut, es ist alles in Ordnung. Der Mittwoch steckt aber noch in den Knochen. Ich bin hoffentlich am Dienstag wieder dabei, dann habe ich die geforderten 14 Tage Quarantäne hinter mir und kann in der Champions League hoffentlich wieder an der Seitenlinie stehen.“

+++ Gleich geht‘s los +++

Nagelsmann sollte pünktlich aus dem Home Office zugeschaltet werden.

+++ Fliegen diese Bayern-Stars jetzt aus dem Team? +++

In der SPORT1-Einzelkritik erhielten vier Spieler der Bayern im Spiel bei den Fohlen die Note 6: Dayot Upamecano, Benjamin Pavard, Leroy Sané und Serge Gnabry. Sie müssen um einen Stammplatz zittern.

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