Literaturpreis der Stadt Köln: Jürgen Becker und Yannic Federer geehrt

Beide haben bereits Preise gewonnen.

Literarische Abende sind ja gewiss keine Seltenheit in Köln. Auch war nun dieser, von dem hier die Rede sein soll, nicht spektakulär in dem Sinne, dass dem Zuhörer neue Welten erschlossen worden wären. Doch was sich da zwischen Rathaus und Literaturhaus, nur zwölf Gehminuten voneinander entfernt, im Namen der Stadt und in unmittelbarer Folge ereignete, zeigte geradezu emblematisch Weite und Tiefe, Bewährtes und Neues der literarischen Kunst in Köln.

Im Muschelsaal des Rathauses wurde zunächst einmal Jürgen Becker geehrt. „Es wäre wirklich nicht nötig gewesen“, sagte der Schriftsteller zu dem Empfang, den Oberbürgermeisterin Henriette Reker ihm zu Ehren ausgerichtet hatte. Es galt, den 85. Geburtstag des Literaten zu feiern – mit Kölsch und Kuchen und Käsebrötchen. Der Stichtag 10. Juli ist zwar längst verstrichen. Auch ist Becker zwischenzeitlich schon im Literaturhaus gewürdigt worden. Doch laut Protokoll sei es der Oberbürgermeisterin „ein Herzensbedürfnis“ gewesen, Dank zu sagen, Lob zu formulieren und Stolz zum Ausdruck zu bringen.

Becker ist zweifacher Preisträger

Mit gutem Grund. Schließlich ist Jürgen Becker als einziger Autor des Erdkreises gleich zweimal mit dem Literaturpreis der Stadt Köln ausgezeichnet worden. Und dass er zudem Träger des Büchnerpreises ist, hebt ihn zusätzlich heraus aus der Riege der deutschsprachigen Autoren. So kam, was kommen sollte – und Becker stellte fest: „Ich wusste gar nicht, dass sich ein 85. Geburtstag so lange hinziehen kann.“

Ein kurzes Loblied auf Köln sang Becker, in dessen Werk die Stadtlandschaft, zumal die im Rechtsrheinischen, eine zentrale Rolle spielt. Von der Freude über die Toleranz der Stadt kam er zügig auf die gelegentliche Notwendigkeit zur Intoleranz zu sprechen – nämlich „Intoleranz gegenüber dem, was unsere Toleranz infrage stellt.“ Es seien „politische Kräfte um uns“, sagte er im Nachgang zur Bundestags-Wahl, die in ihm Erinnerungen an seine Kindheit wachriefen, als es ein böses Erwachen gegeben habe.

Das ist eine Vergangenheit, die Yannic Han Biao Federer, geboren 1986 in Breisach, nur aus den Büchern kennt. Das einschneidendste historische Ereignis seines bisherigen Lebens war womöglich der vernichtende Anschlag auf das World Trade Center in New York im Jahre 2001. Für den jungen Autor ist dies jedenfalls der Startpunkt seines Textes „Alles ist aus Pappmaché“, in dem er den Lebensweg zahlreicher Personen bis in die Gegenwart verfolgt. Darauf verwies Bettina Fischer, Leiterin des Literaturhauses, in ihrer Laudatio auf den diesjährigen Träger des Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendiums der Stadt Köln. Sein Erzählen verlasse sich darauf, sagte Fischer, „durch die Beschreibung von Oberflächen Abgründe aufscheinen zu lassen.“ Zwar sei dieser Text ernst grundiert, habe aber durchaus komische Momente.

Das wurde dann auch deutlich, als der Förderpreisträger aus dem Roman-Manuskript las. Dass es seine Eigenart sei, alles und jedes mit einem „und“ zu verbinden, erläuterte Federer vorab im aufschlussreichen Gespräch mit Tilman Strasser. Weil dies doch genau das Leben sei: Es passiere eine „Scheiße“ und dann gehe es weiter und dann passiere das und dann das nächste. Mit dem „und“ gleitet er über die Klippen und Klüfte hinweg. Das alles klingt wie ein kräftig mäandernder Erzählstrom in Kettensätzen.

Beim Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium gehe es darum, so sagte es der Literaturhaus-Vorsitzende Ulrich Wackerhagen zu Beginn, der Literatur den Freiraum zu verschaffen, den sie brauche. „Nutzen Sie den Preis“, riet anschließend Elfi Scho-Antwerpes, stellvertretende Bürgermeisterin, bei der Überreichung des Preises, der eben nicht nur Anerkennung, sondern auch Ansporn sein soll. Aber an der literarischen Motivation mangelt es Federer, der an der Uni Bonn einer germanistische Doktorarbeit über Zombies schreibt, gewiss nicht. Er stelle sich gerne Aufgaben, sagte er. Jetzt muss er erst einmal den Roman mit den vielen „und“ abschließen. Dann kann die nächste Herausforderung kommen: „Ich gebe mir gerne Aufgaben – das ist wichtig, um Spaß zu haben.“...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta